Theologie | Religion

Es geschehen noch Zeichen und Wunder / Ulrike Kriener liest aus der Bibel

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2020
Dr. Dr. h.c. Ilse Tödt

Petra Gerster, Christian Nürnberger (Hrsg.), Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Die fünfzig schönsten Redewendungen der Bibel. Leipzig: edition chrismon in der Evangelischen V ­ erlagsanstalt, und Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2019. 119 S., Hardcover. ISBN 978-3-96038-189-1 und 978-3-438-06289-5. € 14,90

 

Ulrike Kriener liest aus der Bibel: Alles ist Windhauch. Ostfildern: Patmos, 2019. 110 S., mit Audio-CD. Hardcover. ISBN 978-3-8436-1121-3. € 25,00

 

Zwei Büchlein aus dem Jahr 2019 werben dafür, Blicke in die Bibel zu werfen.

Das eine hebt geflügelte Worte hervor, die ins Umgangsdeutsche eingegangen sind. Jeder Sinnspruch wird auf dem Hintergrund eines Fotos oder einer Graphik präsentiert und auf der gegenüberliegenden Seite kurz kommentiert. Der Schluss-Spruch weist auf „ein Ende mit Schrecken“ hin („Psalm Kapitel [!?] 73, Vers 19“). Ansonsten suchte ich erfolglos einen Sinn in der Anordnung der Bibelstellen. Hinter „Ernten, wo man nicht gesät hat“ (Matthäus 25,24) sind Zitrusfrüchte zu erkennen; werden fruchttragende Bäume gesät? Vier Doppelseiten davor (zur Parallelstelle Lukas 19,23) ist „Mit seinen Pfunden wuchern“ einem am Boden sitzenden Sumo-Ringer auf den fleischigen Rücken geschrieben. Beim Titelmotiv „Zeichen und Wunder“ (2. Mose 7,3) kam ich nach längerem Prüfen nicht umhin anzunehmen, dass der Schattenwurf des kleinen Gewächses, das in einem Riss in Felsgestein zu wurzeln scheint, nicht mit rechten Dingen zugehen kann – die drei Blüten wenden sich nach rechts oben der Sonne zu –, sondern ein optisches Wunder darstellt. Das Ehepaar Petra Gerster und Christian Nürnberger hat die sechs Seiten Vorwort munter hingekriegt. Luther habe solche schönen Redewendungen „fast aus dem Nichts erschaffen“ beim Über-Setzen, im Transport-Kahn für Verstandenes, von lateinischen, griechischen und hebräischen Bibel-Fassungen her in die sich erst bildende deutsche Alltagssprache. Im „Ringen ums richtige Wort“ musste er den Teufel mit Tinte vertreiben; an der Wand des Zimmers in der Wartburg, wo er sich vor einem halben Jahrtausend mühte, wird der Tintenfleck immer wieder aufgefrischt.

Die andere Publikation konzentriert sich auf eines der Bücher innerhalb der Bibel: auf im –3. Jahrhundert gesammelte, von jemand namens Kohelet gepredigte Sprüche. Der Beginn: „Vanitas vanitatum, omnia vanitas“ (Vulgata). „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel“ (Lutherübersetzung). „Wie ist alles so nichtig…“ (Zürcher Bibel). „Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet…“ (Einheitsübersetzung 2016, Katholische Bibelanstalt). Die letztere Fassung, abgedruckt auf den Seiten 73-102, hörspielt Ulrike Kriener, von fünf Musikern begleitet, auf der in den Buchdeckel eingefügten Audio-CD. Kohelets Weisheit rief in mir bei meiner ersten Begegnung mit ihr spontan Grinsen hervor, anscheinend ganz in seinem Sinne (Kapitel 7, Vers 3): „…bei einem vergrämten Gesicht wird das Herz heiter.“ Vielerlei Wissenswertes zu Kohelet bietet „Eine Einführung“ (39-71) durch Anselm Bilgri, der 2004 den Benediktinerorden verließ und unter die Berater ging, die – wie ehedem Kohelet – Lebensweisheiten als Hilfe im Alltag bereithalten. Auch Sabine Bobert, evangelische Professorin für Praktische Theologie, die von Ulrike Krienert gebeten „Der mit dem Wind tanzt“ (25-37) beigibt, versteht sich als Beraterin. Sie zitiert aus der poetischen Übersetzung durch Martin Buber und Franz Rosenzweig von 1929. Kohelet rate „wie ein Zen-Lehrer und erwachter Mystiker“. Vor Ulrike Krieners Bericht „Auch am Rand entlang führt ein Weg“ (7-23) steht doppelseitig das Foto einer Gebirgswüste, durch die kaum wahrnehmbar eine Straße führt; ein ähnliches Foto der Ödnis steht vor Bilgris Einführung, und ein Foto der von gekalkten Steinbrocken gesäumten Straße im Halbdunkel vor dem Abdruck des Kohelet-Textes. Am Heiligabend 1954 geboren, als Siebzehnjährige aus der Familie und der Kirche ausgetreten, Schauspielerin geworden, in Liebe zum „richtig“ katholischen Ehemann in die Kirche wieder eingetreten, traf Ulrike Kriener bei Aufnahmen zu einem Dokumentarfilm in dem Jesuiten und Zen-Meister Niklaus Brantschen einen Lehrer, dem sie die Entdeckung verdankt: „Hier habe ich etwas gefunden, von dem ich nicht wusste, dass ich es suchte.“ Er regte sie an, aus dem Kohelet-Buch vorzulesen. Zwei hübsch aufgemachte Büchlein! (it) ˜

Dr. Dr. h.c. Ilse Tödt

itoedt@t-online.de

 

 

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