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Die Lust am Buch

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2019

Michael Hagner. Die Lust am Buch. 2019. Insel Verlag. 978-3-458-19464-4.

Betrachtungen zum Buch und zum Lesen aus der persönlichen Perspektive bilden ein eigenes kleines Genre: Das reicht von Umber­to Eco „Die Kunst des Bücherliebens“ (dtv 2011), Burkhard Spin­nen „Das Buch. Eine Hommage.“ (Schöff­ling 2016) oder Peter de Mendelssohns „Das Buch in der Gegen­wart“ (Econ Verlag 1978), bis hin zu the­matischen Gedankensammlungen wie bei Ulrich Raulff „Die wilden Jahre des Lesens. Wiedersehen mit den Siebzi­gern“, (Klett-Cotta 2014) oder Sasha Abramskys Erinnerungen „Das Haus der zwanzigtausend Bücher“ (dtv 2017); es gäbe viele weitere Beispiele. Nicht einfach, den zahlreichen Vorgängern neue interessante Gedanken hinzuzufügen. Der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner hat es mit „Die Lust am Buch“ versucht – und es ist ihm gelungen. In seinen bunt zusammengestellten Mikrotexten, Miniaturen oder Miscellen, persönlichen Erinnerungen und Ereignis­sen erweist er sich als guter Diagnostiker für die Sache des Buches im weitesten Sinne.

Der Band gliedert sich in zehn Teile, jeder Teil erlaubt nach Stichworten gegliedert in alphabetischer Reihenfolge Einblicke in die Themenwelt des Buches mit einer Band­ breite von A wie Anfassen, Autor, Arztgeheimnis, Atem, Aversion oder Aufmerksamkeit bis Z wie Zustände, Zet­telkasten, Zugriff oder „Zum Ende des Buches“. Roland Barthes „Die Lust am Text“ stand Pate bei Titel und Kon­zeption des Werkes, das sich als ein schillerndes Mobile verschiedenster Gedankenassoziationen präsentiert. Und wie bei einem Mobile kann der Leser selbstverständliche Termini aus einer anderen Perspektive erkennen, weil sich die Stichworte in der Darstellung des Autors drehen und einen anderen Blickwinkel auf die bekannten Begriffe er­lauben. So besteht ein Buch „so sehr aus Weglassen und aus der überraschenden Hervorhebung von scheinbar Ne­bensächlichem wie die Musik aus der Pause und der Syn­kope. Die Defizienz ist die Stärke des Buches.“ (S. 47) Die neue Charakterisierung omnipräsenter Begriffe zieht sich insgesamt durch diesen Insel-Band.

Unter dem Stichwort „Microcephalus“ wird an Microsofts Chatbot Tay erinnert und bei „I prefer not to“ daran, dass Jacob Grimm als Verantwortlicher für die Zensur in Kassel unter Kurfürst Wilhelm I. nach dem Bartleby‘schen Prinzip des „I prefer not to“ agierte, indem er als Vorsteher die Zensurkommission einfach nicht einberief. Nicht nur an historische Begebenheiten wird erinnert, Hagner gewährt auch Einblicke in persönliche Referenzen wie bei Lichten­berg: „Zu seinen Göttern soll man sich bekennen.“ (S. 14) Als Mediziner nimmt der Autor immer einmal wieder An­leihen an seiner ursprünglichen Profession und verweist auf Erkenntnisse der Kognitionsforschung und Informa­tionsverarbeitung. Das Wort Aufmerksamkeit ist in vielen Erläuterungen präsent, in der „Gehirnschrift“ des Au­tors sind „Rezension, Editi­on, Übersetzung, Interview, Dialog“ seine „cerebralen Typographien“ (S. 11). Man­ ches klingt irritierend, zum Beispiel wenn der Biblio­thekar als „Yesterday Man“ bezeichnet wird in seinem „digitalisierten Gehäuse“, der „sich streckt, um seinen Beruf neu zu justieren“ und dabei einem „Wahnbild“ un­terliegt, weil „humane Mediatoren […] nur den ungestörten Datenfluss [behindern]“ (S. 8).

Der vom Autor beabsichtigte „Weckruf zur Demonstration der unhintergehbaren Rolle des Buches im digitalen Zeit­alter“ ist Hagner gelungen. Dem Bändchen sind viele Leser zu wünschen, denn Hagner weiß: „Buchmenschen lesen nicht, um Wissen anzuhäufen, sondern um mit ihrem Wissen schöner, klüger, besonnener umzugehen.“ (S. 104) Beim Stichwort „Zuschlagen des Buches“ erinnert Hagner an Kafka, „dass man nach dem Zuschlagen des Buches wieder auf sich selbst gebracht, nach diesem Ausflug und dieser Erholung sich in seinem neu erkannten, neu geschüttelten, einen Augenblick lang von der Ferne aus betrachteten eigenen Wesen wieder wohl fühlt und mit freierem Kopfe zurückbleibt. So ließe sich auch von einer gelungenen Reise schreiben. Lektüre beschwert den Kopf nicht, sondern erleichtert ihn.“ (S. 33)

 

Günther Fetzer. Das Taschenbuch. Geschichte – Verlage – Reihen. 2019. UTB-Narr-Francke-AttempoVerlag. ­978-3-8252-5155-0.

„Doch damit läuten noch lange nicht die Toten­glocken für das Taschen­buch.“ (S. 209) Günther Fetzer sieht die von ihm verfasste Gesamt­darstellung zum Thema Taschenbuch nicht als Nachruf, sondern als Kompendium zu einem überaus agilen Publi­kationssystem. Wie sich das Taschenbuch ent­wickelt hat, welche Un­terscheidungsmerkmale und Funktionen es besitzt und welche Taschenbuchreihen sich erfolgreich am Markt etablieren konnten, erläutert er anschaulich. Das Werk gliedert sich in seinem Hauptteil in drei aufeinanderfolgende Epochen von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis zur „aktuellen Situation“ und behandelt innerhalb dieser Dreiteilung – von den Anfängen bis 1914, von 1914 bis 1945, nach 1945 – die Charakte­ristika der Taschenbücher in der jeweiligen Zeit sowie veränderte Lesegewohnheiten und techni­sche Neuerungen. In separaten Kapiteln erfolgt eine Beschreibung des Taschenbuchs in der DDR, in Großbritannien und den USA. Eine ausführliche Taschenbuchchronologie der Reihen und Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1939 sowie in der DDR nennt Start und Ende der Reihe, Name, Verlag und Titelzahl und stellt eine wertvolle Recherchehilfe dar.

Fetzer setzt sich dabei immer auch intensiv mit den Kri­terien auseinander, die Taschenbücher in den verschiede­nen Epochen kennzeichnen. Dazu zählen ein einheitlicher Reihentitel – häufig mit Nummerierung der Einzelbände – ein gleichbleibendes Format und eine wiedererkennbare Buchgestaltung. Weitere Kennzeichen können einheitliche, relativ niedrige Ladenpreise und ein gleichbleibender Er­scheinungsrhythmus sein. Wesentlicher Vertriebsweg für das Taschenbuch war in Deutschland das Sortiment – im Gegensatz zu Ländern wie den USA. Während zu Beginn der Entwicklungsgeschichte des Taschenbuchs neben der Unterhaltungsfunktion und der „Vermittlung von prakti­schem und nützlichem Wissen“ noch die „Vermittlung von kulturellem, vor allem literarischem Wissen“ sowie die „He­rausbildung der nationalen Identität“ (S. 84-87) im Vorder­grund stand, nahm die Bildungsfunktion immer stärker ab. Das Taschenbuch nach heutigem Verständnis ist im zwei­ten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entstanden. Dabei pro­fitierte der Taschenbuchmarkt von der Ausweitung des Le­sepublikums, von neuen Vertriebswegen und technischen Neuerungen der Produktion. Im „langen“ 19. Jahrhundert bildeten sich die kennzeichnenden Merkmale heraus, bis sich in den 1950er und 1960er Jahren das System Ta­schenbuch vollständig konstituiert hatte. Eine Konsolidie­rungs- und Ausbauphase in den 1970er und 1980er Jah­ren hat auch das Taschenbuch verändert: die Startauflagen gingen zurück, dafür stieg der Durchschnittsladenpreis und das gleichbleibende Einheitsformat wurde zunehmend aufgegeben. Der regelmäßige Fortsetzungsbezug nahm stark ab, im Gegenzug nahm der Anteil der Erstausgaben und Originalausgaben zu. Fetzer konstatiert ferner einen Bedeutungsverlust der Backlist. Ab Ende der 1980er Jahre stellt er eine Auflösung des Systems Taschenbuch fest. Für die Epochen bis zum Ende des 2. Weltkriegs werden auch einzelne Reihen in ihren Grundzügen vorgestellt, da­runter prominente Taschenbuchreihen wie die „Universal-Bibliothek“ bei Reclam, „Engelhorn’s allgemeine Roman-Bibliothek“ oder die „Kosmos-Bändchen“, aber auch nur noch Buchhistorikern bekannte wie die „Etui-Bibliothek der Deutschen Classiker“ im Verlag von August Schuma­ cher, die „Collection of Bristish Authors“ von Christian Bernhard Tauchnitz oder die „Moderne Zehn-Pfennig-Bi­bliothek“ im Klambt Verlag, für die Zeit von 1914 bis 1945 „Die gelben Ullstein-Bücher“ oder die „Knaur-Bücher“ in den gleichnamigen Verlagen. Größtenteils vergessen sind „Scherz Phoenix Books“, das „1 Mark-Goldmann-Buch“ oder während des 1. Weltkriegs „Die bunten Hefte für un­sere Soldaten“ aus dem Verlag W. Kohlhammer und später die „Bücherreihe Neue Welt“ im Verlag von Gottfried Ber­mann Fischer und Fritz Landshoff L. B. Fischer Publishing Corporation. Ab Ende des 2. Weltkriegs war die Zahl der Taschenbuchverlage so stark angewachsen, dass die Be­trachtung einzelner Reihen den Rahmen des Werkes ge­ sprengt hätte: Dass für diese Epoche nicht wenigstens die wichtigsten Taschenbuchreihen vertiefend dargestellt wer­den, ist der einzige Mangel im Werk, das seinen Anspruch einer „verlässlichen Gesamtdarstellung“ (S. 8) ansonsten voll und ganz einlöst.

 

Schopf/Victor. Fundus. Das Buch vom Verlag der Autor ­en. 2019. 978-3-88661-400-4.

Der Verlag der Auto­ren hat sich vergrößert – zumindest in seiner Geburtstagsveröffent­lichung: War das Werk zum zwanzigjährigen Bestehen 1989 noch ein schmales, bilderloses ro­tes Taschenbuch, so gibt der Verlag zu seinem fünfzigsten Geburtstag eine veritable Festschrift im bunt bebilderten Großformat heraus.

„Fundus“ nennen Herausgeber und Verlag ihre Publikation – ein naheliegender Titel für die Geschichte eines Thea­terverlags. Das Werk zum fünfzigjährigen Bestehen stellt allerdings sehr viel mehr dar als eine „Collage aus Quel­len“ – so der bescheidene Hinweis in der editorischen Notiz – oder Fundstücke aus der Geschichte des Unternehmens, das neben Theater- und Buchverlag auch eine Medien- und Literaturagentur beherbergt. Im Gegenteil liegt der besondere Reiz die­ser Verlagsgeschichte in der Verbindung von Originaldokumenten, Faksimiles, Fotos und Zitaten, die die langjährige Lektorin und Geschäftsführerin des Ver­lags, Marion Victor, und der Leiter des Literaturarchivs der Goethe-Universität, Wolfgang Schopf, auf über zweihundert Seiten chronolo­gisch darbieten.

Der Verlag stellte bereits bei seiner Gründung eine Be­sonderheit in der deutschen Verlagslandschaft dar. Es handelte sich um einen der ersten genossenschaftlich or­ganisierten Verlage. Der Beitrag des Rechtsanwalts Man­fred Schiedermair – eine Wiederaufnahme aus der Pu­blikation zum zwanzigjährigen Bestehen – schildert im Anhang die juristischen Besonderheiten des Verlags der Autoren. Oliver Schlecht stellt die neueren Entwicklun­gen dar. Bereits der ungewöhnliche Name ist Programm: Der Verlag gehört seinen Autorinnen und Autoren. Nach drei Werken können Autoren als Gesellschafter aufge­nommen werden; früher als Kommanditisten, nach ei­ner gesellschaftsrechtlichen Änderung im Jahr 1972 als GmbH-Gesellschafter.

In seiner Organisation ist der Verlag also außergewöhn­lich und erinnert bis heute an die Zeiten, als Basisde­mokratie ein Begriff aus dem Alltagswortschatz gewe­sen ist. Im Verlag sind alle Autoren als Gesellschafter gleichberechtigt, die Geschäftsführer werden alle drei Jahre aus dem Kreis der Mitarbeiter gewählt. Gewinne werden reinvestiert oder fließen in die 1973 gegründete Autorenstiftung. Die überragend bekannten Autoren wie Peter Handke, Hans Magnus Enzensberger oder Botho Strauß, Rainer Werner Fassbinder oder Wim Wenders tra­gen so dazu bei, andere – häufig weniger marktgängige – Texte verfügbar zu machen und ermöglichen den häu­fig auch gesellschaftskritischen Impetus des Verlags und seiner Mitwirkenden.

Dass der Verlag zu einem Erfolgsmodell geworden ist, liegt zu einem wesentlichen Teil an seinem Gründungs­geschäftsführer Karlheinz Braun und dessen Kontakten aus seiner früheren Tätigkeit als langjähriger Lektor bei Suhrkamp. Diese Zeit, den „Aufstand der Lektoren“, das Zerwürfnis und schließlich Gründung und Fortgang des Verlags der Autoren, ist von Braun anschaulich in seiner bereits Anfang des Jahres bei Schöffling & Co. erschiene­nen Autobiographie dargestellt. Beide, Brauns Erinnerun­gen wie auch die Verlagsgeschichte, bemühen sich dabei um Ehrlichkeit: Neben den Erfolgen schildern sie auch immer wieder Kontroversen, die nicht ausbleiben können, wenn ein Unternehmen über hundert Eigentümern gehört. Mit dem ganz besonderen Verlagsmodell ist der Traum von „herrschaftsfreien Arbeiten“ – so Urs Widmer als einer der Gründungsgesellschafter in sei­ner Rede zum zehnjährigen Be­stehen des Verlags –erfolgreich realisiert worden. Und der dar­gebotene „Fundus“ stellt nicht nur die Geschichte des Verlags dar, sondern ist auch ein Stück Kultur- und Theatergeschichte.

 

Thöns/Blank. Librairie Au Pont de l`Europe. 2018. Wallstein. 978-3-8353-3325-3.

„Ferdinand Ostertag war der spiritus rector des in­tellektuellen Refugiums Au Pont de l‘Europe.“ (S. 13) Die Buchhand­lung des Berliner Buch­händlers und Verlegers Ferdinand Ostertag in Paris war von 1933 bis 1939/1940 mehr als ein Geschäft, in dem Bücher gekauft wurden – sie war in unsicheren Zeiten ein Ort der Zuflucht und der Hoffnung des intel­lektuellen Über- und Weiterlebens. Die Geschichte dieser außergewöhnlichen Buchhandlung gliedert sich in zwei Teile: der erste, von Inge Thöns verfasst, beinhaltet die umfangreiche Geschichte der Exilbuchhandlung, den Le­bens- und Berufsweg Ferdinand Ostertags einschließlich seiner Buchhandels- und Verlagsaktivitäten vor Gründung der Exilbuchhandlung. Der zweite Teil widmet sich speziell dem Gästebuch der Buchhandlung und wurde von Her­bert Blank bearbeitet. Bekannte Besucher gab es zuhauf bei Ferdinand Ostertag: Nicht nur Schriftsteller wie Alf­red Döblin, Lion Feuchtwanger, Annette Kolb oder Franz Werfel verkehrten hier, auch Marlene Dietrich oder Albert Einstein besuchten Ferdinand Ostertag und verewigten sich im Gästebuch. Einer der ersten Einträge vom 5. Mai 1933 stammt von André Gide. Die Buchhandlung findet Erwähnung in den Tagebüchern zum Beispiel von Harry Graf Kessler oder Klaus Mann.

Den Autoren gelingt mit ihrer akribischen Recherche eine detaillierte Darstellung der Historie der Buchhandlung und der Lebensgeschichte ihres Gründers. Bereits die Entste­hungsgeschichte des Werkes ist ungewöhnlich: Der Fund des Gästebuchs der Buchhandlung Ostertag im Rahmen einer Antiquariatsmesse war Ausgangspunkt für die zwölf­jährige Recherche und Beschäftigung mit dieser außerge­wöhnlichen Buchhandlung. Das Gästebuch ist im Original vollständig abgedruckt, die Besucher werden in einzelnen kurzen Portraits gewürdigt.

 

Seemann. Parallelverlage im ­geteilten Deutschland. 2018. De Gruyter. 978-3-11-054091-8.

Während der Zeit der deutschen Teilung gab es eine Vielzahl soge­nannter Parallelverlage. Anna-Maria Seemann betrachtet in ihrer mit dem Lilli-Bechmann-Rahn ausgezeichneten Dissertation acht wissen­schaftliche Parallelver­lage genauer: darunter nicht nur so prominente wie Gustav Fischer, B. G. Teubner oder Georg Thieme, sondern auch heute weniger bekannte wie die Akademische Verlags­gesellschaft Geest & Portig, Johann Ambrosius Barth, S. Hirzel, Carl Manhold oder Theodor Steinkopff/Dr. Dietrich Steinkopff. Nach einer kurzen Vorstellung der Verlage und einer Einführung in Politik, Wirtschaft und Verlagswesen nach 1945 beleuchtet Seemann die Entstehungsgeschichte der Parallelverlage, die wesentlichsten Konfliktfelder – wie Streitigkeiten um Verlagsnamen, Signets und Markenrech­te, Verlagsrechte und Autorenbindung oder Unstimmigkei­ten im Hinblick auf Absatzmärkte – und die Strategien der Verlage im Umgang mit den unterschiedlichen Interessen­ lagen. In separaten Kapiteln werden die Börsenvereine und andere staatliche Regelungsinstanzen sowie die „Buchmes­sen im Kontext der Parallelverlagsfrage“ behandelt. Parallelverlage sind ein Spezifikum der Verlagsbranche wäh­rend der Zeit der Teilung Deutschlands. Darunter werden „diejenigen Verlagshäuser gefasst, die ihren Sitz ursprüng­lich auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR hatten und die in einer der westlichen Zonen bzw. auf dem Gebiet der Bundesrepublik Zweigstellen gründe­ten und/oder die ihren Sitz dorthin verlegten, wobei das „Stammhaus“ am alten Standort weiterexistierte.“ (S. 1). Bereits die Beschreibungsvarianten für diese Verlage waren vielfältig: „Doppelverlage“, „westliche Spaltunternehmen“ „Schein- bzw. Pseudoverlage“ sind nur einige – vornehm­lich in der DDR verwendete – Begriffe. War der innerdeut­sche Handel ohnehin schon „eine höchst bürokratische An­gelegenheit“ (S. 124) mit stark reglementierter staatlicher Steuerung auf Seiten der DDR und Ausschreibungs- und Vergabekriterien in der Bundesrepublik, so gab es für die Parallelverlage noch weitaus größere Schwierigkeiten. „Der lange Weg zum Parallelverlag“ (S. 240) umfasste meist viele Schritte wie die Gründung einer Zweigstelle, eine Sitzver­legung oder Neuetablierung des Verlags. Ohnehin fiel „die Entscheidung zur (endgültigen) Firmenverlagerung bei einem großen Teil der Verlage erst vergleichsweise spät“ (S. 246). Wenn es zwei parallele Verlage oder Marken gab, reichten die Bewältigungsstrategien der Verleger im Ein­zelfall von gerichtlichen Auseinandersetzungen bis hin zu vielfältigen Kooperationen zum Beispiel im Rahmen der Produktion oder bei Vertriebsaktivitäten. Eine Zusammen­arbeit gelang vor allem, wenn die Beteiligten ein Interes­se daran hatten und ein entsprechendes Selbstverständnis sowie die passende Haltung der Inhaber und Mitarbeiter vorhanden waren. Das alles – die erfolgreichen ebenso wie gescheiterte gemeinsame Projekte – stellt Seemann ausführlich und quellengestützt ebenso anschaulich wie kenntnisreich dar. Sie schließt damit nicht nur eine Lücke in der buchwissenschaftlichen Forschung, sondern ihr ge­lingt eine Analyse der Situation für die Parallelverlage und das Buchhandelssystem in beiden deutschen Staaten, die weit über die Behandlung der eigentlichen Forschungsfra­ ge hinausgeht.

 

Lokatis. Verantwortliche Redaktion. Zensurwerkstätten der DDR. 2018. Hauswedell. 978-3-7762-1319-5.

Der Nutzen von Sam­melbänden, die vorher bereits Veröffentlich­tes vereinen, wird nicht selten in Zweifel gezo­gen. Der Band zu den „Zensurwerkstätten der DDR“ – so der Unterti­tel des zweiten Bandes der Reihe „Leipziger Arbeiten zur Verlags­geschichte“ – beweist aber die Berechtigung solcher Sammelwerke:

Das Werk von Siegfried Lokatis fasst Beiträge, Vorträge und Reden zusammen und gibt damit sowohl einen Über­blick über das Verlags- und Zensursystem der DDR wie einen Einblick in den Alltag einiger Verlage. Der Autor ist ausgewiesener Kenner der DDR-Verlags- sowie der Zensurgeschichte, die Schnittmengen beider Themen bil­den die Klammer der unterschiedlichen Beiträge.

Die Abhandlungen setzen sich nicht nur mit den Praktiken der offiziellen Zensur auseinander, son­dern spiegeln auch die Selbstzensur von Autoren und Verlagen: „Zensur in der DDR war kollektiv verrichtete Arbeit.“ (S. 8) Bei den verschiedenen Mitwirkenden und unterschiedlichen Ver­antwortlichkeiten war letztlich „jede einzelne Zensurent­scheidung das Resultat eines verborgenen Kräftespiels“ (S. 19) und von Stellvertretergefechten der „gesellschaft­lichen Kräfte“. Einblicke speziell in den Verlagsalltag im Umgang mit der Zensur geben Beiträge zum Mitteldeut­schen Verlag, Akademie-Verlag oder Dietz-Verlag. Das Werk von Lokatis mit seinen breitgefächerten Themen­facetten stellt ein gelungenes Kompendium nicht nur für einen Einstieg in die Verlags- und Zensurgeschichte der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR dar, auch der Sachkundige wird in den Aufsätzen noch neue Aspek­te finden.

 

Bangert. Buchhandelssystem und Wissensraum. 2019. de Gruyter. 978-3-11-061350-6.

Gegenwärtig wird immer wieder der Untergang der „Gutenberg-Galaxis“ her­aufbeschworen. Trotzdem bleibt es nutzbringend, sich mit den Anfängen dieses Kosmos zu beschäf­tigen. Julia Bangert geht in ihrer Forschungsarbeit der Frage nach, wie sich der Wissensraum und die Kommunikation durch die Erfindung des Buchdrucks veränderten und beleuch­tet dabei nicht nur den Buchhandel in dieser Zeit allgemein, sondern setzt sich intensiv auch mit den Funktionen und dem Berufsstand des Buchhändlers in seinen vielfältigen Ausprägungen auseinander. Der Buchhändler zu dieser Zeit nahm „an der Schnittstelle zwischen dem Hersteller und dem Abnehmer nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich eine wichtige Vermittlungsfunktion ein und das in beide Richtungen“ (S. 472) So identifiziert Bangert bereits vor Jahrhunderten sehr fortschrittliche Strategien der Buchhändler in den Be­reichen Vertrieb und Marketing.

Die anhand eines Modells des Wissensraums erfolgte Un­tersuchung kommt zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass der Beruf des Buchhändlers zwar je­dem offenstand, es aber gewis­ser Voraussetzungen bedurfte, um erfolgreich am Markt agie­ren und „mit den in der Regel sozial gleich bis höhergestellten Käufern in Verbindung treten zu können“ (S. 473). Die Arbeit Bangerts zeichnet sich nicht nur durch ein intensives Quellenstudium aus – vor allem im Hinblick auf beispielhaft ausgewählte Akteure –, sondern auch durch die Einführung eines eigenständig entwickelten Theoriemodells und der kritischen Reflexion feststehender Überzeu­gungen. Entgegen tradierten Auffassungen der historischen Einteilung der Ent­wicklungslinien des Buchhandels kommt Bangert zu dem Ergebnis, dass eine an­dere Einteilung sinnvoller sei und erkennt eine erste Orientierungsphase des Buch­handels in den ersten 30 Jahren nach Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern mit der Emanzipation des Buches von der Handschrift und neuen Wegen der Distribution. Hier ließe sich nahtlos vom 15. an das 21. Jahrhundert anschlie­ßen, in dem ebenfalls eine Orientierungsphase für Buchhandel, Verlage und Le­ser konstatiert werden kann: Die derzeitigen Entwicklungen erscheinen im Licht dieser Erkenntnisse vielleicht weniger revolutionär, sondern vielmehr evolutionär.

 

Schulz. Die Geschichte(n) gefalteter Bücher. 2019. Olms. 978-3-487-15751-1.

Das Besondere an dem von Christoph Benjamin Schulz herausgegebenen Werk stellt seine aktu­elle internationale Gesamtschau zum Thema des Leporellos dar: Schulz widmet sich dem Blättern als Kulturtechnik, aber auch als Inszenierung von Inhalten zum Beispiel im Rahmen von Künstler­büchern. In Anlehnung an eine im Januar 2016 durchgeführte internationale Tagung versammelt Schulz, der bereits mit einer Forschungsarbeit zu den „Poetiken des Blättern“ hervorgetreten ist, hier 19 Beiträge zur Entwicklungsgeschichte und Bedeutung der spezifischen Buchform Leporello. Das Werk beschäftigt sich mit einem „Hybrid zwischen dem Volumen und dem Kodex“ mit seinen diversen Möglichkeiten der Nutzung nicht nur des Blätterns, es kann „sequentiell betrachtet werden, es kann aber auch punktuell aufgeklappt oder in Gänze ent­faltet werden“ (S. 13).

Gefaltete Bücher ermöglichen einen anderen Zugang zu den Inhalten und erlauben andere Lektüreerfahrungen – nicht nur als Leporellos im Kinderbuchbereich. Das Werk setzt sich mit dem Leporello als Chronologie, als Kinder- und Künstlerbuch ebenso auseinander wie mit Militaria und Antikriegs-Leporellos, mit Leporellos zeitgenössischer Illustratoren oder dem Leporello als literarischem Diapositiv. Die präsentierte Bandbreite gefalteter Bücher reicht von den bekannten Lepo­rellos über Folded Panoramas bis zu Faltbüchern des Mittelalters und Livres-Accordéon, der französische Ausdruck für Leporello und eine besonders populäre Form des gefalteten Buchs im 19. Jahrhundert. Der Anwendungszusammenhang gefalteter Bücher war dabei reichhaltig: von Kinderbüchern und Kalendern bis zu Panorama-Abbildungen und Bildergalerien aus Papier. Der international angelegte Sammelband enthält Beiträge von Autorinnen und Autoren aus Großbri­tannien, Polen, Frankreich, Dänemark und USA. Der zudem reich bebilderte und ansprechend gestaltete Band lässt ein lebendiges Gesamtpanorama des gefalte­ten Buches entstehen – in historischem wie künstlerischem Zusammenhang. ˜

Dr. Ulrike Henschel ist Juristin, Geschäftsführerin des Kommunal- und Schul-Verlags in der Verlagsgruppe C.H.Beck und korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Über die Entwicklung des juristischen Verlagswesens hat sie am Buchwissenschaftlichen Institut in Mainz promoviert.

Ulrike.Henschel@kommunalpraxis.de

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