Medizin

Ein Plädoyer für die Realisierung überfälliger Innovationen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2019

Erwin Böttinger u. Jasper zu Pulitz (Hrsg., 2019): Die Zukunft der Medizin. Disruptive Innovationen revolutionieren Medizin und Gesundheit. Mit einem Geleitwort von Hasso Plattner. 1. Auflage, Paperback, 428 S., 58 farbige Abb., 4 Tabellen. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Potsdam, ISBN 978-3-95466-3989, € 49,95.

„Haben Sie ein Briefmarkendepot bei uns hinterlegt?“, fragte kürzlich die Sekretärin seines Hausarztes meinen Bekannten, als er um die Zusendung eines Folgerezep­tes für seine durch einen Oberschenkelhalsbruch immo­ bilisierte Ehefrau bat. So suboptimal kann nachstationäre Patientenversorgung sein; aber es geht noch weitaus un­professioneller, als dieses triviale Beispiel zeigt. Da wun­dert es auch nicht, dass Deutschland nach der jüngsten internationalen Vergleichsstudie der Bertelsmann-Stif­tung 2018 bzgl. der Digitalisierung im Gesundheitssys­tem auf dem vorletzten Platz von 17 Vergleichsländern landete. Kein Zweifel, der ansonsten so gerühmte Tech­nologie-Standort Deutschland hinkt beim medizinischen Fortschritt durch Digitalisierung und Personalisierung be­schämend hinterher.

In dem vorliegenden Sammelband aus dem Hasso-Plattner-Institut Potsdam (HPI) wird die drängende Frage aufgewor­fen, wie die Medizin in Zeiten von Big Data, Künstlicher Intelligenz (KI), Gentechnologien und IT-Management op­timiert werden kann. Herausgeber sind zwei hochrenom­mierte Ärzte und Gesundheitswissenschaftler mit langjäh­riger internationaler Forschungs- und Führungstätigkeit. Professor Erwin Böttinger ist u.a. Leiter des Digital Health Center am HPI Potsdam, einem privat finanzierten Spitzen­forschungsinstitut für Digital Engineering, das gemeinsam mit der Universität Potsdam die Digital Engineering Fakultät bildet, während Dr. Jasper zu Pulitz, der neben frü­herer Tätigkeit an deutschen Universitätsklinken sowie der Harvard University auch über umfangreiche Erfahrung in Digital Health-Unternehmen verfügt, derzeit Operating Partner der Beteiligungsgesellschaft Triton und Dozent am HPI Potsdam ist.

Dank ihrer globalen Vernetzung ist es den beiden Editoren gelungen, ein breites Autoren/innen-Team aus führenden Medizinern unterschiedlichster Fachrichtungen und Ge­sundheitswissenschaftlern sowie Genetikern, Molekular­biologen, Physikern, KI-Informatikern, Ökonomen, Ana­lysten, Arbeitspsychologen, Juristen und Ethikern für die vorliegende Trendanalyse zu gewinnen.

In dem voluminösen Band stellen 53 Beiträger/innen aus dem In- und Ausland ihre „Visionen“ in sieben Kapiteln mit insgesamt 31 Aufsätzen vor. Laut dem Vorwort der He­rausgeber geht es um „die Beschreibung der Zukunft der Medizin auf Grundlage vieler bereits heute sichtbarer und denkbarer Entwicklungen“, um die Anregung einer „konstruktiven Diskussion […] aller Akteure des Gesundheitswesens – vom Patienten bis zum Gesundheitsminister“ [S. V].

Im Eingangskapitel wird das onkologische Zukunftsszena­rio der „Hoffnungsträger: Genomik, Immuntherapie und Big Data“ (S. 9) thematisiert. Ferner geht es um Frühdia­gnosen, z.B. von Lungenkrebs durch Atemtests, sowie die zukünftige datenbasierte, technologisierte und personali­sierte Versorgung chronisch kranker Menschen. Im Fokus stehen „Netflix, Nudging, Netzwerke“ (S. 19), d.h. die Ef­ fizienzsteigerung der Medizin durch intelligente digitale Vernetzung sowie wirksame Anschübe (engl. nudge) mittels Präventions-Apps.

Neueste bildgebende Verfahren ermöglichen bereits heute das „Operieren im digitalen Raum“ (S. 71) und revoluti­onieren zunehmend chirurgische Interventionen. Dagegen ist die „Operation im Genom“ (S. 85) mittels der Genschere (CRISPR/Cas9) in der Humanmedizin noch ein Desiderat, das verspricht, zukünftig genetische, onkologische und au­toimmune Erkrankungen wirksam zu therapieren. „Nanosysteme für die personalisierte Medizin“ (S. 95) bereits in einigen Fällen schon in der Erprobungsphase für Diagnos­tik und Therapie, so dass die Start-ups damit rechnen, dass intelligente Systeme in 10-20 Jahren Routine sein könnten. Das Mikrobiom des Menschen spielt nach ersten klinischen Untersuchungen „eine potenziell tragende und kausative Rolle bei der Entstehung verschiedener Erkrankungen“. Es ist zu erwarten, dass trotz hohen Risikos „Bazillen als Pillen“ (S. 103) zukünftig bei Infektions- und Stoffwechse­lerkrankungen sowie Allergien eingesetzt werden können. Während drei spannende Beiträge den Einsatz von Neu­roprothesen (z.B. Exoskelette, EEG gesteuerte Neuror­ oboter) sowie elektronischen Netzhautimplantaten zur „Überwindung von Handicaps“ (S. 123) ausloten, prog­nostizieren Aufsätze über intelligente Systeme zur Leis­tungssteigerung (neudeutsch: „Performance Matrix“) die Verbesserung unserer Gesundheit, so dass „[n]ichts bleibt wie es ist“ (S. 153). Kognitive virtuelle Assisten­ten zur Optimierung der Patientenaktivierung und der Patienten-Arzt-Pflegekräfte-Interaktion wie Amelia so­ wie KI-Unterstützungssysteme zur begleiteten Anamnese und Diagnosefindung wie Ada werden nach Ansicht der Autoren spätestens in 10 Jahren selbstverständliche Praxis sein, fern von Wartezimmern direkt über das Smartphone „in der Hosentasche des Nutzers“ (S. 196). Das ist eine äußerst optimistische Prognose, bedenkt man, dass bereits im Jahr 2004 der Entwicklungsstart der elektronischen Ge­sundheitskarte lag, ihre Einführung aber erst 2015 erfolgte – und böse Zungen behaupten, die eGK sei nicht viel mehr als ein Mitgliedsausweis.

Aber die Digitalisierung betrifft auch andere Bereiche. Geht es nach den Tech-Konzernen, ist es höchste Zeit ist, die riesigen „Datensilos“ (S. 211) unvernetzter Patientenakten zu digitalisieren, um durch die „Gesundheitsdaten […] das lernende Gesundheitssystem der Zukunft [zu befeuern]“ (S. 215). Es geht darum, das immense Potenzial von BigData-Algorithmen durch individualisierte datenbasierte Services wie „Blockchain“ (S. 249) oder „eRezept“ (S. 269) zu nutzen, „zum Wohle von und unter voller Kontrolle der Nutzer“ (S. 256).

Nachfolgende Beiträge plädieren für „Valuebased Health Care“ resp. einen „Paradigmenwechsel zu einem nutzenorientierten Gesundheitswesen“ (S.283). Gesundes Miss­trauen erscheint durchaus angebracht, wenn die vorge­schlagenen Innovationen in der Frage gipfeln: „Muss der Mediziner der Zukunft ein Arzt sein?“ (S. 295). Nach den Prognosen der Gesundheitsökonomen von „Flying Health“, dem führenden Ökosystem für „Next Generation Health“, werden zukünftig „sehr gute Ärzte als Mediziner“ benötigt werden, sofern sie „mindestens so gut sind, wie der dann gültige Benchmark-Algorithmus“ (S. 302). Es klingt bedenklich euphemistisch, wenn es weiter heißt, dass für viele Ärzte der Traum in Erfüllung gehen wird, sich dank der neuen digitalen Gesundheitswelt mit mehr Menschlichkeit um die Fürsorge des Patienten kümmern zu können (vgl. S. 303). Studierende der Medizin sollten sich auf einen radikalen Wandel ihres Berufsbildes einstellen. Also Augen auf bei der Berufswahl! Die abschließenden Aufsätze thematisieren die daten­schutz- und versicherungsrechtlichen Dimensionen sowie die anfallenden ethischen Probleme, um im Sinne der WHO-Definition von Digital Health, eine sichere und kos­teneffiziente Nutzung von Informations- und Kommuni­kationstechnologien zur Optimierung der gesundheitlichen Versorgung zu erzielen (vgl. https://de.wikipedia.org/wi­ ki/Digital_health). Dazu ist „eine Gesamtstrategie für die Gesundheitspolitik und eine intensive ethische Begleitung der angestrebten und akzeptierten Veränderungen“ erforderlich, da „[h]eute positiv eingestufte Utopien sonst zu gefährlichen Dystopien [werden]“ (S. 396), wie der Jurist und Politikwissenschaftler Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands, warnt.

In diesem Kontext sei ergänzt, dass mein ehemaliger Kan­didat, der Gesundheitswissenschaftler Hardy Müller, der kürzlich zum TK-Beauftragten für Patientensicherheit, ei­ner erstmals geschaffenen Position einer Krankenversiche­rung, berufen wurde, seit längerem eine Ermächtigungs­kampagne zum Ausbau der digitalen Kompetenz fordert, denn es sind für die Digitalisierung nicht nur technolo­gische, sondern parallel auch soziale Innovationen not­wendig.

Fazit: Die hohe Dringlichkeit der digitalen Transforma­tion im Gesundheitswesen s.l. ist aufgrund des imma­nenten Potenzials für alle Beteiligten – Patienten, Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser, Krankenversicherungen und nicht zuletzt die medizinische Forschung – unbestritten. Ebenso steht außer Frage, dass es sich um ein finanziell extrem aufwändiges – und damit offenbar auch ökono­misch sehr lukratives, von Start-ups vehement umworbenes – gesellschaftliches Projekt handelt. Es ist höchste Zeit, dass die Politik nicht nur verlässliche rechtliche und ethische Rahmenbedingungen schafft, sondern auch die Voraussetzungen für eine lückenlose Breitbandversorgung – an jeder Milchkanne!

Der vorliegende Band ist ein imposantes Plädoyer für die Realisierung längst überfälliger Innovationen. Da lt. Monitoring Report Wirtschaft DIGITAL (2018:23) derzeit aber nur 1% der Unternehmen die Digitalisierung im Gesund­heitswesen für sehr wichtig und 78% für eher unwichtig halten, ist der Weckruf allen Akteuren im Gesundheitswe­sen und Interessierten nachdrücklich zur kritischen Lektü­re zu empfehlen, denn er betrifft die wirksame Bewahrung und Wiederherstellung unserer Gesundheit. – Take care! (wh) ˜

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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