Evolution

Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 5/2017

Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder. Berlin: Suhrkamp 2016, 6 s/w Abb., 282 S., gebunden, ISBN 978-3-518-58695-2. € 32,00

In seinem 1871 erschienenen Werk The Descent of Man betonte Charles Darwin „daß von allen Unterschieden zwischen dem Menschen und den Tieren das moralische Gefühl oder das Gewissen der weitaus bedeutungsvollste sei“ (s. dt. Übersetzung, 4. Auflage, S. 121). Sein Versuch, die menschliche Moral in einen direkten evolutiven Zusammenhang mit den im Tierreich weit verbreiteten ‚sozialen Instinkten‘ zu stellen, war jedoch aufgrund unzulässiger Anthropomorphisierungen tierlichen Verhaltens und eurozentrischer Maßstäbe wenig überzeugend. Seitdem blieb die Frage, ob Moral ein menschliches Spezifikum ist oder aber kontinuierlich aus tierlichen Verhaltenstendenzen hervorging, eine ständige evolutionsbiologische Herausforderung im Spannungsfeld einer komplexen Wissenschaftsdebatte über Genese und Geltung von Moral. Nach seiner viel diskutierten Naturgeschichte des menschlichen Denkens (erschienen 2014) legt Michael Tomasello, der seit 1998 Co-Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie ist, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral vor. Sein anspruchsvolles Ziel ist, „eine evolutionäre Erklärung für die Entstehung der menschlichen Moral zu liefern, und zwar sowohl in puncto Mitgefühl als auch in puncto Fairneß“ (S. 13). In der Moral des Mitgefühls sieht Tomasello „die notwendige Bedingung alles Moralischen“, „Mitgefühl ist reine Kooperation“ (S. 11), während „Fairness eine Art von Kooperativierung des Wettbewerbs ist…“ (S. 13). Auf der Grundlage ausgeklügelter verhaltensbiologischer Experimente versucht der renommierte US-amerikanische Kognitionspsychologe nachzuweisen, wie sich die Kooperation bei Homo sapiens, der ein „ultrakooperativer“ Primat ist, von der unserer nächsten Primatenverwandten unterscheidet, um daraus ein hypothetisches Szenario zur Evolution des menschlichen Moralbewusstseins zu erstellen.

Tomasello stützt sein Evolutionsnarrativ auf seine jahrzehntelange experimentelle Forschung zum Verhalten von Kindern und nicht-menschlichen Primaten. Der Vergleich beider Untersuchungsgruppen lässt bereits bei Kleinkindern, die aufgrund ihres Alters noch nicht aktiv an den sozialen Konventionen, Normen und Institutionen ihrer Kulturgruppe teilhaben, eine stärkere kooperative Orientierung als bei Menschenaffen erkennen.

Nach Tomasellos Interdependenz-Hypothese (interdependent = abhängig) leben Schimpansen und Bonobos zwar in kooperativen sozialen Gruppen und verhalten sich prosozial gegenüber Verwandten und Freunden, sind aber selbst keine moralischen Akteure, da sie ihre Interessenkonflikte auf der Grundlage von „physischer Macht und Dominanz“ (S. 63) lösen.

Während Primatologen, z.B. Frans de Waal, Menschenaffen nicht nur einen Sinn für Mitgefühl, sondern auch einen Sinn für Reziprozität als Vorstufe menschlicher Vorstellungen von Fairness und Gerechtigkeit zuschreiben, bezweifelt Tomasello, dass Reziprozität als entsprechender Indikator taugt und dass unsere nächsten lebenden Verwandten die notwendigen „psychologischen Zutaten“ (S. 62) bereits besitzen würden. Zwar konzediert er, dass Menschenaffen „eine proximale Motivation in Form des Mitgefühls für hilfsbedürftige andere haben“ und Hilfe leisten, „wenn die Kosten nicht zu hoch sind“ (S. 55), d.h. in einigen Situationen sind sie durchaus in der Lage zweckrational zu handeln, die Ziele und Wünsche anderer zu verstehen, Gefühle zu empfinden oder den Ausdruck anderer zu erfassen und Impulse zu kontrollieren (vgl. S. 66), ihnen fehlt jedoch „gemeinsame Intentionalität“. Sie sind nicht in der Lage „gemeinsam dyadisch als Verbundakteur, als ein ‚wir‘, zu handeln“ (S.67); d.h. sie haben keine natürliche zweitpersonale Moral, die jüngere Kleinkinder bereits zeigen. Das Leipziger Forschungsteam konnte überzeugend nachweisen, dass bereits Dreijährige zu gemeinsamer Intentionalität und kooperativer Kommunikation fähig sind, ‚Beute‘ einer gemeinsamen Anstrengung fair teilen, Partnerwahl und Partnerkontrolle ausüben, z.B. Trittbrettfahrer benachteiligen, und dass sie sich bei gemeinschaftlicher Tätigkeit nicht einfach ausklinken, sondern Kooperationsverpflichtungen verstehen und respektvoll protestieren, wenn Partner eine gemeinsame Verpflichtung verletzen.

Bei Vorschulkindern zeigt sich bereits eine „aufkeimende normenbasierte Moral“ (S. 185). Sie gehen davon aus, dass jedes Gruppenmitglied bestimmte Dinge in seinem kulturellen gemeinsamen Hintergrund wissen sollte, und sie fühlen sich auch für schädigende Akte, die von anderen in der Eigengruppe begangen wurden, mitverantwortlich, was als kollektive Intentionalität bezeichnet wird. Drei- bis Fünfjährige befolgen bereits soziale Normen, d.h. sie bestrafen z.B. Gruppenmitglieder, die Dritten Schaden zugefügt haben, oder setzen moralische als auch konventionelle Normen gegenüber Dritten anhand sprachlicher Äußerungen durch, und sie kennen im Detail kollektive Verpflichtungen und Pflichten.

Ausgehend von diesen verhaltensontogenetischen Befunden rekonstruiert Tomasello ein hypothetisches mehrstufiges Evolutionsszenario, bei dem die letzten gemeinsamen Vorfahren der rezenten Menschenaffen und des Menschen vor ca. 6 Mio.

Jahren noch prosozial waren und wie heutige Menschenaffen keinen Sinn für Fairness oder Gerechtigkeit besaßen. Erst als sich die evolutionsökologischen Rahmenbedingungen vor ca. 2 Mio. Jahren grundlegend veränderten und die Frühmenschen zur Existenzsicherung auf den gemeinsamen Jagderfolg angewiesen waren, „entwickelten sie Fertigkeiten und Motivationen einer gemeinsamen Intentionalität“ (S. 15), respektive ein interdependentes, im Plural handelndes ‚Wir‘, d.h. die rein strategische Kooperation ging in echte Moral über. Es entstand durch das ‚Wir‘ eine moralische Kraft, die oben bereits (bei Kleinkindern) beschriebene zweitpersonale Moral und damit eine normative Gesellschaftsordnung, bei der die Partner auf Gleichwertigkeit achteten und bei der gegenseitige Verbindlichkeiten aus Selbstverpflichtung befolgt wurden. Sich vor der Verantwortung zu drücken, „bedeutete praktisch, auf die eigene kooperative Identität zu verzichten“ (S.16), Verfehlungen führten zu Schuldgefühlen.

Als die Gruppenverbände von Homo sapiens sapiens vor ca. 100.000 Jahren immer größer wurden und sich Stammesgruppen (respektive Kulturen) bildeten, die miteinander um Ressourcen konkurrierten, entwickelten sich „neue kognitive Fertigkeiten und Motive der kollektiven Intentionalität“ (S. 17). Es entstanden in einem zweiten Evolutionsschritt kulturelle Konventionen, Normen und Institutionen. In Tomasellos Worten: „Alles bewegte sich vom Dyadischen und Lokalen zum Universalen und ‚Objektiven‘“ (S. 135). Als hervorstechendstes Merkmal der Moralpsychologie moderner Menschen nennt Tomasello die Objektivierung der Werte, die Entwicklung einer ‚objektiven‘ Moral mit dem Sinn für richtig und falsch durch akteursunabhängiges Denken und unparteiisches Urteilen, „wie von einem perspektivenlosen ‚Nirgendwo‘ betrachtet“ (S. 231). Tomasello begibt sich mit seinem Evolutionsnarrativ auf ein schwieriges Terrain, denn es gibt keine Verhaltensfossilien zur Moral. Sein methodischer Ansatz, aus dem Vergleich kognitiven und sozial-kognitiven Verhaltens von Kleinkindern und uns eng verwandten Primaten Rückschlüsse auf den Ablauf der Hominisation zu schließen, ist keineswegs unproblematisch. Kritiker sollten jedoch bedenken, dass es sich laut Buchtitel um ‚eine‘ Naturgeschichte der menschlichen Moral handelt, eben die des Autors. Und die liest sich dank zahlreicher präzisierender Wiederholungen und Vertiefungen flüssig und leicht verständlich. Wer Tomasellos Publikationen kennt, wird viele Déjà-vu-Erlebnisse haben und es bedauern, dass der Autor auf die vorgebrachte Kritik an bereits publizierten Inhalten nicht eingeht. Die erfolgte Vernetzung mit zeitgenössischen Theorien der evolutionären Ethik, Moralpsychologie und der Koevolution von Genen und Kultur ist leider nur superfiziell und noch sehr ausbaufähig. Jedem Vorwurf biologischem Determinismus das Wort zu reden, entgeht der hochdekorierte Leipziger Forscher, indem er betont: „Nein, menschliche Individuen – wie auch immer sie biologisch und kulturell ausgestattet sein mögen – müssen ihre moralischen Entscheidungen wohl oder übel selbst treffen“ (S. 329). Noch was: Konnotieren die Bezeichnungen „ultrakooperativ“ und „Kooperation-plus“ nicht zu einseitig positiv? Da wäre es vielleicht bereichernd gewesen, wenn der Autor auch relevante deutschsprachige Literatur einbezogen hätte. Ich denke dabei nur an Norbert Bischofs wuchtiges Buch „Moral. Ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten“ (2011), in dem der Züricher Psychologe und Systemtheoretiker Moral nicht nur als „nobelste“ Errungenschaft der Humanität preist, sondern auch als „gefährlichstes, erbarmungslosestes Mordinstrument“ brandmarkt.(wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

henkew@uni-mainz.de

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