Kulturwissenschaften

Die kosmopolitischen Humboldt-Brüder oder Was und Wo ist Europa?

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2020

Wilhelm und Alexander von Humboldt, hg. von David Blankenstein, Bénédicte Sacoy, Raphael Gross und Arnulf Scriba für das Deutsche Historische Museum. Katalog der Ausstellung vom 29.11.2019 bis 19.4.2020 im Deutschen Historischen Museum Berlin, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft/ Theiss 2019, 296 S., zahlreiche Abb. und Karten, ISBN 978-3-8062- 4046-7. € 35,00

Rund einen Monat vor ihrem offiziellen Ende musste die Berliner Ausstellung wegen des Coronavirus schließen, so dass mein geplanter Besuch nicht stattfinden konnte. So fehlt die Möglichkeit, Katalog und Ausstellung miteinander zu vergleichen. Der vorliegende Band ist eine Mischung aus einem klassischen Ausstellungskatalog mit einer Sammlung wissenschaftlicher Essays und ausführlicheren Erläuterungen ausgewählter Objekte. Die gewählten Kapitelüberschriften leuchten nicht immer ein. Was unter „Ausweitung der Denkzone“ oder „Offene Beziehungen“ subsumiert wird, will sich mir nicht erschließen. Insgesamt bewegt sich die Mehrheit der vorliegenden 13 Essays auf hohem Niveau, was bei Autoren/innen wie Lorraine Daston, Jürgen Osterhammel, Peter Burke und Ottmar Ette, um nur einige zu nennen, durchaus erwartet werden darf.

Ein Dauerthema der Debatten und Diskussionen nicht nur in der historischen Forschung ist die Fokussierung auf Europa als ein wie auch immer geartetes „feindliches“ Objekt, eng verbunden oder sogar dominierend ist der Begriff „Eurozentrismus“, der auch in diesem Band immer wieder auftaucht, zumeist ohne jede weitere Definition. Dies beginnt mit dem einleitenden Artikel der Herausgeber/in und Kurator/in unter dem Titel „Matrix Europa“. Ein aus der Biologie stammender Begriff, der zudem noch einem Science-Fiction-Film den Titel gab, ist inzwischen auch in den Geisteswissenschaften heimisch geworden und soll, so David Blankenstein und Bénédicte Savoy, die Bedeutung von „da, wo man herkommt“ haben. Was an sich schon mehr als schlechtes Deutsch ist, es sei denn, man ist im Ruhrgebiet groß geworden.

Was denn Europa zu Lebzeiten der Humboldt-Brüder ausmachte, bleibt auch in dieser Einleitung unklar. Europa sei, so heißt es, in jenen Jahrzehnten, insbesondere an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, zunehmend präsent geworden. Als grundlegend für einen „Europäer“ wird die Beherrschung der französischen Sprache, eine international gute Vernetzung und die Fähigkeit von den Hauptstädten aus zu agieren, angeführt. Gutes Französisch sprach und schrieb auch Friedrich II., der sich in französischer Kultur und französischem Geistesleben bestens auskannte. Spätestens seit der Zeit Katharinas II. konversierte auch das in Russland regierende Haus Romanov in dieser „europäischen“ Sprache. Kaiser Alexander I. musste, als er 1812 den „Vaterländischen Krieg“ gegen Napoléon erklärte, sein Russisch erst einmal auffrischen, denn die Familie sprach und korrespondierte miteinander nur auf Französisch. Friedrich II. hätte sicherlich auch in Paris eine gute Figur abgegeben, und Alexander I. Schwester Maria Pavlovna zeigte sich als Großherzogin in Weimar auch bei Gesprächen mit Goethe, wahlweise auf Deutsch oder Französisch, als kluge und gebildete Frau. Waren sie auch gute Europäer? Politisch überkorrekt fordern Patricia Rahemipour und Kathrin Grotz am Ende eines sehr lesenswerten Artikels „Wie Wissen wächst“ mehr Herbarien außerhalb von Europa und Nordamerika in jenen Ländern, aus denen viele der Pflanzen kommen. Politisch inkorrekt kann man darauf hinweisen, dass man froh sein kann, dass es viele dieser Pflanzen noch in diesen Herbarien gibt und fast alle diese Länder sicherlich andere und größere Sorgen haben als die Rückführung jener Pflanzen und das indigene Wissen darüber. Der kolumbianische Wissenschaftshistoriker Mauricio Nieto Olarte vertritt in seinem Beitrag über „Americanismo und Eurozentrismus“ die These, es sei „die Mission Europas“ gewesen, „die ganze Erde zu beherrschen und zu besitzen“. Leider führt er dafür keine Belege an, sondern verweist nur auf fünf britische und französische Forschungsreisende des 18. Jahrhunderts. Diese „europäische Mission“ ist ganz offensichtlich gescheitert, denn in Asien leben vornehmlich Asiaten und in Afrika Araber und Afrikaner. Zudem, so Nieto, sei der wissenschaftliche Entdecker des 18. Jahrhunderts „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ Aristokrat „und damit Mitglied der sozialen und wissenschaftlichen Eliten Europas“ gewesen. Diese Aussage wird sich meines Erachtens empirisch kaum nachweisen lassen. Eher war das Verhältnis umgekehrt, und die Mehrheit der „wissenschaftlichen Entdecker“ des 18. Jahrhunderts stammte aus dem aufstrebenden Bürgertum. James Cook, der auch angeführt wird, ist nun der exemplarische Fall eines sozialen Aufsteigers und fast alle Wissenschaftler, die ihn auf seinen drei Weltumsegelungen begleiteten, stammten – mit Ausnahme von Sir Joseph Banks – aus dem Bürgertum, darunter Vater und Sohn Forster, der eine Pfarrer und der andere ein autodidaktischer Wissenschaftler von hohen Gnaden. Und mancher Bürgerliche verdankte seinen Adelstitel seinen wissenschaftlichen Forschungen, etwa der Schwede Carl von Linné und der Deutsche Carl Friedrich von Martius.

Am Ende seines Aufsatzes zitiert Nieto den Historiker Arif Dirlik mit der Aussage, dass das Unterscheidungsmerkmal des Eurozentrismus nicht seine Exklusivität, sondern seine Inklusivität sei. „Eurozentrismus ist nicht das Ergebnis des Ignorierens anderer, sondern die Folge der Organisation des Wissens über die Welt, einschließlich anderer Arten des Wissens, zu einem einzigen systematischen Ganzen.“ Dass Wissen und in dessen Folge Wissenschaft, denn daraus besteht sie doch wohl, ein „systematisches Ganzes“ schafft, muss man doch wohl ins Reich der Fabel oder der Verschwörungstheoretiker verweisen. Sowohl in den Geistes- als auch in den Sozialwissenschaften stehen sich unterschiedliche Ansätze teils diametral gegenüber und schaffen keineswegs „ein systematisches Ganzes“, sondern miteinander konkurrierende Erkenntnis- und Forschungssysteme, die sich teils gegenseitig befruchten, teils miteinander unvereinbar sind.

Grundsätzlich fehlen in dem Katalog Porträts der beiden Protagonisten, die immer nur als Wissenschaftler, Diplomaten oder in sonstiger Funktion auftauchen, aber dahinter kein eigenes Leben führen dürfen. Über die Brüder in Berlin gab es eine weitere Ausstellung im Humboldt Forum und im Museum Knoblauchhaus mit einer eigenen Publikation. In der Ausstellung des DHM und in diesem Katalog wird das Thema ausgeklammert. Was bedauerlich ist, denn nach Wilhelms Tod schrieb Alexander im Juni 1835 an Caroline von Wolzogen, er sei „in dies Land gekommen, um mit ihm [Wilhelm] zu leben“. Vergleicht man diesen Katalog mit dem der Ausstellung „Alexander von Humboldt. Netzwerke des Wissens“, die 1999/2000 im Berliner Haus der Kulturen der Welt und in der Bonner Bundeskunsthalle gezeigt wurde, so fällt auf, dass offensichtlich gespart werden musste. Zwar sind beide Bücher als Paperback erschienen, der Katalog von 1999/2000 jedoch auf Hochglanzpapier, so dass der Anblick der Abbildungen und Karten eine Freude für die Augen ist. Im aktuellen Katalog hingegen finden sich eher matte Bilder, nur wenig leuchtet und brilliert, viele Karten sind so klein, dass sich auf ihnen kaum etwas erkennen lässt.

Die Herausgeber/innen haben zudem auf ein Literaturverzeichnis, ein Personenregister und ein Verzeichnis der Autoren/innen verzichtet. Wer also den/die ein oder andere nicht kennt, ist gezwungen, sich im Internet kundig zu machen. Ich frage mich, warum dem/der Leser/in dieser Service nicht geboten wird. Offensichtlich wurde es als überflüssig oder als zu teuer erachtet.

Insgesamt fasst der Band im Großen und Ganzen den Stand der Humboldt-Forschung zusammen. Er enthält eine Fülle von Informationen, viele lesenswerte Beiträge und reiht sich verdienstvoll ein in die Vielzahl der Publikationen, die 2019 zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt publiziert wurden. Mehr kann vom Katalog einer Ausstellung kaum erwartet werden. ˜

Prof. em. Dr. Dittmar Dahlmann (dd), von 1996 bis 2015 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen FriedrichWilhelms-Universität Bonn, hat folgende Forschungsschwerpunkte: Russische ­Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wissenschafts- und Sportgeschichte sowie Migration.

ddahlman@gmx.de

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