Theologie | Religion

Ein Leben für die Ökumene

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2021

Jurjen Zeilstra, Willem Adolf Visser ’t Hooft. Ein Leben für die Ökumene. Aus dem Niederländischen übersetzt von Katharina Kunter. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2020. 527 S., Hardcover, Fadenheftung. ISBN 978-3-374-06376-5. € 58,00.

2011 wurde in den Niederlanden eine Stichting Biografie Dr. W. A. Visser ’t Hooft gegründet. Sie übertrug die Aufgabe der Lebensbeschreibung Anfang 2013 dem Historiker und Theologen Jurjen Albert Zeilstra (*1961). Durch Ökumene-Forschungen gerüstet, führte er die Arbeit neben seinem hauptamtlichen Pfarramt in Hilversum durch. Persönlich hat er Visser nie erlebt.

Seine Autobiographie, die auf Deutsch „Die Welt war meine Gemeinde“ heißt (1972), nannte Visser selbst „Leven leven met de oecumene“ (1968). Dies für die Ökumene gelebte Leben eruiert Zeilstra aus einer Überfülle schriftlicher Quellen und aus Interviews. Die Gliederung (S. 25) folgt den Stationen des Lebensweges: 1924 Umzug aus den Niederlanden nach Genf, 1938 neue Aufgabe dort, 1948 offizielle Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen, 1966 Abgabe des Amtes des ÖRK-Generalsekretärs. Exkurs-Kapitel behandeln besondere Anliegen Vissers: Vermittlung zwischen den Niederländern, die seit dem Mai 1940 unter deutscher Besatzung lebten, und der Exilregierung in London um Königin Wilhelmina (der „Schweizer Weg“ über Genf ab Sommer 1942), Einbeziehung der ostkirchlichen Orthodoxie (die russisch-orthodoxe Kirche trat dem ÖRK 1961 bei, als die Mauer in Berlin den Osten vom Westen abschnitt) und Bemühung um Beitritt des römischen Katholizismus (der sich als Kirche dazu nicht bewegen ließ, obwohl ökumenische Beweggründe katholische Ordensleute anzogen). Jedes der zehn Kapitel beginnt mit einem Vorblick und schließt mit einer Rückschau. Das letzte zeigt Visserts „Sicht auf Rembrandt“, den malenden Evangelisten. Einer Schlussbetrachtung zum Ganzen folgen die ausgelagerten Anmerkungen (445-490), „Quellen und Literatur“ und „Namensregister“.

Bei Wim ’t Hoofts Geburt am 20. September 1900 starb das mit ihm geborene Zwillingskind (37). Wim wuchs auf in Haarlem nahe Amsterdam. Das Familienleben war vergnüglich. Ein bevorzugter Treffpunkt, das stattliche Anwesen zweier Tanten Visser, ging nach deren Tod verloren. Ihren Familiennamen setzte Wims Vater 1917 „auf der Grundlage eines königlichen Erlasses“ dem seinen hinzu: Visser ’t Hooft. (32)

Im Ersten Weltkrieg „vom Rest der Welt abgeschnitten“ (29), beeindruckte in Sommerlagern, die die niederländische christliche Studentenvereinigung veranstaltete, den Schüler Wim die Bibel-Frömmigkeit der studentischen Leiter (38f). Nach dem Abitur im Sommer 1918 erwählte er Theologie zu seinem „wunderbaren Studienobjekt“. Nun war er unter den Sommerlager-Leitern. 1921 kam er in den Christlichen Studentenweltbund (44f). Im Frühjahr 1924 wurde er im YMCA (Young Men’s Christian Association, 1844 gegründet) internationaler Sekretär. Die niederländische Abteilung zahlte ihm ein bescheidenes Gehalt (61). Mit Jetty, die er daraufhin heiraten konnte, zog er im Herbst 1924 nach Genf, wo sich 1920 der Völkerbund niedergelassen hatte. Im Dienst internationaler Jugendorganisationen sammelte Visser Erfahrungen im Organisieren von Konferenzen. Er fühlte sich berufen zum Schaffen von Gelegenheiten zur Aufweichung sozialer, nationaler und konfessioneller Vorurteile gegen ‚die anderen‘. Die Weltkonferenz in Oxford Juli 1937 galt der Vorbereitung der Fusion der ökumenischen Bewegungen für Praktisches Christentum (Life and Work, gegründet 1925) und für Glaube und Kirchenverfassung (Faith and Order, gegründet 1927). Die Spannung zwischen diakonischer Praxis – „service unites“ – und dem Beharren auf Wahrheit – „doctrine divides“ – sollte von den Kirchen ausgehalten und fruchtbar gemacht werden. Das Zusammenführen kam im Mai 1938 in Utrecht in Gang. Parallel zu einem entstehenden erneuerten Bund von Völkern baute Visser an einer Gesellung, „fellowship“, von Kirchen. Zum Generalsekretär des ÖRK in spe gemacht, hütete er zehn Jahre lang das Provisorium.

Im 1939 ausgebrochenen Weltkrieg vermittelte die Genfer Ökumene-Zentrale, unter anderem, den Kriegsgegnern Deutschlands schaurige Informationen über die vom NSRegime betriebene Juden-Vernichtung sowie Kontaktversuche des innerdeutschen Widerstands. Letztere trafen bei den Alliierten auf taube Ohren. „Einer der wichtigsten Kontakte war Dietrich Bonhoeffer“ (118), den Visser verglich „mit Blaise Pascal (1623–1662), den er selbst sehr schätzte“ (157). In diesem Zusammenhang referiert Zeils­ tra: Visser „fühlte sich als Zeuge von nichts Geringerem als der Geburt einer neuen universalen Kirche, die aus der Natur der universalen Herrschaft Christi entsprang“. Nach einem halben Jahrhundert Befassung mit Dietrich Bonhoeffers Werken höre ich hier ein Echo auf die Stelle des Briefes aus der Haft vom 30. April 1944 DBW 8, 405: „…wie sind wir ek-klesía, Her­ ausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige? Christus ist dann nicht mehr Gegenstand der Religion, sondern etwas ganz anderes, wirklich Herr der Welt“.

Was für einer Körperschaft wollte Visser helfen zur Welt zu kommen?

Können Herausgerufene – aus Verhärtungen gegen ‚die anderen‘ – als Kirchen unterschiedliche Organe eines Organismus (eines corpus Christi) in der Welt sein und wirken? Können so ‚leib‘haftig Menschen zu gemeinsamer Urteilsbildung finden, welches Verhalten jetzt hier sie als geboten wahrnehmen und anraten?

Die offizielle Gründung des Ökumenischen Rates / „World Council“ der Kirchen als Parallel-Organisation zu den 1945 gegründeten Vereinten Nationen, um deren ­„Seele“ zu sein (216), erfolgte in Amsterdam am 23. August 1948. Nach eigenen Erkenntnissen baute Visser an einer Nicht-Regierungs-Organisation zur Vertretung von Interessen des in den Kirchen geglaubten Herrn der Welt. Als 1954 in Evans­ ton bei Chicago die erste Vollversammlung stattfand, war kurz zuvor der Waffenstillstand im Koreakrieg geschlossen worden, der Ausbruch des Vietnamkriegs stand kurz bevor, und weitere Konflikte, die den Einsatz von Vernichtungsgewalt anstachelten, folgten – zwischen dem neuen Staat Israel und den Palästinensern, durch ‚Rassen‘-Apartheid in Südafrika, auf Zypern zwischen Briten, Griechen und Türken, und 1962 die Kuba-Krise, in der fast der kalte in einen heißen Ost-West-Krieg umgeschlagen wäre. Akute internationale Spannungen forderten Stellungnahmen des ÖRK heraus, bei höchster Eile auch von Visser im Alleingang; sie stießen auf Kritik, und viele schienen vergeblich. Trotzdem traute Visser 1963 Gottes Führung zu (282): „Wir wurden für größere Zwecke eingesetzt, als wir gedacht hatten.“

Die Konferenz „Kirche und Gesellschaft“ 1966 war die erste, in der die Delegierten aus Kirchen der weißen früheren Kolonialmächte nicht mehr über die aus den ‚jungen‘ anderen dominierten.

Das Büro des Generalsekretärs im 1965 eröffneten Ökumenischen Zentrum in der Route Ferney 150 räumte Visser, pensioniert, 1966 für Nachfolger im Amt. Einen anderen für ihn reservierten Raum nutzte er fast täglich, um weiterhin in der ökumenischen Bewegung zu ‚schwimmen‘. Zeils­tra fand eine Anekdote von einem Bio-, einem Geo- und einem Theologieprofessor, die auf einer Fähre in eine Stromschnelle geraten, aus der Visser 1931 schloss: In Krisenzeiten müsse Theologie „Schwimmwissenschaft“ sein (81). Den Grund festzulegen, auf den bauend er organisierte, war nicht seine Sache. Der Grund ist gelegt (Jesus Christus, 1Korinther 3,12f, zitiert von Visser 1972; 380).

Ein Foto von etwa 1923 zeigt Jetty und ihren Verlobten Wim in Korbsesseln in einem Garten. sie konzentriert sich auf das Buch in ihren Händen; lächelnd betrachtet er sie über das Buch hinweg, das er vor sich hat (52). Auf einem Foto von etwa 1950 sitzt das Ehepaar auf einem Polstersessel; er hält ein Buch, schaut vor sich hin, Jetty, auf der Lehne sitzend, blickt in die andere Richtung (237). Bangt er schon: Wohin driftet sie? Jetty starb am 6. Januar 1968. Vissers Schwiegertochter sah ihn, dieses einzige Mal, weinen. Um ihn wuchs Einsamkeit. (369) In seinem letzten Buch, 1982 veröffentlicht, würdigte er Jettys ruhige Stimme weiblicher verletzlicher Mitmenschlichkeit (399f). Persönliche Auszeichnungen, mit denen er überhäuft wurde, nahm er zum Teil verlegen entgegen; die Ehrendoktorwürde von der Hebräischen Universität in Jerusalem 1972 war ihm „fast ein wenig peinlich“ – „unendlich viel mehr“ hätten wir tun sollen (150). Zugleich musste er erleben, wie heftig sein Lebenswerk in Frage gestellt wurde von Jüngeren. Immer noch beunruhigte ihn der Nicht-Beitritt der römisch-katholischen Kirche zum ÖRK. Als Johannes Paul II. 1984 dem Ökumenische Zentrum einen „brüderlichen Besuch“ abstattete, hielt ein Fotograf fest, wie Vissers Blick sich in das Gesicht des Papstes bohrt (412). Visser starb am 4. Juli 1985 in Atemnot.

„Verstehst du auch, was du liest?“ (Apostelgeschichte 8,30) Was manche Wortfolgen in diesem Buch besagen sollten, verstand ich leider nicht. Visser äußerte seine ‚Schwimm‘Gedanken mehrsprachig. Was Zeilstra davon auf Niederländisch wiedergab, mag beim Übersetzen ins Deutsche nicht ganz gelandet sein. (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 ­nebenamtlich Kolle­giums­mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg.

itoedt@t-online.de

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