Kulturwissenschaften

Essentials zur Umweltgeschichte

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2020

Mit dem Publikationssystem essentials, einem agilen Print- und eBook-Format, hat der Springer-Verlag seit 2014 sein Marketing den durch die Digitalisierung veränderten Lesebedürfnissen angepasst [vgl. auch FBJ 2016/7: Springer essentials − ein Erfolgsprodukt, Rezension wh]. Die kompakten Wissensbausteine aus unterschiedlichsten Fachgebieten umfassen mittlerweile über 900 Titel und belegen damit das wachsende Interesse an dieser Informationsquelle.

Die Konzeption der essentials erlaubt es engagierten Autoren/innen, die wissenschaftlichen Inhalte ihrer Publikations- und Lehrtätigkeit in destillierter Form zu vermitteln. Das ist erfahrungsgemäß keine leichte und vielfach unterschätzte publizistische Übung. Wie sie gelingen kann, zeigen die hier vorgestellten drei essentials zur Umweltgeschichte, die das Ziel verfolgen, die Systematisierung umwelthistorischen Wissens multiperspektivisch als Synthese verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zu verstehen. Die seit Langem bekannten und sich drastisch verschärfenden ökologischen Herausforderungen sowie qualitativ neuartige Umweltprobleme in einer globalisierten Welt verlangen ein wissensbasiertes Problembewusstsein, das auch das Lernpotential der Umweltgeschichte ausschöpft. Ziel der hier vorgestellten Abhandlungen ist es, einen essentiellen Beitrag zur ökologischen Orientierung und Grundbildung zu leisten.

Der Seniorautor Bernd Herrmann (Prof. i.R., *1946) hat als physischer Anthropologie auf dem Gebiet der Biologie prähistorischer und historischer Bevölkerungen durch innovative Konzepte sowie die Entwicklung analytischer Verfahren, inkl. molekulargenetischer Untersuchungsmethoden, diesen Forschungszweig maßgeblich geprägt und ferner durch die Verbindung natur- und kulturwissenschaftlicher Aspekte in der Humanökologie wesentlich zur Fundierung der Umweltgeschichte beigetragen. Den entscheidenden Durchbruch zur Etablierung dieses „fächerübergreifenden Zusammenhangs“ (s. Bd. 1, S. 11) brachte das Göttinger DFG-Graduiertenkolleg Interdisziplinäre Umweltgeschichte. Naturale Umwelt und gesellschaftliches Handeln in Mitteleuropa (2004–2013). Im Abschlussjahr des Kollegs erschien Herrmanns Lehrbuch Umweltgeschichte bei Springer, dem 2016 eine überarbeitete Fassung zur „Disziplinierung der Umweltgeschichte“ (s. dort) folgte.

Co-Autor der essentials ist der promovierte und habilitierte Neuzeit-Historiker Jörg Sieglerschmidt (*1945), der bis 2010 u.a. an der Univ. Konstanz als Privat­dozent mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit (Kirchen-, ­Sozial-, Wirtschafts-, Wissenschaftsgeschichte) arbeitete und Autor sowie Herausgeber zahlreicher geschichtswissenschaftlicher Werke ist, z.B. der Enzyklopädie der Neuzeit (Metzler).

Bernd Herrmann/Jörn Sieglerschmidt, Umwelt­ geschichte im Überblick. Springer Spektrum, Fach­ medien, }essentials{, Wiesbaden, 2016, Softcover, 1 Abb. sw, X, 37 S., ISBN 978-3-658-14314-5, € 9,99.

Der Überblick beginnt mit einem Blick auf „das Ganze“, auf die Erde als Himmelskörper aus Sicht der Apollo-Kapsel, sowie der Aufforderung des Leipziger Anthropogeographen Friedrich Ratzel (1844–1904) zu einer „hologäische[n] Sichtweise“, um „einzelne Phänomene in die zugehörigen Zusammenhänge zu stellen“ (S. IX f.). Gleichzeitig wird auf die Zeit- und Kulturabhängigkeit von Weltbildern hingewiesen, indem unter Bezug auf Leuchttürme der Philosophie wie Aristoteles (384–322 v. Chr.), Epiktet (c.50-138) und David Hume (1711-1776) bemerkt wird, dass nur naturwissenschaftliches Wissen wahrheitsfähig sein kann, nicht jedoch Ansichten und Meinungen. Folglich geht es dann aus wissenschaftlicher Perspektive um die thematische Annäherung an eine Umweltgeschichte als fächerübergreifende Betrachtung vergangener Mensch-Umwelt-Interaktionen, die zu Einsichten über heutige Wechselwirkungen beiträgt und Wissensimpulse für die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Umwelt-Debatten vermittelt.

In geschliffener Formulierung wird dargelegt, dass die Geschichtswissenschaft relativ lange brauchte zur mittlerweile trivialen Einsicht, dass historische Entwicklungen nicht nur durch geistige Motive, Macht- und Wirtschaftsinteressen, sondern auch und wesentlich durch naturale Ereignisse und Faktoren wie elementare Lebensbedingungen und Lebensbedürfnisse geprägt werden.

Umweltgeschichte versteht sich somit als Naturgeschichte, da ökosystemische Strukturelemente kulturelle Entwicklungen initiierten und beschleunigten. Kultur wird in diesem Kontext verstanden als „eine nach Gesetzmäßigkeiten der optimierenden Lebenshaltung ablaufende ökologische Anpassungsleistung an die Vielzahl der unvorhersehbaren Veränderungen in menschlichen Gesellschaften und in der naturalen Umwelt“ (S. 3).

Im Kapitel Elementarbegriffe erläutern die Autoren, wie sich der Umweltbegriff im späten 19. und frühen 20. Jhdt. durch Sichtweisen des Leipziger Geographen und darwinischen Zoologen Friedrich Ratzel und biosemiotische Überlegungen des vitalistischen Biologen und Philosophen Jakob von Uexküll (1864–1944) zukunftsweisend entwickelte, jedoch erst mit der „Erhebung der Ökologie zu einer heilsbringenden Wissenschaft“ als „ökologische Kategorie“ (S. 8) in den allgemeinen Sprachgebrauch einfloss. Neben der Definition der Fragestellung der Umweltgeschichte als Analyse der Beziehungen zwischen Menschen und den von ihnen genutzten naturalen Ressourcen, geht es ferner um Die Sicht auf die Natur (S. 11), um den Zusammenhang zwischen Überzeugungssystemen und Wirtschaftsformen, da die als gültig erachteten Vorstellungen von der Natur den Umgang mit ihr prägen. So werden z.B. der notwendige Energieverbrauch von Lebewesen als Entropiesammler und Ressourcenkonkurrenz und -grenzen sowie Nachhaltigkeit thematisiert.

Wie unterschiedlich die Sichtweisen sind und wie notwendig es ist, zu einer − existenzwahrenden − neuen Universalität zu finden, wird an Philippe Descolas (*1949) Typologie unterschiedlichster Weltbilder dargelegt, wie dem westlichen dualistischen Naturalismus neben totemistischen, animistischen oder analogistischen Kosmologien. Unter dem Neologismus Pentamorphosen werden in drei Unterkapiteln ökosystemare Voraussetzungen (Zeit, Raum, Stoff, Energie und Information), Umweltmedien (Feuer, Wasser, Luft und Erde sowie Biota) und umwelthistorische Ordnungsprinzipien (Orte, Zeiten, Akteure, Bewegung/Veränderung und Energie) behandelt. Diese rhythmisch angeordneten, konstruktiven Ordnungsprinzipien werden konzise erläutert.

Im Ökosystem werden Eigenschaften wie Konstanz, Resistenz und Zyklizität in historischer Perspektive definiert. Bei den Umweltmedien geht es um naturräumliche Bedingungen als Voraussetzungen für einen Existenz- und Handlungsrahmen, der stofflichen und energetischen Austausch erfordert, während der umwelthistorische Pentamorphos dem früh erkannten Prinzip der „Netzwerkgebundenheit von Akteuren und ihrem Sachen und Lebewesen umfassenden Umfeld“ (S. 21) unterliegt.

Ein weiteres Kapitel ist Kernthemen der Umweltgeschichte gewidmet, u.a. Anspruchsberechtigungen und Abgleichkonflikten, exemplifiziert u.a. an Allmenden und am Nachhaltigkeitsgebot sowie ferner dem Umgang mit Umweltmedien. Dabei geht es um ökologische Zwänge, extraterritorialen naturalen Ressourcenimport nach dem Kolonialmodell und die heute sträflich missachteten Thünenschen Ringe (von 1826) als Vorbild regionalen Handels. Weitere Subkapitel widmen sich Strukturen menschlicher Populationen, z.B. der Bevölkerungsdynamik, Nahrungsengpässen bzw. Hungersnöten, Fertilitätsreduzierungen, Körperhöhenwachstumseffekten, epigenetischen Auswirkungen, Seuchenzügen und Infektionskrankheiten. Dass letztere in der globalisierten Welt pandemische Ausmaße annehmen können, wie die gegenwärtig grassierende Covid-19-Pandemie zeigt, hätte man spätestens nach der Spanischen Grippe (1918–1920) mit mehr Toten als im WK I antizipieren können!

Natürlich ist ein Abschnitt spezifischen anthropogenen Ökosystemen gewidmet, z.B. der stationären nahrungsproduzierenden Wirtschaftsform, der Effizienzsteigerung durch Mechanisierung sowie der rapiden Verstädterung und den ökologischen Folgen der Bevölkerungskonzentration. Nur sporadisch wird auf Entdeckungen und Erfindungen und deren Umweltrelevanz eingegangen, um dann im Abschnitt Bewertungskategorien die warnende Einsicht zu vermitteln, dass sich gravierende Spätfolgen ökologisch wirksamer Maßnahmen aufgrund des Resilienzverhaltens vieler Systeme erst nach Jahrhunderten abzeichnen. Wenn abschließend die Frage Wozu Umweltgeschichte? aufgeworfen wird, so liegen die Antworten nach diesem Überblick auf der Hand. Es geht vorrangig darum, „nachhaltiger und nachdenklicher mit der Umwelt umzugehen“ (S. 34; kursiv wh), denn als Menschheit tragen wir die alleinige Verantwortung für das Weltökosystem. Der ausgefeilte Text ist ein wissensfundierter Weckruf in einer Zeit, in der reflektiertes ökologisches Handeln vor einem umweltgeschichtlichen Hintergrund (u.a. Klimawandel; Pandemien; Überbevölkerung) notwendiger denn je ist.

 

Bernd Herrmann/Jörn Sieglerschmidt, Umwelt­geschichte in Beispielen. Springer Spektrum, Fach­ medien, }essentials{, Wiesbaden, 2017, Softcover, 19 Abb. sw, X, 52 S., ISBN 978-3-15432-5, € 14,99.

Die Umweltgeschichte in Beispielen setzt die Inhalte des Überblicks durch eine didaktisch geschickte Bild-Auswahl und kompakte wissenschaftshistorische und umweltgeschichtliche Erläuterungen fort, ohne jedoch dessen Lektüre vorab zu erfordern, zumal ein inhaltsreiches Vorwort den wissenschaftlichen Rahmen konzise umreißt. Der Prolog beginnt mit der 11. Feuerbachthese von Karl Marx (1818–1883), die das tatkräftige Verändern der Welt dem bloßen philosophischen Interpretieren vorzieht. Dass der gebürtige Berliner Bernd Herrmann mit Jörn Sieglerschmidt ausgerechnet diesen Spruch – oder sollte man sagen propagandistischen Merksatz – auswählt, der im denkmalsgeschützten Foyer der Humboldt-Universität in Stein gemeißelt ist, kommt nicht ganz unerwartet. Vor dem Hintergrund wird das Erkenntnisinteresse der Umweltgeschichte an einem anthropogenen Ökosystem, einer idealtypischen Kolonisierungslandschaft wie den Terrassen im Nassfeldreisbau in Yünan, illustriert. Danach „[haben] Menschen die Welt auf verschiedene Weise verändert, es kommt darauf an, diese Veränderungen zu interpretieren“ (S. 1).

Marxs‘ materialistisches Diktum ist eine provokante Herausforderung für gesellschaftskritisches Denken, wie u.a. die hier nachgetragene streitbare Sammelschrift Eine angeschlagene These (1996) des Berliner Philosophen Volker Gerhardt sowie der Band Interpretieren, um zu ändern (2018) des Münsteraner Philosophen Kurt Bayertz belegen.

Es folgen 16 Beispiel-Kapitel, beginnend mit einem KurzCV von Jakob v. Uexküll und seiner Formierung der Ökologie sowie der wohl ersten Darstellung eines kybernetischen Regelkreises, gefolgt von der Entwicklung des Umweltbegriffs nach dem II. Weltkrieg.

Glauben Sie, dass Würmer in Eicheln Vorboten von Missernte und Teuerung aufgrund von Nahrungsengpässen sind? Diese und viele andere metaphorische Zusammenhänge magischen und mythischen Denkens waren Auffassungen früherer Zeiten, die in der sog. Hausväterliteratur gesammelt wurden. Heute werden sie nur noch belächelt, nachdem sie durch experimentierende und quantifizierende Naturwissenschaft widerlegt wurden. Mit der „Entzauberung der Welt“ (sensu Max Weber) ging offenbar auch die Fähigkeit verloren, Dinge der sichtbaren Welt ursächlich in einen inneren Zusammenhang zu stellen. Selbstverständlich plädieren die Autoren nicht für „die Wiederbelebung […] obsoleter Erklärungsansätze“, aber dafür, die Bedeutung unseres persönlichen Handelns „für die allgemeine Zukunft der Natur“ (vgl. S. 7).

Alles hängt mit allem zusammen: An der Sonnenuhr der himmlischen Medizin von Petrus Miotte, einem Kupferstich aus dem Werk Ars magna lucis et umbrae von Anthanasius Kircher (1602–1680), werden die Mikro- und Makrokosmos verbindende mediävistische Denkfigur des Omnia in omnibus beschrieben und die Bildrhetorik erläutert, endend mit der Feststellung, dass durch naturwissenschaftliches Denken „[d]ie Zeichenhaftigkeit der Welt […] durch eine Welt mit Anzeichen ersetzt worden ist“ (S. 11). Anhand des von Charles R. Darwin (1808–1882) entwickelten Beispiels für die wechselseitige Bedingung der Häufigkeit von Tier- und Pflanzenarten und dessen Fortschreibungen durch Thomas Huxley (1825–95), Carl Vogt (1817–1851) und Ernst Haeckel (1834–1990) wird die Entdeckung ökologischer Zusammenhänge exemplifiziert. Viele dürften die angenommene Kausalkette zwischen Rotem Klee, Hummeln, Feldmäusen und Katzen kennen, und vielleicht auch die Fehlschlüsse bis hin zur Geistesentwicklung, Freiheit und Kultur im sozialdarwinistischen Denken Ernst Haeckels. Dagegen, so betonen die Autoren, stellt die Synthetische Evolutionstheorie differenzierte Argumentationsketten bereit, die die Sein-Sollen-Dichotomie (sensu David Hume, 1711–1776) nicht verletzten. Nachfolgend geht es um die Umgestaltung einer Naturlandschaft erläutert an der Melioration des Niederen Oderbruchs (1747–1753). In der exemplarischen Studie „Nun blüht es von End zu End all überall“ (1997) hatte Bernd Herrmann zusammen mit Martina Kaup die Bodenkulturmaßnahmen in Brandenburg und die Auswirkungen von Eindeichung und Drainierung detailliert erforscht. An drei Beispielen wird erklärt, was unter einer Kulturlandschaft verstanden werden kann, angefangen beim Uluru, besser bekannt als Ayers Rock, ein als heilig verehrtes Areal in Zentralaustralien, das mit transzendentalen Welten in Verbindung gebracht wird

Im zweiten Beispiel geht es um die ästhetische Wirkung von Parklandschaften wie Wörlitz (Sachsen-Anhalt), während im dritten Beispiel die Moselschleife bei Kröv (RhPf) als mitteleuropäische Kolonisierungslandschaft vorgestellt wird.

Eine isolierte Konifere auf einem Berggipfel in Kalifornien, aufgenommen von dem berühmten Landschaftsfotografen Ansel Adams (1902–1984; natürlich in künstlerischem Schwarzweiß) steht pars pro toto für „Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum“ (S. 26). Sie weckt einerseits Emotionen und steht andererseits symbolisch für die kulturgeschichtliche Bedeutung von Holz vom ersten Rad bis zum Papier.

Um die Rezeption des Landschaftswandels im 15./16. ­Jhdt. und die kausal-analytische Erklärung durch Umweltfaktoren geht es im Kodex der Gebrüder Paulini, Gutsbesitzer aus dem Veneto: Das ist Anreiz genug, den erst viel später begründeten Prinzipien und Methoden der Landschaftsforschung in der zweiten Hälfte des letzten Jhdt. nachzuspüren.

An dem von Albrecht Dürer (1471–1528) realistisch gezeichneten Balg des Teutschen Papagei, der Blaurake, wird der historische Artenrückgang aufgrund der anthropogenen Landschaftsveränderung in Deutschland seit den Zeiten Karls V. illustriert.

Den Eindruck, die Natur würde zurückerobern, suggerieren Würgefeigen, die eine Tempelanlage in Kambodscha üppig überwuchern, aber – so die Autoren – „Natur war zu keinem Zeitpunkt abwesend und kann deshalb auch nicht zurückerobern, was sie nie aufgegeben hatte“ (S. 34). Natürlich darf ein Arkadienmotiv zu einer zivilisationsfernen Lebensweise im Einklang mit der Natur nicht fehlen, ist aber ein Mythos der Aufklärung, denn ein Rousseauscher Urzustand beruht auf einem naiven Naturbegriff. Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass diese Utopie nicht mit der Absicht der heute dringend gebotenen „Reduzierung des Naturverbrauchs“ (S. 37) verwechselt werden darf.

Bereits in der Antike vertraute man die Entsorgung der „alles verzehrenden Kraft des Wassers“ (S. 38) an, einem bis heute in vielen Weltregionen geübten, extrem umweltschädigenden Prinzip. Ein Foto von der Einleitung toxischer Abwässer in den Damanganga bei Vapi (Gujarat, Indien), einem der höchst vergifteten Gewässer weltweit, illustriert diesen Verschmutzungsprozess. In der Moderne nahm man diese zu besorgniserregenden Umweltschäden führende Praxis zunehmend wahr, wie auch die Literaturgattung Ecocriticism zeigt. Wohltuend bildungsaffin schildern die Verfasser an Pfisters Mühle von Wilhelm Raabe (1831–1910), wie im Zuge der Industrialisierung und Technisierung rechtliche Auseinandersetzungen um Schadensersatzansprüche existenzbedrohend wurden. Der Begriff Wildnis weckt vielfache Assoziationen von „einer sich selbst überlassenen Natur ohne menschliche Eingriffe“ (S. 41), wie der Königsbrücker Heide, einem Naturschutzgebiet in Sachsen, über biedermeierliche Naturdarstellungen von Adalbert Stifter (1805–1868) in Der Hochwald (1847) bis hin zu romantisierenden Aussteiger­ szenarien des US-amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson (1803–1882) und der von seinem Landsmann Henry Thoreau (1817–1862) initiierten wilderness-Bewegung nach dem Motto «alles Gute ist wild und frei» und der einflussreichen politischen Idee des «zivilisatorischen Ungehorsams».

Die Autoren konstatieren zutreffend, dass „jedes Leben in einer Oase, deren ökologischem Grundprinzip gehorchen muss“ […] und damit eine „utopische[.] Bemühung“ (S. 43) bleibt.

Das letzte Kapitel trägt den Titel CVCVLLUM oder Die Liebe zu den Krisen. Die römische Zahlenfolge ergibt aufaddiert 1315 und bliebe vermutlich für die Meisten ein Enigma, wenn nicht erklärt werden würde, dass in dem Jahr die Weltchronik aufgrund verheerender Witterung extreme Missernten verzeichnet, bekannt als der „Große Hunger“. Die Autoren schildern das Faible der Umweltgeschichtsschreibung für Katastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Feuersbrünste, Riesenwellen, Dürre und Seuchenzüge.

Hatte der Leopoldinaner Bernd Herrmann in seiner Symposium-Sammelschrift von 2015 noch fragend getitelt Sind Umweltkrisen Krisen der Natur oder Krisen der Kultur?, so plädieren die Autoren hier für die Bezeichnung „Sozialkatastrophen, denn die Natur kennt keine Katastrophen, nur von Menschen statistisch wahrgenommene Naturereignisse“ (S. 45). Sie verdeutlichten die unterschiedlichen methodischen Vorgehensweisen ihrer Disziplinen und die ungelösten Bewertungsprobleme von Handlungs- und Ereignisketten, um abschließend festzustellen, dass es noch „intensiver Arbeit an den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Umweltgeschichte bedarf“ (S. 48).

 

Bernd Herrmann/Jörn Sieglerschmidt, Umwelt­geschichte und Kausalität. Entwurf einer Methoden­ lehre. Springer Spektrum, Fachmedien, }essentials{, Wiesbaden, 2017, 3 Abb. sw, 2 Tab., VIII, 47 S., ISBN 978-3-658-20920-9. € 9,99.

Im dritten Band der Umwelt-Trilogie geht es wie in den vorigen Abhandlungen um die Systematisierung umwelthistorischen Wissens, speziell um komplexe wissenschaftstheoretische und -methodische Fragen. Zunächst erfolgt der explizite Hinweis, dass Umweltgeschichte „ein voraussetzungsvoller Wissenszusammenhang ist [, der] sowohl erhebliche natur-, insbesondere lebensgeschichtliche wie geschichtswissenschaftliche Kenntnisse voraus[setzt]“ (S. V). Zwar ist dieser Entwurf einer Methodenlehre eigenständig, jedoch sollten insbesondere umweltinteressierte Laien ihn besser erst nach der Lektüre der zuvor besprochenen Bände lesen, denn es geht um die komplexe Kausalitätsproblematik. So lässt sich z.B. ein relativer Anfang durch Setzung aus dem Gewordenen rekonstruieren oder ein religiös geglaubter Beginn durch Schöpfung eines übernatürlichen Wesens. Daneben gibt es ein spekulativ gedachtes Ereignis wie den Anfang des Universums als Urknall, als Entstehungspunkt von Materie, Raum und Zeit. Während sich in transzendenten Überzeugungssystemen die Frage nach dem Anfang erübrigt und „wir mit dieser Welt als Vorgabe unserer Existenz fertig werden müssen“ (S. 2), gibt es für die Anfänge geschichtlicher Entwicklungen unterschiedliche wissenschaftliche Erklärungsmodelle.

Naturphilosophische Überlegungen von R. Descartes (1596–1650) bis F.W. Nietzsche (1844–1900) begleiten einen streiflichtartigen hermeneutischen Exkurs, der sich sowohl auf die Methodenlehre älterer Geschichtstheoretiker wie J.G.B. Droysen (1808–1884), W. Windelband (1848– 1915) und E. Bernheim (1850–1942) stützt, als auch auf jüngere zu Naturdiskursen der Philosophen N. Hartmann (1882–1950, F. Kambartel (*1935), T. Leinkauf (*1954) sowie P. Descola (*1949).

Im Einzelnen geht es um „genetische Zusammenhänge von Naturdarstellungen“ (S. 4), um die Differenzierung von Wesenhaftem und Entstandenem bis zur Aufklärung, um Descartes‘ kanonische Unterscheidung zwischen res extensa und res cogitans, die Vorstellung einer später beschriebenen Teilung zwischen materialistischen und idealistischen Auffassungen sowie eurozentrische Verzerrungen durch den Natur-Kultur-Dualismus. Die Autoren betonen die Bedeutung des Wissens um Anfangsereignisse sowohl aus pragmatischen Gründen einer Umweltdiagnostik, als auch hinsichtlich der Relevanz für resultierende therapeutische Ansätze (S. 6). Sie fragen im Hauptteil nach Wegen zum Erst- und zum Anfangsereignis und erklären das methodische Vorgehen an erhellenden Beispielen. Es wird erläutert, dass die Naturwissenschaften deduktiv-nomologisch oder induktiv-probabilistisch verfahren, davon ausgehend, dass gegenwärtig ablaufende Prozesse denselben Prinzipien unterliegen wie in der Vergangenheit, während es in den historisch arbeitenden Sozial- und Kulturwissenschaften um historische Akteure geht, um menschliche Handlungen, die „abhängig [sind] von einer Vielzahl von Motiven, Gelegenheiten, Randbedingungen, Möglichkeiten, Zufällen usw.“ (S. 11). So wird zum einen die Dynamik der Industriellen Revolution an einem kybernetischen Modell umrissen und zum anderen der Energiefluss der Nettoproduktivität einer indigenen Familie im Hochland Perus diskutiert neben weiteren Exkursen zu Erfindungen, Entdeckungen, Ideen, Extremereignissen und Ereignismöglichen.

Die philosophischen Grundlagen reichen von Max Webers Überlegungen zur „sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens“ (S. 15) über Ernst Bergheims Ausführungen zu menschlichen Handlungen, die „historisch wirkmächtig und damit Gegenstand der Geschichtswissenschaft“ (S. 17) werden bis zu den dichotomen Differenzierungen zwischen Verstehen und Erklären des finnischen Philosophen

Georg Henrik v. Wright (1916–2003) und (quasi-)teleologischen Erklärungen als Annäherung an Wahrscheinlichkeitsaussagen.

Dass die Umweltgeschichte noch in einer Reifungsphase ist, zeigt das Plädoyer der Autoren, die wissenschaftlichen „Zusammenhänge zwischen natürlichen und sozioökonomischen Gegebenheiten aufzuzeigen“ (S. 22), um das Potenzial der Disziplin voll auszuschöpfen.

Es geht im Weiteren um die Irreversibilität evolutiver Prozesse und die scheinbare Reversibilität von Entwicklungen anthropogen-technischen Ursprungs. Ferner werden die Unvorhersagbarheit evolutiver Prozesse und die 1972 entworfene Punktualismus-Theorie der Evolutionsbiologen Nils Eldredge (*1942) und Steven J. Gould (1941– 2002) diskutiert.

Der Kulturanthropologe Alfred Kroeber (1876–1960) hatte mit „pulses und lulls“ (1944) kulturgeschichtliche Gesetzmäßigkeiten beschreiben, denen Leslie Whites (1900–1975) Modell menschlicher Kulturen als thermodynamische Systeme sowie die Differenzierung zwischen «Geschichte» als zeitliche Abfolge einzigartiger Ereignisse und «Evolution» als zeitliche Folge von Gestalten/Strukturen (vgl. S. 23) gegenübergestellt wurde, − ein Disput auf der Suche nach Ordnung, der nach Ansicht der Verfasser leider versiegte. Das Autorenduo schlägt zur Umgehung wissenschaftstheoretischer und -ideologischer Barrieren bei der Suche nach Prinzipien vor, den Fokus zukünftig auf gesamtkulturelle Leistungsmuster zu legen. Um sog. Wendepunkte, angefangen bei der Nutzbarmachung des Feuers bis zur Erschließung fossiler Brennstoffe, die der Historiker John R. McNeill (*1954) in „The first hundred thousand years“ (2010) vorschlug, handelt der nächste Beitrag. Durch die Differenzierung zwischen Teleonomie und Teleologie wird die Brüchigkeit dieses fortschrittsorientierten Geschichtsmodells deutlich. Schließlich wird die Frage nach Letztereignissen aufgeworfen, dem Ende von einer oder mehreren verknüpften Entwicklungslinien, angefangen beim Aussterben von Arten bis zu dem sozio-kultureller Unternehmungen.

Im Kapitel Anfang und Anthropozän wird an willkürlich gewählten, jedoch nicht an üblicherweise erwähnten „Erfindungen, Entdeckungen, Erstwahrnehmungen, Ideen und Einsichten sowie Extremereignissen“ deutlich gemacht, dass durch die menschliche Existenz geschichtsmächtige Transformationen erfolgten. Es wird von dem Autorenteam kritisiert, dass der medial gehypte Begriff Anthropozän (sensu Paul J. Crutzen, *1933) „ein Aufmerksamkeitsbegriff ohne analytischen Wert ist“ (S. 30). Als Begründung wird angeführt, dass schon vor der Erfindung der Dampfmaschine durch Technikfortschritte einschneidende Veränderungen der Umwelt und Umgebung eintraten und dieses „problematische Verhältnis der Menschen zur Natur“ (S. 31) seit langem Thema der abendländischen Philosophie ist.

Den Schlussakkord der Trilogie setzt das Kapitel Materialistische Umweltgeschichte, in dem es um geschichtsphilosophische Grundtheorien geht, angefangen bei der Uexküllschen Systematisierung physiologischer (Dienst-) Leistungen von Organismen (Konstanz, Resistenz, Zyklizität, Resilienz) über neuere Ansätze der „Übertragung der Frage nach Leistungsmustern auf Geschichtsstrukturen“ (S. 36), exemplifiziert an einer Neubewertung des Evolutionsgeschehens durch die Epigenetik bis zur ökosystemischen Rolle des Mikrobioms.

Bezogen auf die prinzipiellen Überlegungen von Leslie White (s.o.) sowie die einflussreiche Forschung des Kultur­ ökologen Julian H. Steward (1902–1972) wird versucht, Umweltgeschichte als Aneignung der belebten und unbelebten (naturalen) Umwelt durch den Menschen und seine Kultur- und Gesellschaftsformen sowie deren Rückwirkung auf die natürliche Umwelt zu verstehen. Die tabellarische Gruppierung archäologischer und kultureller Abfolgen in geografischen Großräumen sowie die vergleichend-chronologische Anordnung kultureller Zentren während der letzten 11.000 Jahre nach Steward (1949) lässt trotz aller Differenzen begrenzte Freiheitsgrade erkennen. Wer hier eine kurze Abhandlung zur Kritik und Aktualität der Denkfigur der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (s. z.B. Falko Schmieder, 2017, ZKSP) erwartet hätte, wird sich fragen, warum dieser vielfach beschriebene historische Selbstverständigungsdiskurs keine Erwähnung findet. Stattdessen folgt ein aufgrund des Klimawandels – und jetzt auch durch die Covid-19-Pandemie – keineswegs abstraktes Gedankenspiel. Die Autoren hypothetisieren das Szenario, wonach für Homo sapiens essentielle ökosystemare Dienstleistungen zukünftig nicht mehr ubiquitär sein könnten und für kulturell nicht optimal angepasste Populationen existenzvernichtend sein würden (vgl. S. 41). In diesem Kontext rufen Herrmann und Sieglerschmidt zur „Pflicht einer Moral der Widernatürlichkeit“ auf, indem auf die weitsichtige, ungeschmälert-aktuelle Kolumne des Verhaltensforschers und Wissenschaftspolitikers Hubert Markl (1938–2015) verweisen wird [https:// magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/9261960]. Fazit: Das Diktum der Aufklärung lautet: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Und von dem spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana (1865–1952) stammt der berühmte Leitspruch: „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it” (1905). Im Sinne dieses Denkens bieten die drei essentials – jeder für sich und besonders gemeinsam – einen anspruchsvollen Einstieg in eine komprimierte Umweltgeschichte, die ihr ursprüngliches Image als „Sozial- und Geistesgeschichte mit Naturbezug“ sensu Rolf P. Sieferle (1949–2016) längst abgelegt hat und zu einer relevanten Disziplin gereift ist, insbesondere auch durch das Oeuvre der Autoren. Als Synthese aus Naturund Geschichtswissenschaft ist Umweltgeschichte nicht – wie vielleicht vielfach vermutet − ausschließlich retrospektiv, sondern sensibilisiert auch das Problembewusstsein für gegenwärtige umweltwissenschaftliche und -politische Themen. Diese Bedeutung zeigt sich z.B. darin, dass der dramatische globale Klimawandel ja erst im historischen Verlauf deutlich wird und dass wir für die gegenwärtig katastrophal verlaufende Covid-19-Pandemie aus früheren Epidemien/Pandemien weit mehr Lehren hätten ziehen müssen! Die Notwendigkeit wirksamer gesundheitspolitischer Prävention ist nicht mit dem fatalistischen Spruch abzutun: Nun gut, nachher ist man immer klüger! Zwar lassen sich Zoonosen und der Ausbruch von Epidemien nicht verhindern, aber mit vernunftgebotenen Schutzmaßnahmen Pandemien, denn Quarantäne als wirksame seuchenhygienische Isolationsmaßnahme kennt man seit 1374! Die Schärfung des Umweltbewusstseins auf allen Gebieten ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, zu der die vorliegenden umweltgeschichtlichen essentials einen wissensfundierten Einstieg mit hohem Bildungsanspruch bieten. Den engagiert verfassten Taschenbänden bzw. eBooks ist eine breite interessierte Leserschaft zu wünschen! – ­Sapere aude! (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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