Editorial

EDITORIAL 

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2021

Talent ist keine Frage des Geschlechts. Trotzdem mussten Künstlerinnen, auch außerordentlich talentierte, immer große Energie und einen ungebrochenen Willen aufbringen, ihre Werke neben denen ihrer männlichen Kollegen zu positionieren. Unsere große Bücherschau gleich auf den ersten Seiten dieser Ausgabe präsentiert Künstlerinnen. Wir stellen, zur Nachahmung empfohlen, auch richtige Kämpferinnen vor. Es sind Frauen, die um Sichtbarkeit gerungen und Augenhöhe zwischen Malerinnen und Malern eingefordert haben. Und es sind Künstlerinnen, die es im wahrsten Sinne des Wortes der Welt gezeigt und sie – bewaffnet mit Pinsel und Palette – erobert haben.

Unser Fokusthema dagegen ist schwere Kost. Denn wir setzen uns mit Sterben und Tod auseinander. Weil das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 den Paragraphen 217 StGB, „das Gesetz über die Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbst­tötung“ vom 10. Dezember 2015 für ver­ fassungswidrig erklärt hat, muss nun die konkrete ­Regelung der Suizidhilfe vom Gesetzgeber neu erarbeitet werden. Erste Anhörungen ­dazu fanden in den vergangenen Wochen statt. Auch die ge­ samtgesellschaftliche Debatte um ­medizinethische und rechtliche Fragen beginnt deshalb erneut. Der Medizinethiker Prof. Dr. ­Andreas Frewer setzt dabei diesen Ton: „Nicht die rechtliche Liberalisie­rung oder eine Freigabe der Tötung auf Verlangen, sondern der weitere Ausbau klinischer und am­ bulanter Versorgung, von ­Palliativmedizin und Hospizdiensten sowie professionelles und ehrenamt­ liches Engagement sollten als entscheidende Desiderate neuer Sterbekultur und eines ­guten Todes gesehen werden.“

Wir wollen mit unserer Buchauswahl dazu Denkanstöße geben – weit über das Thema ­Sterbehilfe hinaus. Als Einstieg empfehlen wir unser Interview mit Dr. Henning Scherf. Der heute 83-Jährige war u.a. zehn Jahre lang Präsident des Senats und Bürgermeister der ­Freien Hansestadt Bremen. Er lebt seit mehr als 30 Jahren in einer Haus- und Wohngemeinschaft. Seine Bücher über das Älterwer­ den, das Alter und das Sterben sind Bestseller. Vor der Pandemie war er ständig auf Vortragsreise. Die Themen brennen also vielen auf den Nägeln. „Wir unterscheiden uns von den Tieren dadurch, dass wir unsere Endlichkeit reflektieren können“, sagt er in unserem Gespräch. „Und wenn das gelingt, ist jeder Tag ein Geschenk.“

Unsere weiteren juristischen Themen haben wir mit Blick auf den Deutschen Anwaltstag gestaltet. Der findet wegen der Pandemie wiederum nur virtuell statt. Interessierte ­finden das ­fachbuchjournal deshalb nicht wie gewohnt in der Tagungsmappe, sondern auf ­unserem virtuellen Stand der V ­ eranstaltung. Dort sind wir für Sie sichtbar, man kann uns anklicken, lesen und herunterladen. Wir sind neugierig auf die Resonanz.

Wie immer gibt es viele weitere Themen. In Vorfreude auf die Fußball-EM präsentieren wir unter der geheimnisvollen Überschrift Bananenflanken, Umschaltspiele und Bomber Fußball-Bücher. Der Reporterlegende Manni Breuckmann gratulieren wir zum 70. Geburtstag mit einer Würdigung seines Buchs Manni Bananenflanke, ich Kopf – Tor!.

Und meine beiden persönlichen Favoriten habe ich auf den Seiten 4 und 77 platziert. Da ist dieses ganz außergewöhnliche und überraschende Buch: Vincent van Gogh. Eine fotografische Spurensuche. Hier werden Kunst und Wirklichkeit, Malerei und Fotografie gegenübergestellt. Die Fotografen fingen das mit der Kamera ein, was der Maler mit dem Pinsel festhielt. Und dann gibt es noch diesen Ausstellungskatalog LA BOHÈME – Toulouse-Lautrec und die ­Meister vom Montmartre, der das lithographische Werk von Henri de Toulouse-Lautrec zusammen mit Werken seiner Vorläufer und Zeitgenossen zeigt. Trügt mich mein Eindruck, dass in fast jedem Zimmer der Jugendlichen meiner Generation Plakate wie AMBASSADEURS aristide BRUANT dans son ­cabaret hingen? Jedenfalls gehörten für mich damals diese Künstler vom Montmartre ganz genauso zum Lebensgefühl wie die Musik von Aretha Franklin, Percy Sledge, Ike & Tina Turner, Ben E. King, James Brown… Schöne Bücher holen eben manchmal auch ganz Besonderes aus vergangenen Lebensphasen zurück in die Erinnerung.

Angelika Beyreuther

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