Landeskunde

Die Zeichen der Zeit deuten – Chinas Kultur in der Schwebe

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2019

Die Volksrepublik China ist zu einem der wichtigsten Akteure in der Welt geworden. Dem entspricht eine kaum mehr zu überschauende Flut von Literatur über China. Das macht es nicht leichter, die Zeichen der Zeit zu deuten. Daher fragen sich viele, worauf es ankommt, will man ein zutreffendes Bild von China gewinnen. So neu und verwandelt das heutige China auch erscheint, so sind doch die Bilder von Chinas Vergangenheit ebenso wie Erfahrungen der letzten Jahrzehnte weiterhin prägend. Wie dünn aber die Folie von Gewissheiten tatsächlich ist, zeigen Studien, die ins Detail gehen und die auch zum Teil erst aufgrund neuerlich zugänglicher Informationen möglich sind. So nimmt Elisabeth Forster die Vorgänge des Jahres 1919, mit dem in China der Beginn der Zeitgeschichte datiert wird, in ihrer Studie unter die Lupe. Sensibilisiert durch die westlichen geschichtstheoretischen Debatten der letzten Jahrzehnte blickt sie genauer auf den Verlauf jenes Jahres, auf einzelne Personen und Themen und zeigt, dass das nachträgliche Narrativ der „4.-Mai-Bewegung“, wie man die ganze Epoche später nannte, „gemacht“ ist und keineswegs alternativlos war. Sie zeigt das Auf und Ab einzelner Diskurse und entlarvt die Bezeichnung als nachträglich eingeführtes Modewort (buzzword). Tatsächlich finden sich am Ende des Ersten Weltkrieges bis in das Frühjahr 1919 in China eine Vielzahl von Diagnosen und Initiativen, welche dann erst seit dem Sommer mit dem die fortdauernde Verwirrung verdeckenden Begriff der „Neuen Kultur“ belegt wurden. Im Ergebnis plädiert die Studie für eine regionale und vielfältige Diskurssphären unterscheidende Beschreibung der dann doch als Zeitwende zu bezeichnenden Entwicklungen, die wir so wie bisher wohl auch weiterhin als 4.-Mai-Bewegung kennzeichnen, auch wenn sie mehrschichtig war und nicht geradlinig verlief.

 

Elisabeth Forster: 1919 – The Year That Changed China. A New History of the New Culture Movement. Berlin: de Gruyter Oldenbourg 2018. 250 Seiten. Hardcover. ISBN 978-3-11-055813-5. 64,95 €

Die „Aufarbeitung der Vergangenheit“ spielt insbesondere für die Zeit nach der Gründung der Volksrepublik weiterhin eine zentrale Rolle, denn wie begangenes Unrecht unter wechselnden politischen Linien und Kampagnen einzelnen Personen zugerechnet werden und in welchem Maße eine Entschädigung, Wiedergutmachung oder Rehabilitierung stattfinden kann, ist am besten an Einzelfällen zu studieren. Wie dies im Falle der nachträglichen Verfolgung von Tätern und der Rehabilitierung von Opfern der ersten Jahre der Volksrepublik einzuschätzen ist, zeigen in einer Freiburger Konferenz zusammengetragene Forschungsergebnisse anhand einzelner Fallbeispiele.

 

Puck Engman, Daniel Leese, Hrsg.: Victims, Perpetrators and the Practice of Law in Maoist China. A View from the Grassroots (Reihe:Transformations of Modern China 1) Berlin: de Gruyter Oldenbourg 2018. 205 Seiten Hardcover. ISBN 978-3-11-053365-1. 69,95 € / $80.99 / £57.99*

Vor dem Hintergrund der Aufarbeitung von Unrecht in früheren Zeiten sind die derzeitigen Bemühungen um eine Klärung des Begriffs der Rechtswidrigkeit im Kontext des chinesischen Strafrechts von hoher Brisanz. Es bleibt weiter spannend, zu beobachten, wie sich die Rechtsprechung in China dem annähert, was wir in Westeuropa als Befolgung des Prinzips der Rechtstaatlichkeit verstehen. In einer neuen Publikation werden Fragen der Rechtswidrigkeit im chinesischen Kontext zwischen deutschen und chinesischen Juristen diskutiert. Ein weiteres Thema des Bandes ist die Zurechnung der Verantwortung und die Klärung von Haftungsfragen im Zusammenhang der Verwendung moderner Technik am Beispiel des automatisierten Fahrens. Weil in der chinesischen Diskussion die Dogmatik eines „erlaubten Risikos“ erst in den Anfängen steckt, bezieht sich der Autor Minkai Zhang auf in Japan angestellte diesbezügliche Überlegungen. In zwei Kommentaren hierzu werden diese Ausführungen mit denjenigen Eric Hilgendorfs zum erlaubten Risiko in Beziehung gesetzt und sodann systematisch auf das Rechtsstaatsinteresse bezogen, dem von Dongyan Lao von der Pekinger Tsinghua-Universität im Rahmen der Interessenabwägung im Strafrecht der „höchste Wert“ zugeschrieben wird. In einem dritten Teil diskutieren die Autoren die Reichweite einer Einwilligung eines Patienten im Medizinstrafrecht und die Anwendungsbedingungen des Grundsatzes „dem Einwilligenden geschieht kein Unrecht“. Der Band schließt mit einem unter die Überschrift „Zulässige eigenmächtige Heilbehandlung im medizinischen Notfall“ gestellten Kommentar von Mingxiang Liu von der Pekinger RenminUniversität, der u.a. das Recht, aber nicht die rechtliche Pflicht zur Rettung eines Sterbenden konstatiert.

 

Eric Hilgendorf, Hrsg.: Rechtswidrigkeit in der Diskussion. Tübingen: Mohr Siebeck 2018 (Schriften zum Ostasiatischen Strafrecht 4). 241 Seiten. ISBN 978-3-16-156316-4. 74,00 €

Anders als solche enggeführten Diskurse spielen Werke wie die nunmehr vorzustellenden eine gänzlich andere Rolle. Der erfolgreiche Journalist Stefan Baron legt zusammen mit seiner Frau Guangyan Yin-Baron ein „Die Chinesen“ betiteltes Buch vor, in dem er Missverständnisse und Vorurteile über China und seine Menschen ausräumt, um damit bei seinen Lesern die „interkulturelle Kompetenz“ zu fördern. In einer umsichtig aufgebauten Folge von Kapiteln beschreiben die Autoren den Aufbau und die Besonderheiten der gegenwärtigen Gesellschaft, die Vielfalt und Komplexität einfangend, und zielen darauf ab, den Aufstieg Chinas zur neuen Weltmacht als insgesamt positive Entwicklung zu sehen. Weil sie auch auf die Tiefenstrukturen der chinesischen Gesellschaft eingehen und das zur Verfügung stehende Wissen über China eingefangen haben und mit eigenen Erfahrungen verbinden, ist ihr Buch in besonderem Maße empfehlenswert.

 

Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht. Berlin: Econ 2018. 448 Seiten. ISBN 978-33-430-20241-1. 25,00 €

Einen distanzierteren Blick auf China nimmt ein anderes Autorenpaar ein, die den Aufstieg Chinas auch als Gefahr für den Westen und zugleich China in vielerlei Hinsicht noch als technologischen Nachzügler betrachten. Vor allem aber beschreiben sie gegenwärtige Trends und Entwicklungen auf der Grundlage ihrer in den Jahren 2015 bis 2017 in China gewonnenen Erfahrungen. Das Buch nimmt als Erzählperspektive die Abreise und schildert anhand von mitgenommenen Erinnerungen in Gestalt von zahlreichen eingefügten Tagebucheindrücken von Kerstin Witt-Löw das so gewonnene Chinabild der Autoren.

 

Raimund Löw/Kerstin Witt-Löw: Weltmacht China. Mit einem Vorwort von Hugo Portisch. Wien: Residenz Verlag 2018. 256 Seiten. ISBN 978-3-70173452-8. 24,00 €

Insbesondere auf die Wirtschaft Chinas im Kontext eines ganz Asien erfassenden Wachstums richtet sich das Interesse des Asienkenners Karl Pilny, dessen neuestes Buch darauf hinzielt, die asiatische Herausforderung und eine Perspektive für Europa bzw. die EU miteinander zu verknüpfen. Pilny versteht sein Buch als einen Ratgeber für Europa, doch dafür, wie der von ihm vorhergesagten Positionierung Asiens und Europas („Asien ins Zentrum und Europa an die Peripherie der Welt der Macht und des Wohlstands“) begegnet werden könnte, liefert auch er kein Rezept. Angesichts wachsender Skepsis im Hinblick auf Chinas Auslegung von Marktzugang und Handelsfreiheit ist sein Plädoyer zu beherzigen, „Asien als ein dynamisches Ganzes“ zu verstehen.

 

Karl Pilny: Asia 2030. Was der globalen Wirtschaft blüht. Frankfurt: Campus 2018. 328 Seiten. ISBN 978-3-593-50833-7. 26,95 €

Schon die Rede von der „Eindämmungspolitik der USA“ im Titel des neuesten Buches von Robert Fitzthum signalisiert die Zielrichtung des Autors, der die sich abzeichnende neue Bipolarität China vs. USA in den Mittelpunkt stellt und in diesem Zusammenhang eine neue Wahrnehmung Chinas fordert. Das Buch setzt ein mit einem Kopfschütteln über die „China-Berichterstattung in westlichen Medien und das allgemeine Stimmungsbild gegenüber China in Europa“. Mit der Hervorhebung der wieder gewachsenen Rivalität der USA gegenüber China trifft der Autor einen Nerv. Fitzthum sieht einen Einstellungswandel der USA gegenüber China im vergangenen Jahrzehnt und stellt Chinas Außenpolitik in dem umfangreichsten Kapitel des Buches die neue geopolitische Strategie der USA gegenüber. Dazu gehört nach Ansicht des Autors die Instrumentalisierung regionaler Konflikte als „Hebel gegen China“ (Kapitel 5) und die „Regimewechsel“-Strategie der USA, auf die „Chinas Militärstrategie und Rüstungsanstrengungen“ (Kapitel 7) als „Antwort“ verstanden wird. Das wohlinformierte Buch ist gerade auch für denjenigen lesenswert, der eine Konfrontation zwischen der neuen und der alten Weltmacht für keine wünschenswerte Option hält.

 

Robert Fitzthum: China verstehen. Vom Aufstieg zur Wirtschaftsmacht und der Eindämmungspolitik der USA. Wien: Promedia 2018. 224 S. ISBN 978-3-85371-442-3. 17,90 €

Wie selbst für heutige Entwicklungen und Weichenstellungen historische Entwicklungslinien wirkmächtig sind, erkennt man in Detailstudien wie etwa solchen zum Verhältnis von Staat und Regierung einerseits und Wirtschaft und Handel andererseits. Ein von Patricia Buckley Ebrey und Paul Jakov Smith vorgelegter Sammelband mit Beiträgen zu der Zeit zwischen den Jahren 900 und 1325 thematisiert eine Periode, in der China durch ein Vielstaaten-System gekennzeichnet war und die Dynastien Liao (907–1123), Song (960–1279) und Jin (1115–1234) nebeneinander existierten und dann erst nach der mongolischen Eroberung durch die mongolische Yuan-Dynastie (1215–1368) wieder vereinigt wurde. Mit dem Begriff der Staatlichkeit identifizieren die Beiträge über lange Zeiträume wirkende Muster, die bis ins 19. Jahrhundert strukturbildend wirkten. An dem Beitrag von Song Chen („Governing a Multicentered Empire“) erkennt man bis heute wahrnehmbare Strukturen der Machtsicherung durch Stellenbesetzungen und Beteiligung lokaler Eliten innerhalb eines regional gegliederten Staatswesens. Die Reformmaßnahmen Wang Anshis im 11. Jahrhundert verknüpft Paul Jakov Smith („Anatomies of Reform“) explizit mit den Reformen Deng Xiaopings in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Memorialkultur, historische Legitimierung einzelner Reformprogramme und die Implementierung von Agrarsteuern (Jaeyoon Song, „Debates on Just Taxation in Ma Duanlin’s Comprehensive Survey“) und der Status des Militärs oder staatlich veranlasste Umsiedlungsmaßnahmen sind weitere Themen.

 

Patricia Buckley Ebrey und Paul Jakov Smith (Hg.), State Power in China 900-1325. Seattle and London: University of Washington Press 2016. Hardcover. 372 Seiten. ISBN 9780295998107.

Chinas Selbstverständnis und die Verfasstheit Chinas werden gegenwärtig auch innerhalb Chinas erörtert. Dabei spielen einzelne Intellektuelle innerhalb wie außerhalb Chinas eine besondere Rolle, wie der Literaturwissenschaftler Wang Hui, Jahrgang 1959, oder der Rechtswissenschaftler Zhu Suli, Jahrgang 1955. Die Position des letztgenannten zur Verfasstheit des Alten China stellt das Thema der Konfliktregelung oder Konfliktvermeidung zwischen Zentralregierung und Provinz, oder allgemeiner zwischen dem Zentrum und den Rändern in den Mittelpunkt. Daraus leitet der Autor ab, was China eigentlich ausmacht, seine Konstitution, die er mit der „Verfassung“ gleichsetzt, wodurch gleich das weite Feld der Verfassungsdebatte und der Gegensatz von „Herrschaft des Gesetzes“ einerseits und des „Herrschens durch Gesetze“ andererseits aufgerufen wird. Zhu Suli konzipiert seinen Verfassungsbegriff aus einer lebensweltlichen Rekonstruktion und erklärt schriftlich niedergelegte normative Verfassungstexte für zweitrangig. Verfassungen seien nämlich keine Garantie gegen den Rückfall in die Barbarei. Für den geschichtlichen Prozess Chinas und die Bildung eines größeren staatlichen Verbundes seien drei Faktoren verantwortlich: Erstens, die in allen Gesellschaften auftretende Notwendigkeit der Konfliktbeilegung zwischen einzelnen Siedlungen, zweitens die Notwendigkeit der Gewässerregulierung und drittens der Konflikt mit den die chinesische Ackerbaukultur bedrohenden eindringenden nomadischen Kulturen. Damit reduziert er komplexe Verhältnisse auf zwei systemische Sammelbegriffe, nämlich die „Abwehr gegen die Steppenkulturen“ sowie die Sicherung der Lebensgrundlagen gegen Naturereignisse, hier die Notwendigkeit des Umgangs mit den Fluten des Gelben Flusses. Damit stellt er die Konstituierung Chinas als alternativlos dar, eine Position, welche man nicht teilen muss. Wenn er sich auf den Satz Lucian Pye’s beruft, „China is not just another nation-state in the family of nations. China is a civilization pretending to be a state.“, wird man ihm allerdings zustimmen. Die in seinen Augen wesentlichen drei Elemente der Konstituierung Chinas sind die Bewältigung der stets auf Neue entstehenden Grenzgefährdungen, ein das ganze Land durchziehendes Kulturverständnis einschließlich einer einheitlichen Schriftlichkeit und Sprache, sowie, drittens, eine nach Fähigkeit rekrutierte Funktionselite, bestehend aus den mit dem traditionellen Begriff des Literatenbeamten (shidafu) bezeichneten Beamten. Die hierfür notwendigen institutionellen Strukturen seien in einem trial-and-error-Prozess im Laufe der Zeit gebildet worden, und selbst wenn sie oktroyiert worden waren, sei ihre Dauerhaftigkeit eine Folge von Bewährung und Akzeptanz auf Seiten der Bevölkerung.

 

Su Li, The Constitution of Ancient China. Edited by Zhang Yongle & Daniel A. Bell. Translated by Edmund Ryden. Princeton: Princeton University Press 2018. Hardcover. 293 Seiten. ISBN 978-0691171593. 30.00 GBP

Zu den wirkmächtigsten Komponenten chinesischer Kultur gehört die vor etwa viertausend Jahren auftretende und sich dann schnell entwickelnde Zeichenschrift, die zur Integration von Verständigung und Bildung im Reich führte und bis in die Gegenwart das einigende Band darstellt. Der im frühen sechsten Jahrhundert von dem Reformkaiser und überzeugten Buddhismusanhänger Liang Wudi (464–549) beauftragte 1000-Zeichen-Klassiker (Tianziwen) hat über Dutzende von Generationen hinweg Chinas Schüler in die Kultur des Lesens und Schreibens und dabei natürlich auch in die konfuzianischen Wertetraditionen geführt. Natürlich ist die literarische Tradition viel weiter gefächert, doch der 1000-Zeichen-Klassiker, der nun in einer vorzüglichen Übersetzung von Eva Lüdi Kong, mit Erläuterungen und Registern versehen und ansprechend gestaltet, vorliegt, sollte auf jedem Tisch eines an China und dem Chinesischen Interessierten liegen. Das Büchlein ist nicht nur unterhaltsam und lehrreich, sondern eignet sich auch zur Einprägung der Schriftzeichen in einer über Jahrhunderte bewährten Art und Weise.

 

Der 1000 Zeichen Klassiker. Aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Eva Lüdi Kong. Stuttgart: Reclam 2018. Hardcover. 156 Seiten. ISBN 978-3-15-011177-2. 24,00 €

Die Spanne von Textlichkeit im Hinblick auf Vergangenheitsverständnis und Zukunftserwartung schreiten jene 25 Autorinnen und Autoren aus, die zu Ehren eines der bedeutendsten deutschen Sinologen seiner Generation, Michael Lackner, zu einer Festschrift beigetragen haben. Zumeist kleine Kabinettstücke, gelegentlich abseitig scheinend, fesseln die Beiträge allesamt einen mit den geistigen Traditionen Chinas auch nur ansatzweise Vertrauten und ziehen ihn in ihren Bann. Um nur die ersten fünf Beiträge anzusprechen: Nach dem Überblick über die früheste Entwicklung von Glocken und die Herausbildung der zweitönigen Glocke durch den wohl besten Kenner der erst durch neuere Ausgrabungsfunde wieder an Licht getretenen Musik des Altertums, Lothar von Falkenhausen, diskutiert Michael Schimmelpfennig einen kürzlich entdeckten Text „Über Loyalität und Vertrauen“ vor dem Hintergrund bisheriger Deutungsversuche, von denen er sich mit plausiblen Argumenten deutlich absetzt. Rudolf G. Wagner zieht einen Bogen von den frühen Spekulationen über das „Sprechen des Himmels“ bis hin zu den als Satire gegenwärtiger Textgläubigkeit gedeuteten und zuerst in Peking präsentierten „Himmelsbriefen“ des international agierenden Künstlers Xu Bing. Der Beitrag von Chu Pingyi konzentriert sich auf die Außergewöhnlichkeit des „Heiligen“, dessen Physiognomie daher „unlesbar“ und nicht deutbar bleiben muss. In einer meisterhaften Betrachtung zu einem der späten Gedichte des Du Fu (712–770) entfaltet Martin Kern die geistigen Horizonte dieses bei vielen als „bedeutendster Dichter“ Chinas geltenden Autors.

 

Iwo Amelung & Joachim Kurtz, Hrsg.: Reading the Signs: Philology, History, Prognostication. Festschrift für Michael Lackner. München: iudicium 2018. Hardcover. 592 Seiten. ISBN 978-3-86205-615-6. 85,00 €

Während solche Lektüren ganz nahe an die innerchinesischen Diskurse herangehen, diese kommentieren und reflektieren, zeigen uns die Betrachtungen gewissermaßen „ferner Lektüren“ mehr über die Interessen der Betrachter. So nimmt die Studie „Diskurs und Dekor“ von Mareike Menne zur Frühen Neuzeit Aspekte der europäischen Selbstsicht und Weltauslegung in den Blick. Dabei entfaltet sie die „China-Rezeption in Mitteleuropa, 1600–1800“, so der Untertitel, und setzt die zahlreichen Facetten von Chinamode, Chinoiserie und Chinabegeisterung in der Frühen Neuzeit zueinander in Beziehung und zeichnet auf diese Weise ein Psychogramm Mitteleuropas im Spiegel seiner Chinabegeisterung. Gerade weil es keine Eindeutigkeit „in der Mannigfaltigkeit der Chinarezeption“ gibt – die Autorin spricht von einer „Spiegelscherbe“ (S. 122) – hat sie sich der Mühe unterzogen, Strukturen und Verläufe der ChinaRezeption zu differenzieren. Dabei unterscheidet sie vier Phasen, die der Kunst- und Wunderkammern (ca.1500 bis ca. 1700), die Phase der Sammlungsräume (ca. 1650 bis ca. 1750), die Phase der „chinesischen“ Kabinette (ca. 1700 bis ca. 1750) und die „Phase der gestalterischen Freiheit“ (nach 1763 bis ca. 1800). Innerhalb dieses gegliederten zeitlichen Rahmens verortet Mareike Menne zahlreiche Chinoiserien und legt Fährten, die zukünftig noch ausgeschritten werden müssen. So spielten aus China übernommene bzw. auf China verweisende Rituale und Bilder auf Jahrmärkten ebenso wie auf Opernbühnen oder in anderen Sphären jener Zeit eine wichtige Rolle. Die in dem Kapitel „China spielen“ (S. 171-336) zusammengetragenen vielfältigen Beispiele von Chinoiserien zeigen, wie verbreitet der mentale Umgang mit China gewesen sein muss, zu dem sich in bisher noch nicht angemessenen erschlossenen Archiven und Sammlungen noch weiteres Material finden dürfte. Insofern verweist die unsere Augen öffnende Studie von Mareike Menne auf noch weitgehend unerschlossene Gebiete.

 

Mareike Menne: Diskurs und Dekor. Die China-Rezeption in Mitteleuropa, 1600–1800. Bielefeld: transcript Verlag 2018. 406 Seiten. ISBN 978-3-8376-4338-1. 44,99 €

In „westlichen Kulturkreisen“ gehegten Missverständnissen über chinesische Malerei stellte das Ludwig Museum im Koblenzer Deutschherrenhaus eine Ausstellung von aus den Jahren 1984–2018 stammenden Arbeiten des „Malers, Bildhauers, Designers, Architekten und Philosophen“ Shao Fan (Yu Han) entgegen. Kritiker kommen zu Wort ebenso wie der Künstler selbst im Gespräch mit dem Sammler Uli Sigg. Möbel, Installationen und Arrangements lösen ebenso wie seine Öl- und Tuschemalereien die Grenze zwischen Wahrheit und Illusion auf und erweisen Shan Fan als einen „unverbesserlichen Traditionalisten“ (S. 36), als den ihn Demetrio Paparoni in dem durchweg zweisprachigen Begleitband zur Ausstellung charakterisiert. Porträts werden historischen Figuren und Charakteren ebenso gewidmet wie Hasen und anderen Tieren, wobei der Hase (Tusche auf Reispapier) in vielfältigen Variationen auftritt.

Dabei werden Bezüge auf westliche (Albrecht Dürers Hase) ebenso wie byzantinische Bildtraditionen aufgerufen. Trotz des beschworenen Traditionsbezugs und der Berufung auf die Kalligraphie als Symbol des heutigen und zukünftigen China (S. 38) finden sich auf den gezeigten Werken nirgends Schriftzeichen. So folgt Shao Fan in diesem Punkt dann doch nicht der ostasiatischen Tradition der in der Tuschemalerei allgegenwärtigen Verflechtung von Bild und Schrift. – Eine ebenfalls in Koblenz gezeigte Ausstellung unter dem Titel „Ninggu“, deutsch: „Erstarren“, begleitet der Band zu dem 1965 geborenen Künstler Zhang Fangbai, bei dem die Landschaftsmalerei, aber auch einzelne Sujets wie der Adler im Mittelpunkt stehen. Die Arbeiten – neben einigen frühen Arbeiten vor allem solche aus den letzten beiden Jahrzehnten – belegen das malerische Programm von Zhang Fangbai, welches die Auseinandersetzung mit westlicher Kunst ebenso zeigt wie die zunehmende Anknüpfung an die Spiritualität der Traditionen chinesischer Tusche- und Landschaftsmalerei.

 

Beate Reiferscheid und Liu Li Anna, Hrsg.: Shao Fan (Yu Han). Werke 1984–2018. Köln: Wienand 2018. 256 Seiten. ISBN 978-3-86832-453-2. 39,00 €

 

Beate Reiferscheid, Hrsg.: Zhang Fangbai. Ninggu. Köln: Wienand 2018. 231 Seiten. ISBN 978-386832-454-9. 39,00 €

Abschließend soll auf zwei Werke verwiesen werden, die auf langjährige intensive China-Erfahrungen zurückgehen und die zugleich einen Blick in die Zukunft werfen. Diese Berichte sind deswegen von zentraler Bedeutung, weil sich derzeit in besonderem Maße ein „Wettbewerb der Systeme“ und eine zunehmende Konkurrenz zwischen China und dem Westen abzeichnet. Dabei ist es gut, auch die Stärken des jeweils Anderen zu sehen. Der eine, Kai Strittmatter, von 1997 (mit einer Unterbrechung) bis 2018 für die Süddeutsche Zeitung Korrespondent in China, hatte wiederholt betont: „Die größte Herausforderung für die Demokratien des Westens in den kommenden Jahrzehnten wird nicht Russland, es wird China sein”, und beschreibt nun diese Herausforderung und verbindet sie mit Beobachtungen aus China. Er findet Stichworte wie Geschichtsvergessenheit und Vertrauensverlust, verweist aber auch auf die alten und bis heute lebendigen Traditionen des Widerstands und der Insubordination. Das Buch will aufrütteln und endet mit der Frage, ob es der neu erfundenen Diktatur gelinge, den Staat zu schaffen, „der den Westen“ überholt und sich „an die Spitze der Welt schwingen wird“? Die Antwort, so Strittmatter, werde „von der Stärke Chinas abhängen – aber mehr noch von der Schwäche des Westens“. Peking setze „auf die Schwäche und Zerstrittenheit unserer Demokratien“. Auch wenn man dem Autor Recht geben möchte, so bleibt die Frage unbeantwortet, ob nicht gerade die „Schwäche und Zerstrittenheit unserer Demokratien“ ihre eigentliche Stärke ist. – In anderer Weise als Kai Strittmatter eröffnet Harro von Senger, seit über vierzig Jahren das Denken und Handeln Chinas registrierend, in China übliche „unerkannte Denkhorizonte“ unter dem chinesischen Begriff Moulüe, den er mit „Supraplanung“ übersetzt. Die nach zehn Jahren überarbeitete und ergänzte Neuauflage dieses Buches ist jedem an China Interessierten zur Lektüre zu empfehlen, zumal es um Anknüpfung an jüngste Ereignisse und Erfahrungen bemüht ist. Die Aufforderung, den „Sinomarxismus“ als die wichtigste „geistige Grundlage für das Denken und Planen von Führungspersönlichkeiten der VR China“ ernst zu nehmen, ist nach wie vor aktuell. Von Senger will „so authentisch wie möglich die offizielle derzeitige chinesische Marxismussicht“ darstellen und verbindet dies mit der von ihm aufgedeckten und bis heute gewissermaßen „im Verborgenen“ wirksamen, auch als Listenlehre bekannten Strategemkunde, zumal die „Supraplanung selbst strategemisch konzipiert“ ist. Entsprechend ist das Buch aufgebaut. Supraplanung, Sinomarxismus und den Strategemen sind je eigene Kapitel gewidmet, deren Verknüpfung in einem weiteren Kapitel zusammengefasst wird. Im letzten Kapitel gibt von Senger „einige wenige Anregungen“, wie man in Europa „mit der chinesischen sinomarxistischen Supraplanung“ umgehen könnte. Denn Europa könnte, so der Autor, von dem bisher weitgehend gelungenen und sich fortsetzenden Modernisierungsprozess Chinas lernen und sich bewusst machen, dass durch Marktkräfte alleine und ohne weitsichtige Planungen und staatliche Lenkung in Europa der notwendige Transformationsprozess nicht gelingen kann.

 

Kai Strittmatter, Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert. München: Piper 2018. 288 Seiten. Hardcover. ISBN 978-3-492-05895-7. € 22,00 

 

Harro von Senger: Moulüe – Supraplanung. Unerkannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte. 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. München: Hanser 2018. 426 Seiten. Hardcover.| E-Book inside. ISBN 978-3-446-45525-2. € 26,00

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer (hsg) ist ein deutscher Sinologe und Publizist und als Seniorprofessor der Universität Tübingen seit 2016 Gründungsdirektor des China Centrum Tübingen und Präsident des Erich-Paulun-Instituts. Von 1981 bis 1993 Inhaber des Lehrstuhls für Ostasiatische Kultur- und Sprachwissenschaft an der Universität München, von 1993 bis 2015 Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Seit 2015 Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Asienkunde. Er unterrichtete an den Universitäten Bonn, München, Göttingen, Hamburg und Hannover. Im Jahr 2015 erhielt er den „Staatspreis der Volksrepublik China für besondere Verdienste um die chinesische Buchkultur“. Zuletzt erschien von ihm im Verlag Matthes & Seitz Berlin „Chinas leere Mitte. Die Identität Chinas und die globale Moderne“.

Helwig.Schmidt-Glintzer@gmx.de

 

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