Landeskunde

Diyâr – Zeitschrift für Osmanistik, Türkei- und Nahostforschung

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2020
Neu bei Ergon

 

Der Ergon Verlag, seit 2017 ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, hat eine neue interdisziplinäre und Regionen übergreifende wissenschaftliche Fachzeitschrift gegründet: „Diyâr – Zeitschrift für Osmanistik, Türkei- und Nahostforschung“. Der Zuwachs erweitert das umfassende Zeitschriftenprogramm bei Nomos in einem ganz neuen Themengebiet. Das Journal erscheint zweimal jährlich. Ausgabe 1/2020 ist seit Ende April lieferbar. Diyâr-Chefredakteur Prof. Dr. Yavuz Köse ist Vorsitzender der Gesellschaft für Turkologie, Osmanistik und Türkeiforschung e.V. und Professor am Institut für Orientalistik an der Universität Wien. Wir baten ihn, uns seine neue Zeitschrift vorzustellen. (ab)

 

Herr Köse, wie kam es zur Gründung der Zeitschrift?

Hierzu muss ich etwas ausholen, wenn ich darf: Die Disziplin Turkologie deckt ein geographisches Gebiet ab, das vom Nordosten Sibiriens über Zentral- und Vorderasien bis nach Westeuropa reicht und in dem über zwanzig Turksprachen gesprochen werden. Die Turkologie unterscheidet sich hier grundlegend von Fächern wie beispielsweise der Japanologie oder Koreanistik, die ein recht klar umrissenes geographisches Gebiet untersuchen. Vergleichbar ist sie eher mit der Romanistik oder Slawistik, wobei sie thematisch deutlich weiter ausgreift.

Neben geschichts-, sprach- und literaturwissenschaftlichen Themen beschäftigt sich die Turkologie auch mit religionswissenschaftlichen, sozial- und kulturwissenschaftlichen Themen in Geschichte und Gegenwart. Die Disziplin zeichnet sich auch nicht durch eine einzige, ihr eigene Methodik aus, sondern definiert sich über ihre Forschungsgegenstände.

Während bereits internationale Zeitschriften existieren, die sich einzelnen disziplinären Aspekten, so z.B. der Linguistik oder bestimmten Regionen, wie der Türkei, widmen, fehlte bis heute eine interdisziplinär und Regionen übergreifend ausgerichtete turkologische Zeitschrift, die gleichzeitig auch den sogenannten turko-iranischen Raum abdeckt. Diese Lücke zu schließen und eine Zeitschrift aus der Taufe zu heben, die für unsere Disziplin europaweit langfristig das führende Fachorgan werden würde, war dann das gemeinsame Ziel von meinen Kolleg*innen – Astrid Menz, Catharina Dufft, Christoph Herzog, Maurus Reinkowski und allen voran Raoul Motika – und mir.

Welche Rolle spielt die Gesellschaft für Turkologie, Osmanistik und Türkeiforschung e.V. (GTOT), deren Vorsitzender Sie sind?

weitert in vielerlei Hinsicht meinen Horizont. Um die Zeitschrift stetig weiterzuentwickeln, haben wir von Beginn an beschlossen, dass der Posten der Chefredakteurin/des Chefredakteurs im Rotationsprinzip alle drei bis vier Jahre neu besetzt werden soll. Ich schätze mich jedenfalls glücklich, gewissermaßen als „Pionier“ am Abenteuer „Diyâr“ teilhaben zu dürfen. Das Ziel der Herausgeber ist es, in den nächsten Jahren Diyâr zu einem der führenden internationalen Fachorgane mit hoher Sichtbarkeit und hohem Impact zu formen.

Warum ist Ergon der richtige Partner für die Gesellschaft und die Zeitschrift?

Mit Ergon verbindet die Turkologie bereits eine langjährige fruchtbare Kooperation. Die für unsere Disziplin wichtige Reihe „Istanbuler Texte und Studien“ (ITS), herausgegeben vom Orient-Institut Istanbul, erscheint seit Jahren bei Ergon. Und gleichzeitig sehen wir, dass zunehmend auch andere wichtige turkologische – vor allem interdisziplinär angelegte – Studien Eingang ins Ergon-Programm finden. Dr. Reichinger, Programmleiter bei Nomos für die Sozial- und Geisteswissenschaften, hat uns im Prozess der Gründung und des Aufbaus von Diyâr von Anfang an kompetent und hilfsbereit zur Seite gestanden. Die Zu-

Die Rolle, die der Gesellschaft für Turkologie, Osmanistik und Türkeiforschung e.V. (GTOT) dabei zukam, kann nicht unterschätzt werden. Schließlich waren es die Mitglieder des GTOT-Vorstands, die sich daran machten, eine turkologische Zeitschrift zu gründen, die den oben beschriebenen Ansprüchen genügt und gleichzeitig den satzungsgemäßen Zielen von GTOT entsprechen würde. Die Gesellschaft für Turkologie, Osmanistik und Türkeiforschung wurde im Juni 2011 als wissenschaftliche Dachorganisation und Interessenvertretung am Orient-Institut der Max Weber Stiftung in Istanbul gegründet. In ihren Reihen vereint sie Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen. Sie beschäftigen sich vor einem philologischen, historischen, sprach-, literatur-, kultur- oder sozialwissenschaftlichen Hintergrund mit der Türkei, dem Osmanischen Reich, Zentralasien und dem Kaukasus sowie den Sprachen und Kulturen, der Geschichte und Gegenwart der unterschiedlichen turksprachigen Volksgruppen, Dynastien und Staaten sowie anderer in diesen Staaten lebender ethnischer Gruppen. Die Gesellschaft ist daher interdisziplinär und Regionen übergreifend ausgerichtet und dient Wissenschaftler*innen, die mit Originalquellen zu diesem Raum und den genannten sprachlich definierten Gruppen arbeiten, als Dachorganisation.

Wie kam es zu Ihrer Tätigkeit als Chefredakteur?

Man könnte sagen, dass dies durch die Umstände begünstigt wurde. Die Herausgabe einer Zeitschrift ist ja nur im Team möglich, weshalb ich froh bin, von wunderbaren Kolleg*innen unterstützt zu werden, nicht zuletzt von einer tollen Schriftführerin, Tabea Becker-Bertau. Zentral war die Überlegung, welcher Standort über die nötigen personellen und sachlichen Ressourcen verfügt, um das Projekt zum Laufen zu bringen. Hier bot sich Hamburg an, wo ich den Lehrstuhl für Turkologie bis Ende 2018 vertreten habe. Seit Januar 2019 bin ich an der Universität Wien und damit ist nun die Chefredaktion nach Wien gewandert, die Schriftführerin aber noch in Hamburg. Die Mitglieder der Kernredaktion leben und arbeiten in Bamberg, Gießen, Istanbul, Marseille/Paris. Dies tut der guten Zusammenarbeit letztlich keinen Abbruch, vieles läuft heute über E-Mail und diverse andere Formen der digitalen Kommunikation.

Die Tätigkeit als Chefredakteur, auch wenn sie zuweilen recht arbeitsintensiv ist, macht mir großen Spaß und erweitert in vielerlei Hinsicht meinen Horizont. Um die Zeitschrift stetig weiterzuentwickeln, haben wir von Beginn an beschlossen, dass der Posten der Chefredakteurin/des Chefredakteurs im Rotationsprinzip alle drei bis vier Jahre neu besetzt werden soll. Ich schätze mich jedenfalls glücklich, gewissermaßen als „Pionier“ am Abenteuer „Diyâr“ teilhaben zu dürfen. Das Ziel der Herausgeber ist es, in den nächsten Jahren Diyâr zu einem der führenden internationalen Fachorgane mit hoher Sichtbarkeit und hohem Impact zu formen.

Warum ist Ergon der richtige Partner für die Gesellschaft und die Zeitschrift?

Mit Ergon verbindet die Turkologie bereits eine langjährige fruchtbare Kooperation. Die für unsere Disziplin wichtige Reihe „Istanbuler Texte und Studien“ (ITS), herausgegeben vom Orient-Institut Istanbul, erscheint seit Jahren bei Ergon. Und gleichzeitig sehen wir, dass zunehmend auch andere wichtige turkologische – vor allem interdisziplinär angelegte – Studien Eingang ins Ergon-Programm finden. Dr. Reichinger, Programmleiter bei Nomos für die Sozial- und Geisteswissenschaften, hat uns im Prozess der Gründung und des Aufbaus von Diyâr von Anfang an kompetent und hilfsbereit zur Seite gestanden. Die Zusammenarbeit mit ihm und dem Nomos-Team kann ich nur als äußerst professionell und angenehm beschreiben.

Welche Themenschwerpunkte werden in Diyâr bearbeitet?

Neben den regulären Heften soll jedes dritte Heft einem spezifischen Thema gewidmet werden. Wir haben bereits zahlreiche Anfragen diesbezüglich erhalten. Das erste Themenheft, das für Herbst 2020 geplant ist, Diyâr Heft 3, wird sich dem Thema „Transottomanica: Eastern European-Ottoman-Persian Mobility Dynamics“ widmen und wird vom Koordinator/Sprecher des DFG-Schwerpunktprogramms „Transottomanica. Osteuropäische-osmanisch-persische Mobilitätsdynamiken“ Prof. Dr. Stefan Rohdewald (Leipzig) herausgegeben werden. Das folgende Themenheft, geplant für 2021, wird „Human-Animal Encounters in the Middle East“ als Schwerpunkt haben. Mit den Themenheften streben wir an, neue innovative Themen und Forschungsansätze zu präsentieren. Wir sind sicher, dass wir in den kommenden Jahren nicht nur am aktuellen Puls der Forschung sein werden, sondern auch selbst neue Forschungsfelder in einer interdisziplinär angelegten iranistisch-turkologischen Forschung populär machen können.

Die regulären Diyâr-Hefte publizieren Beiträge aus den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften mit disziplinären Schwerpunkten in der Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Soziolinguistik, Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft, Kulturanthropologie/ Ethnologie, Religions- und Musikwissenschaft, Kulturgeographie sowie in der Erziehungs- und Rechtswissenschaft. Grundidee ist neben der Qualität der Artikel auch die inhaltliche Breite der Einzelhefte und die Originalität der Fragestellungen.

Wie darf man sich den Entstehungsprozess eines Heftes vorstellen?

Wir haben auf der Diyâr-Homepage (diyar.nomos.de) sowie auf den Seiten der GTOT (gtot.org) den „Call for Papers“ publiziert und machen den CfP auch über diverse wissenschaftliche Verteiler (DAVO, H-Soz-Kult, H-Turk) regelmäßig bekannt. Eingegangene Beiträge werden zunächst von der geschäftsführenden Redaktion gemeinsam mit der Schriftführerin gesichtet und dann wird entschieden, welche Einsendungen den Diyâr-Kriterien entsprechen und zur Begutachtung sollen. Entsprechende Angaben sind auf der Homepage zu finden. Im Anschluss ordnen wir diesen Beiträgen potentielle Gutachter*innen zu, zunächst aus der Liste der erweiterten Redaktion, dann zusätzlich noch externe Gutachter*innen, in deren Forschungsgebiet die Thematik des jeweiligen Artikels fällt. Die potentiellen Gutachter*innen beurteilen die Beiträge anonymisiert. Wenn beide Gutachter*innen den Beitrag zur Publikation empfehlen, werden die Kommentare an die Autor*innen geschickt. Der überarbeitete Text wird im Anschluss von der Kernredaktion gesichtet und dann auch an den GTOT-Vorstand weitergeleitet. Der Umbruch wird erstellt und in einem nächsten Schritt sowohl von der Schriftleitung als auch von den Mitgliedern der Kernredaktion kritisch gesichtet. Eventuelle Änderungen und Korrekturen werden mit den Autor*innen abgestimmt. Als Chefredakteur gehe ich die Beiträge schließlich final durch und stimme mich hierzu mit der Schriftleitung ab. Im Anschluss beginnt der Produktionsprozess.

Welchen Aufbau hat die Zeitschrift, welche Inhalte werden behandelt?

Die Zeitschrift publiziert pro Band zwischen sechs und acht Beiträge, die ergänzt werden durch ebenso viele Rezensionen aktueller Forschungsarbeiten. Alle zwei Jahre werden die von GTOT prämierten Abschlussarbeiten mit Kurzzusammenfassungen in der Sektion „GTOT-Award Winning Papers“ vorgestellt. Im ersten Heft finden sich entsprechend die Abstracts der ausgezeichneten Arbeiten des Jahre 2018. Die nächste GTOT-Preisverleihung ist für den anstehenden Turkologentag geplant, sodass die Arbeiten voraussichtlich im Frühjahr 2021 in Diyâr präsentiert werden können.

Wie ist die Redaktion zusammengesetzt?

Die Geschäftsführende Redaktion besteht aus fünf Mitgliedern. Bei der Besetzung haben wir versucht, der disziplinären und thematischen Bandbreite, die Diyâr abdecken soll, gerecht zu werden. Die Mitglieder der Redaktion für die nächsten drei Jahren sind Prof. Dr. Jens Peter Laut (Geor ­ g-August-Universität Göttingen, Seminar für Turko­ logie und Zentralasienkunde), zu dessen Schwerpunkten das vorislamische und islamische Zentralasien sowie Sprachreform und Literatur in der Türkei gehören; Dr. ­Élise Massicard (Centre National de la Recherche Scientifique Paris, Directrice de recherche), ihr Forschungsschwerpunkt ist die politische Soziologie der modernen Türkei; Prof. Dr. Raoul Motika (Direktor des Orient-Institut Istanbul) arbeitet über die zeitgenössische Türkei, spätosmanische Geschichte sowie aktuelle religiöse Entwicklungen in der turko-iranischen Welt und Europa; und schließlich Prof. Dr. Christoph Werner (Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Lehrstuhl für Iranistik), dessen Forschungsschwerpunkt als Iranist mit islamwissenschaftlicher Ausrichtung u.a. die Identitätsentwicklung religiöser Institutionen im modernen Iran umfasst.

Schließlich wird die Geschäftsführende Redaktion unterstützt durch Tabea Becker-Bertau, MA (Universität Hamburg/University College London), die, wie bereits erwähnt, bei Diyâr die Schriftleitung innehat.

Außerdem können wir neben der Kernredaktion auf eine erweiterte Redaktion mit 25 Kolleg*innen bauen, die in ganz Europa an turkologischen bzw. iranistischen Instituten tätig sind.

Welche Zielgruppen möchte die Zeitschrift ansprechen?

Diyâr möchte neben der internationalen Turkologie, Iranistik und der Nahoststudien vor allem auch Wissenschaftler*innen aus den Nachbardisziplinen wie etwa den Geschichts-, Kultur-, Sozial- und Politikwissenschaften ansprechen. Die auf Basis von Originalquellen mittels inter- und transdisziplinärer Methoden verfassten Beiträge bieten spannende Perspektiven auf Regionen, die historisch wie gegenwärtig aufs engste mit Europa verflochten sind.

Was erwartet den Leser im aktuellen Heft?

Im ersten Heft von Diyâr waren wir darauf bedacht, soweit wie möglich die gesamte thematische wie geographische Bandbreite unserer Zeitschrift abzubilden. Entsprechend vielfältig sind auch die Beiträge, sie thematisieren z.B. persische Epen des 15.-16. Jahrhunderts, die Befreiung russischer Sklaven im Zentralasien des frühen 19. Jahrhunderts, die materielle Kompensation der im Rahmen des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches aus Griechenland in die Türkei zwangsumgesiedelten griechischmuslimischen Bevölkerung oder die Rezeption und Adaptation von Kafkas Werken seitens türkischer Autor*innen als Ausdruck einer „Literatur des Widerstands“. Ergänzt werden diese durch drei osmanistische Beiträge über die wechselvollen Beziehungen zwischen osmanischen Staatsbeamten und den syrischen Isma’iliten, die Rolle der Photographie in der osmanischen Archäologie sowie über die protektionistische Politik von Sultan Abdülaziz (reg. 1861– 1876) gegenüber westlichen Dampfschifffahrtsgesellschaften, die als Postdienste die osmanischen Hafenstädte anliefen.

Der aktuelle Band enthält darüber hinaus Zusammenfassungen der von GTOT prämierten herausragenden Abschlussarbeiten aus den Bereichen der Turkologie, Osmanistik und Türkeiforschung. Hier reicht die thematische Bandbreite von altuigurischen Texten des 8.-10. Jahrhunderts, über die Geschichte der osmanisch-kurdischen Familie Bedirhani, dem Kampf gegen die Tuberkulose in der Türkei der 1950er Jahre bis hin zur Kommunalpolitik türkischer Parteien in der heutigen Türkei und dem sogenannten „Flüchtlingsabkommen“, das die EU mit der Türkei im März 2016 geschlossen hat. Der Band schließt mit sieben Rezensionen zu aktuellen turkologischen Forschungsarbeiten.

All diese spannenden Arbeiten und Forschungsperspektiven zeigen auf anschauliche Weise, wie lebendig und vielfältig die Turkologie und auch die Iranistik ist. Diyâr möchte und wird das Medium für diese Art interdisziplinär und Regionen übergreifend ausgerichteter turkologischer Forschung sein. ˜

Yavuz Köse
© Barbara Mair

 

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