Kinder- und Jugendbuch

Die Unterschiede feiern!

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2020

Renate Müller De Paoli

Charlotte Link, Regisseurin und Oscar-Preisträgerin, ­sagte in einem ZEIT ­-Interview am 12. Dezember 2019: „Meiner Tochter Pauline sage ich immer: Es geht nicht darum, dass wir ­alle gleich sind. Es geht darum, dass wir die ­Unterschiede feiern.“ Genau dieses ­Thema zelebrier ­ en Kinder- und Jugend ­ buchv­ erlage immer wieder mit wunderbaren Büchern.

 

In Alle behindert! stellen Monika Osberg und Horst Klein „25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen“ steckbriefartig jeweils auf einer Seite vor, bunt und schrill, frech und provokant, dazu die Illustrationen von Horst Klein. Da ist Anna mit Down-Syndrom, Pippa mit Querschnittslähmung, Neo, der Kleinwüchsige, Oskar mit ADHS, Xenia mit Epilepsie, Max, der Spastiker, ebenso wie Julien, der Angeber, Vanessa, die Tussi, Paul, der Mitläufer oder Victoria, das Helikopterkind. Dabei geht es nicht um Ausgrenzung oder Abwertung und auch nicht um Gleichmacherei. Offen, ehrlich und berührend haben Kinder und Eltern gegenüber den Autoren individuelle Besonderheiten und Bedürfnisse beschrieben. Die Antworten auf Fragen wie „Mag gerne (…), Mag weniger (…), Was ist daran einfach nur doof (…)“ zeigen nicht nur wie groß die Gemeinsamkeiten sind, sondern dass jedes Kind letztendlich etwas Einzigartiges und sehr Besonderes ist.

Spielerisch wird ferner viel Wissenswertes über die jeweilige Behinderung vermittelt: „Wo kommt das her? Wie oft kommt das vor? Geht das wieder weg? Wie gehe ich auf dich zu? Kann ich mit dir spielen?“ Der „Supertrumpf“ wird am Schluss ausgespielt: „Welche Behinderung hast Du denn? Raus mit der Sprache! Füll den Steckbrief aus!“

 

Das Bilderbuch aus Argentinien Clara und der Mann im großen Haus ­ entführt uns in ein kleines Dorf in der Weite der argentinischen Pampa. Mit sensibler Bildsprache unterstreicht die Illustratorin Martina Trach durch warme Farben, feinen Strich und verschiedenen Perspektivwechseln die Zartheit dieser textlich kurzen, biografischen Geschichte von Maria Teresa Andruetto: Clara wird von ihrer Mutter mit Wäsche zu Juan, dem Mann im großen Haus geschickt. „Er geht nie aus dem Haus. Er mag das Tageslicht nicht.“ Und er legt das Geld stets unter die Fußmatte. Doch die Neugierde des kleinen Mädchens lockt ihn ans Fenster und Juan fragt sie, ob sie lesen könne. Beim nächsten Mal liegt auch ein Buch unter der Fußmatte. Schließlich freunden sich beide an, sie darf Juans Bibliothek betreten, seine Bücher lesen und erfährt den Grund für die Zurückgezogenheit: In seiner Jugend hatte er sich in einen jungen Mann verliebt, doch ihm fehlte die Courage. „Was bedeutet ,Courage’?“, fragt sie. „Courage ist der Mut, so zu leben, wie man möchte, und das zu leben, woran man glaubt.“ Grübelnd geht Clara und vergisst ihr Buch. ­Juan läuft hinterher und verlässt endlich wieder das Haus. Das kleine Mädchen ist die Mutter der Autorin gewesen.

 

Mitreißend und humorvoll erzählt Anne Becker in ihrem Roman Die beste Bahn meines Lebens, wie der 13-jährige Jan, ein Super-Schwimmtalent, nach einem Umzug beginnt auch seine Stärken zu sehen. Dank einer „abgedrehten Therapeutin“ ist er in der Lage, seiner neuen Klasse seine Leserechtschreibschwäche (LRS) einzugestehen und das „LRS-Monster am Halsband spazieren“ zu führen: „Aber du sagst, wann und wo.“ Tricks und Schwänzen aus Angst vor dem Lesen sind vorbei. Auch Linus, das Klassen-

Großmaul, ist mit seinen MobbingVersuchen „Ich mach dich platt, du Nichtskönner!“ in seine Schranken gewiesen. Jan hat sich sowohl auf der Schwimmbahn als auch bei Flo, seiner flippigen Mitschülerin, Nachbarin und „Hühnerflüsterin“, gegenüber Linus durchgesetzt. So zeigt Flo – wegen ihrer Mathekenntnisse Erpressungsversuchen und Stalking ausgesetzt – in witzigen Bilddiagrammen wie ihre Zuneigung zu Jan wächst. Es ist einfach überzeugend, mit welcher Leichtigkeit Anne Becker, die auch als Förderschullehrerin arbeitet, Schwächen und Stärken in die Waagschale wirft und ausgleicht.

 

Lotte, 13 Jahre alt und Ich-Erzählerin in Lena Hachs Roman ­Grüne ­Gurken, hat es nicht leicht. Gerade musste sie die hessische Dorfidylle verlassen und nach Berlin-Kreuzberg umziehen; da machen die Eltern auch schon wieder Druck, dass sie sich auf die nächste Aufnahmeprüfung in die „Gesellschaft für Hochbegabte“ vorbereite. Ein Akt, den sie Jahr für Jahr über sich ergehen lassen muss, denn alle in der Familie, auch die Cousins und Cousinen sind hochbegabt. Nur sie ist die „unfreiwillige Ausnahme“ und vergeigt es jedes Mal. Schlagfertig und mit viel Selbstironie beschließt Lotte, sich „selbst zu akzeptieren“, findet einen Ferienjob im Kiez-Kiosk gegenüber und verliebt sich in den Jungen, der jeden Montag zehn grüne Gurken aus dem Weingummiglas kauft. Ein amüsanter Jugendroman mit originellen Wendungen, der insbesondere durch die witzigen Infografiken von Katja Berlin bereichert wird. Denn ­Lotte schreibt kein Tagebuch, sondern sie entwirft Torten-, Block- und Mengendiagramme, z.B. das Tortendiagramm „Das Schlimmste an der Pubertät“ mit zwei kleinen Stücken blau „Pickel“ und gelb „Stimmungsschwankungen“ – und der große Rest grün „Aufklärungsgespräche mit den Eltern“.

 

„Er hat seine Familie verloren“, ruft der 16-jährige Jadran verzweifelt, als er mit seinem jüngeren Bruder Josh einen verletzten, jungen Kranich findet, der nicht mit den anderen Vögeln nach Süden fliegen kann. Damit hat der flämische Autor Jeff Aerts in Die blauen Flügel das Thema gesetzt. Denn Jadran – vielleicht traumatisiert durch die Trennung seines Vaters von der Familie, als er noch klein war – „denkt und spricht noch wie ein kleines Kind, aber ist groß und stark geworden“. Als er erfährt, dass er in ein Zimmer in die Wohngruppe im „Freiraum, seine Spezialschule“ ziehen soll, entschließt er sich, den jungen Kranich zu seiner Familie in den Süden zu bringen. Denn „Im Freiraum ist alles kaputt. (…) Sogar die Menschen dort sind kaputt. (…) Aber das ist nicht wahr, oder? Ich bin noch ganz heil!“ Er schnappt sich einen Traktor, holt Josh und eine abenteuerliche Flucht beginnt. Ein bewegendes Road-Movie mit überraschendem Ausgang.

 

„Ich möchte eine Brücke zwischen den Menschen bauen“, schreibt die dänische Autorin Kristina Aamand in ihrem Nachwort zu Wenn Worte meine Waffe wären. Aamand, Tochter einer dänischen Mutter und eines palästinensischen Vaters, kennt seit ihrer Kindheit den Streit über Religion, Christentum und Islam, Tradition und Wahrheit. Mit ihrer 17-jährigen Protagonistin Sheherazade hat sie eine unglaublich starke Waffe entwickelt. „Mein Pfeil in die Zukunft“ nennt sie ihr Vater. Er ist Schriftsteller, wegen seiner Texte im Gefängnis gefoltert worden und flieht mit der Familie nach Dänemark. Ihre Mutter wird dort zunehmend religiöser und sieht in ihrer Tochter die zukünftige Ärztin heranwachsen. Sheherazade wächst in den „kleinen Betonkästen“ eines Immigran­ten-Gettos auf. Hier versucht jeder, den Regeln der Ehre zu folgen. In ihrer Schule muss sie als einzige Muslima viel aushalten. Sie flüchtet sich wie ihr Vater ins Schreiben, schneidet Bilder und Fotos aus und fügt sie zu kleinen Magazinen – „Zines“ – zusammen. Und sie findet Unterstützung in der 18-jährigen Thea, in die sie sich verliebt. Sheherazade ist mutig, ihre Sprache schonungslos und unter die Haut gehend, denn sie „handelt von uns und denen. Und davon, anders zu sein. (…) Aber ich hoffe, dass sie sich eines Tages an ihre eigenen Worte erinnern (…). Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn wir einander mit all unseren Unterschieden akzeptieren würden“.

Renate Müller De Paoli ist freie Journalistin.

RMDEP@t-online.de

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