Im Fokus

Die Ganzheit und das Überleben

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2019

Aus der Verbindung der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst und der 1915 aufgelösten Kunstgewerbeschule in Weimar wird 1919 das Staatliche Bauhaus gegründet. 1925 muss es aus politischen Gründen schließen und zieht als städtische Einrichtung Bauhaus Hochschule für Gestaltung nach Dessau um, 1932 kommt es auch hier zur Schließung. Ein Umzug nach Berlin als private Institution ist nur von kurzer Dauer, 1933 folgt das endgültige Aus durch die Nationalsozialisten. Eine kurzlebige Institution mit Wirkung! Und das auch und besonders durch die Direktoren Walter Gropius (1919–1928), Hannes Meyer (1928–1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930–1933).

Wir haben eine Auswahl aus den vielen Publikationen und Au ­ sstellungen getroffen, die in diesem Jubiläumsjahr zu bestaunen sind. Sie führen größtenteils aus der Selbstbespiegelung des magischen Dreiecks Bauhaus Kooperation Berlin Dess ­ au Weimar gGmbH, d.i. das Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung in Berlin, die Stiftung Bauhaus Dessau und die Klassik Stiftung Weimar, heraus. Diese Ausgabe des fachbuchjournals enthält den ersten Teil der Rezensionen unter dem Arbeitstitel Die Ganzheit und das Überleben, ein zweiter Teil über Projekte und Personen folgt.

Eine Einführung.

 

Winfried Nerdinger: Das Bauhaus. Werkstatt der Moderne. München: Verlag C.H. Beck, 2018. 128 S. (C.H.Beck Wissen 2883) ISBN 978-3-406-72760-3 € 9.95

„Die Schule existierte … nur 14 Jahre, genauso lang wie die Weimarer Republik, hatte insgesamt nur 1253 Schüler, wechselte zweimal den Ort und zweimal den Direktor und hinsichtlich des Lehrkonzepts sowie der Ausbildung zerfällt sie entsprechend den dominanten Führungspersönlichkeiten – Johannes Itten, Gropius, Meyer und Mies van der Rohe – in vier völlig unterschiedliche Phasen mit zum Teil konträren Zielsetzungen … als Begriff und Synonym für ornamentlose, sachliche Gestaltung aller Lebensbereiche, für funktionales, geometrisch strukturiertes Produktdesign sowie ganz generell für moderne Architektur“ (S. 6) Das ist die brillante Zusammenfassung in Winfried Nerdingers kleinem Buch, das in vielerlei Hinsicht Maßstäbe setzt. Es ist eine leicht verständliche, nüchterne und stilvolle Einführung für alle, insbesondere für diejenigen, die sich erstmals umfassend mit dem Bauhaus beschäftigen oder eine Übersicht benötigen. Es ist wohl die kleinste, schmuckloseste, aber preiswerteste Veröffentlichung (die Reihe bei Beck ist 18×11,5 cm groß).

Nerdinger, em. Prof. für Architekturgeschichte und Direktor des Architekturmuseums der TU München, beschreibt die Geschichte des Bauhauses chronologisch vom Gründungsmanifest bis zur Ausbreitung und Indienstnahme nach 1933.

Er stellt fest, dass seit den 1960er Jahren das Bauhaus, „an dem historische Bezüge immer radikal abgelehnt worden waren, nur noch als Exponent funktionaler, letztlich aber nach ökonomischen Gesichtspunkten determinierter Gestaltung vereinnahmt worden war.“ Sein Appell: Das Bauhaus muss „100 Jahre nach seiner Gründung entmythisiert und historisch eingeordnet werden.“ (S. 125) Nerdinger leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

 

Vier Bücher mit umfassenden ­Informationen über das Bauhaus, die schon früher erschienen sind und zum 100jährigen eine Neuauflage­ erleben.

Magdalena Droste: bauhaus 1919-1933 / Hrsg. Bauhau ­ s-Archiv Berlin. Köln: Taschen GmbH, 2019. 399 S. ISBN 978-3-8365-7279-8 € 40.00 – die erste Ausgabe erscheint 1990, eine überarbeitete 2009 

Die Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin Magdalena Droste, von 1980–1997 Mitarbeiterin am BauhausArchiv und von 1997 bis zu ihrer Emeritierung Professorin an der Technischen Universität Cottbus, beschenkt uns mit dem definitiv umfangreichsten, schwergewichtigen, aber auch bezahlbaren Buch, einem Prachtband der Extraklasse, entstanden wie alle früheren Auflagen in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus-Archiv, der weltgrößten Sammlung zur Geschichte des Bauhauses. Wer zählt die Auflagen? (Frage in Anlehnung an einen Beitrag über die Historikerin Brigitte Hamann zu ihrem Buch „Elisabeth. Kaiserin wider Willen“ in der FAZ vom 5.10.2016) Mindestens acht, dazu Ausgaben u.a. in französischer, italienischer und englischer Sprache. Aus 250 Seiten sind inzwischen 400 geworden, der Text ist überarbeitet und aktualisiert und wird mit 250 neuen Fotografien, Studien, Skizzen, Plänen und Modellen bereichert.

In diesem akribisch erarbeiteten und aufwändig ausgestatteten Nachschlagewerk wird das Bauhaus als die bahnbrechende Bewegung der Moderne dargestellt, als „Musterbeispiel einer Kunsterziehung, in der schöpferischer Ausdruck und zukunftsweisende Einfälle zu Produkten führten, die schön und funktional zugleich waren“ (Klappentext), gemessen an ihrer Entwicklung, ihren Projekten und ihren Personen. In einem Interview sieht Droste die Bedeutung des Bauhauses als eine „Schule, in der gemeinsam exemplarische Lösungen für das Leben in der Moderne geschaffen werden sollten. In diesen Lösungen sollten Schönheit und Technik versöhnt werden“ (Der Standard 15.3.2019. Interviewer: Michael Hausenblas). Sie verschweigt nicht die durch die unterschiedlichen Disziplinen und verschiedenen Charaktere der handelnden Personen entstehenden Konflikte. Weiterführende und tiefer gehende Untersuchungen bleiben anderen Publikationen vorbehalten.

Droste informiert umfassend und anschaulich über die Vorgeschichte und Geschichte des Bauhauses bis 1933, nicht über die Zeit danach.

 

Boris Friedewald: Bauhaus. Überarb. Neuaufl. München, London, New Y ork: Prestel, 2016. 128 S. ISBN 978-3-7913-8209-8 € 14.95 – die Originalausgabe erscheint 2009

Der Kunsthistoriker Boris Friedewald legt für Einsteiger eine kompakte, übersichtliche, reich bebilderte, sehr gut geschriebene, manchmal plakative und exzellent gestaltete Einführung in die Geschichte des Bauhauses, seine verschiedenen Phasen einschließlich der Nachwirkungen Ende des 20. Jahrhunderts und die wichtigsten Personen und Projekte vor. Eingebettet in das einführende Kapitel „Ruhm und Ehre“ und das abschließende Kapitel „Heute“ führen uns die Kapitel „Die Schule“, „Das Leben“ und „Die Liebe“ zu Orten, Menschen und Projekten des Bauhauses – bis hin zum sozialen Leben der Bauhäusler, zur „Freien Liebe“ am Bauhaus und zu den legendären avantgardistischen Bauhausfesten. Bei allen „Nebenschauplätzen“ wird die neue, revolutionäre Formenwelt des Bauhauses klar herausgearbeitet (mit ihren Fürsprechern und Widersachern), unterstützt von der Benutzung der typischen Bauhausfarben gelb, rot und blau, und mit vielen, meist unveröffentlichte Fotos. Voll gepackt mit Informationen sind auch die Klappentexte, mit Daten zur Bauhausgeschichte (vorn) und einer Liste der Direktoren, Meister und Lehrer (hinten).

Gegenüber anderen Veröffentlichungen zum Bauhaus wird das antibürgerliche Auftreten der Bauhäusler in dieser durch Goethe, Schiller und Herder geprägten Stadt besonders deutlich – von der an Mönchskutten erinnernden Tracht der Mazdaznan-Gruppe bis zu den Badeausflügen mit Spaß, Ulk und Klamauk.

Eine gelungene Dauerausstellung in Buchform.

 

Hajo Düchting: Wie erkenne ich? Bauhaus. Stuttgart: Chr. Belser Gesellschaft für Verlagsrechte, 2018. 128 S. ISBN 978-3-7630-2817-7 € 10.00 – die erste Ausgabe erscheint 2006

Wie erkenne ich? ist eine erfolgreiche Reihe des Belser Verlages zu verschiedenen Kunstrichtungen wie zur Kunst des Biedermeier oder zu den Meisterwerken der Moderne. Sie erweist sich als ein idealer Begleiter für Reise und Museumsbesuche.

Der leider 2017 verstorbene Kunsthistoriker, Autor und Maler Hajo Düchting hat sich dem Thema Bauhaus angenommen. Auch die dritte Auflage dieser Einführung beschäftigt sich detailliert mit Malerei, Skulptur, angewandter Kunst und Architektur des Bauhauses, ergänzt um eine Einleitung zur Geschichte des Bauhauses. Dieser kleine, übersichtliche Kunstführer bietet alles Wesentliche zur Bauhauskunst, auch für den Laien anschaulich beschrieben und dargeboten, mit Zeittafeln und Inhaltszusammenfassungen in Infokästchen, reich illustriert, dazu Reisetipps zu Bauhaus-Bauten in Weimar, Jena, Dessau, Berlin, Bernau, Stuttgart oder Brünn.

 

Josef Straßer: 50 Bauhaus-Ikonen, die man kennen sollte. München, London, New York: Prestel, 2018. 157 S. ISBN 978-3-7913-8455-9 € 19.95 – die erste Ausgabe erscheint 2009

Der Kunsthistoriker Josef Straßer überreicht dem Leser Betrachtungen zu 50 Bauhaus-Ikonen, die man kennen sollte, chronologisch geordnet, bis auf wenige Ausnahmen auf jeweils einer Doppelseite, links die Erläuterungen zum rechts abgebildeten Objekt, ergänzt um die Künstlerbiographie und ein Foto des Künstlers, am Schluss des Bandes ein Register der Ikonen. Eine kurze vierseitige Einführung vermittelt grundlegendes Wissen zum Bauhaus, über die Auswahl der 50 Ikonen erfährt der Leser leider nichts. Vertreten sind u.a. die immer wieder gezeigten und ausgestellten Ikonen wie die Tischleuchte MT 8 von Wilhelm Wagenfeld, der Wassily-Sessel B 3 von Marcel Breuer, das Direktorenzimmer von Walter Gropius, die Bauhaustreppe von Oskar Schlemmer oder der Wandbehang Nr. 175 von Anni Albers.

Dies ist eine erste Übersicht über die Vielfältigkeit des Bauhauses nach einem anderen als dem geläufigen Prinzip mit aussagekräftigen Texten und schönen Abbildungen. Für den interessierten Laien ein guter Einstieg.

 

Vier Bildbände zur Bauhaus-Architektur.

jean molitor: bau1haus die moderne in der welt. Berlin: Hatje Cantz Verl., 2018. 159 S. ISBN 978-3-7757-4468-3 € 40.00

 

Jean Molitor, Kaija Voss: Bauhaus. Eine fotografische Weltreise. Berlin: be.bra Verl., 2018. 240 S. ISBN 978-3-89809-152-7 € 46.00

Das sind zwei Bildbände voller Überraschungen! Der Berliner Fotograf Jean Molitor startet 2009 das außergewöhnliche Kunstprojekt bau1haus (www.bau1haus.de). Darin werden die von ihm in über 30 Ländern in heutigem Zustand aufgenommenen bisher 350 Gebäude erfasst, die von der klassischen Moderne geprägt sind, vom Stil des Neuen Bauens u.a. durch Bauhaus, Werkbund, Neue Sachlichkeit und Neues Bauen in Deutschland, durch den Funktionalismus in Skandinavien, durch International Style in den USA, durch Art déco in Frankreich, durch den Konstruktivismus in der Sowjetunion und durch den Rationalismus in Italien. Molitor nennt dies in einem Interview eine Patchwork Familie (https://mitte-bitte.de/bauhauserbe-spannender-als-ein-krimi). Das Bauhaus „ist ein Ansatz unter vielen, die um 1900 und danach … sowohl das Bauen als auch die Kunst reformieren, ja revolutionieren wollen.“ (molitor bau1haus, S. 5) Die Protagonisten erhalten national und international Aufträge, und so verbreiten sich deren Arbeitsergebnisse fast wie nach dem Schneeballprinzip. Ein bedeutender Faktor ist die Diaspora in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur in Europa, die das Neue Bauen bis nach Israel, in die Sowjetunion, nach Mexiko und in die USA trägt.

Molitor recherchiert intensiv und bietet außergewöhnliche Aufnahmen in schwarz-weißer Bild-Ästhetik an, eine Stadtbildfotografie, auf der Verkehr und Passanten nicht sichtbar sind und im Mittelpunkt ausschließlich die Architektur, ein bereinigtes Bild, steht.

Beispiele sind das Kreditkaufhaus Jonas (Georg Bauer, Siegfried Friedländer 1928–29) und das Bauhaus-Archiv (Walter Gropius 1964–71) in Berlin, das Observatorium Einsteinturm in Potsdam (Erich Mendelsohn 1919–22), das Wohnhaus Werkbundsiedlung in Wien (André Lurçat 1930–32), die Wohnsiedlung Quartier 1 in Magnitogorsk (Ernst May, Mart Stam 1930–34), das Observatorium der Universität Istanbul (Muallim Arif Hikmet Holtay 1934– 36), die Feuerwache in Miami (R.L. Weed, E.T. Reeder 1939), Wohnhäuser in Tel Aviv (verschiedene Architekten 1935–1945), das Wohnhaus Salomon Benalal in Casablanca (Joseph und Elias Suraqui 1931), eine Schule in Siem Reap (Kambodscha), eine Klinik in Guatemala-Stadt (um 1940) … und Kinos in Tanger und Beirut und eine Kathedrale in Bukavu (Kongo), ein Hotel in Bujumbura (Burundi). Wie kommt ein Pförtnerhaus nach Alang am Golf von Khambhat (Indien), welche Rolle spielt Rabindranath Tagore, der Beziehungen zum Bauhaus pflegt oder der Einfluss Le Corbusier, der 1959 das Ghandi-Haus der Panjab University entwirft? Ein Stil in vielen Gewändern!

Aus all diesem entstehen zwei Bücher voller Überraschungen, die Zusammenarbeit Molitors mit der Architekturhistorikerin Kaija Voss beschenkt uns mit großartigen Texten. Molitors Leidenschaft auf dem Wege zu einem Fotoarchiv der Moderne: „Bis heute ist bau1haus ein frei finanziertes und offenes Projekt … Wissenschaftliche Recherchen, Innenaufnahmen, Zeichnungen und Modelle sollen das Projekt zukünftig bereichern.“ (Bauhaus. Eine fotografische Weltreise. S. 234)

Molitor zeigt bildhaft die weltweite Ausbreitung eines architektonischen Zeitgeistes, thematisch auch zu finden in Bauhaus imaginista – Rezension s.u.

 

Hans Engels: Bauhaus-Architektur 1919-1933. Texte von Axel Tilch. München, London, New York: Prestel, 2018. 151 S. ISBN 978-3-7913-8480-1 € 38.00

Der Fotograf Hans Engel und der Architekt Axel Tilch zeigen und beschreiben die noch vorwiegend in Deutschland existierenden Gebäude von Meistern, Lehrern und Schülern des Bauhauses und von Mitarbeitern des Architektenbüros von Walter Gropius in ihrem heutigen Zustand. Das ist die ausführliche Beschreibung des Titels, den der Leser auch auf eine andere, umfassendere Liste von Bauhausarchitekturen aus dem Zeitraum von 1919 bis 1933 oder gar auf eine Monografie zu diesem Thema deuten könnte. Es ist eine willkommene, chronologisch aufgebaute Dokumentation von fast 60 allseits bekannten und auch weniger bekannten Häusern, die Fotografien und begleitende Texte in bester Qualität.

Zu den selten beschriebenen Werken gehören u.a. die Freilandsiedlung Gildenhall in Neuruppin (Architekt Adolf Meyer 1925/26), die Villa Paliˇcka in Prag (Mart Stam 1928), der Wohnungsbau Süßer Grund in Berlin-Köpenick (Ludwig Karl Hilberseimer 1929/30) und der Laden der Wohnbedarf AG in Zürich (Marcel Breuer 1931). Den Abschluss bilden Kurzbiographien der Bauhaus-Architekten. Leider fehlen ein Quellen- und Literaturverzeichnis.

 

Florian Strob, Thomas Meyer: Bauhaus Dessau. Architektur / Hrsg. Stiftung Bauhaus Dessau. München: Hirmer Verl., 2019. 168 S. ISBN 978-3-7774-3199-4 € 29.90

In der Anlage entspricht dieses auf Dessau bezogene Buch der Veröffentlichung von Hans Engel. Auch hier werden die Bauten im heutigen Zustand und in heutiger Nutzung beschrieben (Historiker und Germanist Florian Strobl) und in Fotografien (Thomas Meyer/OSTKREUZ) vorgestellt, ein Quellen- und Literaturverzeichnis fehlt ebenfalls, zusätzlich fehlen noch Kurzbiographien zu den Architekten. Erst mit dem Umzug nach Dessau wird gebaut, abgesehen von Haus Sommerfeld in Berlin (1922) und dem Haus am Horn in Weimar (1923). Dessau wird „für das Bauhaus zu einer Art Probebühne für eine neue Welt … auch deshalb, weil die Bauhäusler hier Lösungen für verschiedenste Bauaufgaben testeten: von Villen über Reihenhäuser bis zum Wohnblock, vom Schulgebäude über das Ausflugslokal bis hin zum Arbeitsamt … Es hat auch deshalb wenig Sinn, von einem »Bauhausstil« zu sprechen, weil sich das Bauhaus stilistisch von den Werken anderer Vertreter des Neuen Bauens in Deutschland oft nicht wesentlich unterschied.“ (S. 10)

In die Auswahl aufgenommen werden 17 Bauten, die von Bauhäuslern oder unter ihrer Mitwirkung zur Zeit des Bestehens des Bauhauses in Dessau verwirklicht werden einschließlich der Neuen Meisterhäuser (zwei Meisterhäuser werden im Zweiten Weltkrieg zerstört und mit Verzicht auf historische Details im Konzept des Architektenbüros Bruno Fioretti Marquez 2011–2014 wieder aufgebaut). Anstelle der Chronologie wählen Strob und Meyer die Geografie als Einteilungsprinzip – der Norden Dessaus mit dem Bauhausgebäude, den Wohnhäusern von Paulick und Engemann und dem Kornhaus, die Mitte mit dem Arbeitsamt, der Süden mit der Siedlung Dessau-Törten und dem Stahlhaus.

Ein vortrefflich geschriebener und großzügig gestalteter Band.

 

Zwei Reiseführer zu den Bauhausstätten in Deutschland.

Bauhaus Reisebuch / Hrsg. Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar gGmbH. München, London, New York: Prestel, 2017. 295 S., 8 S. ungezählt ISBN 978-3-7913-8253-1 € 19.95 – aktualisierte Neuausgabe von 2011

„Das vorliegende Buch bietet die Chance, Facetten der Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte“ (S. 11) des Bauhauses aufzuzeigen. Mit ihm kann der Leser die konkreten geografischen Stationen des Bauhauses verfolgen und die politische und künstlerische Wirkungsgeschichte an den historischen Plätzen Weimar (mit Jena, Erfurt und Probstzella), Dessau (mit Leipzig und Halle) und Berlin (mit Bernau) betrachten. Dieser Reiseführer erzählt von den Vorbedingungen, dem Wirken und den Nachwirkungen des Bauhauses. Er enthält eine Fülle von Informationen zu den berühmten Ergebnissen, aber auch zu den weniger bekannten wie die Kirche in Gelemeroda und sogar den nach 1945 erfolgten Bauten in der Berliner Stalinallee und dem Hansaviertel in Berlin. Abgerundet wird dies mit Routen des Bauhauses, d.i. ein Blick nach Draußen, insbesondere nach 1933, ins Ausland. Das alles geht weit über eine reine Auflistung von Objekten hinaus.

In dieser Vielfalt und Detailtreue liegt die Stärke des Projekts unter der Leitung des Architekten Philipp Oswalt. Durch verschiedene Schriftarten, Schriftgrößen und Farbgebungen entstehen überdies Zäsuren, die die Lesefreudigkeit erhöhen. Die Texte werden ergänzt durch Abbildungen, Lagepläne, Kontaktdaten (Adresse, Telefonnummer, E-Mail-Adresse, Webseite, Öffnungszeiten), Möglichkeiten einer Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und je ein Orts- und Personenregister. Es stört nicht, dass an den drei historischen Orten drei Autoren wirken, das erinnert eher an drei sachkundige Reisende, die ihre Eindrücke in einem bebilderten Reisetagebuch aufnotieren. Ein exzellenter Reiseführer zum 100sten!

 

christiane kruse: das bauhaus in weimar, dessau und berlin. leben, werke, wirkung. Berlin: Edition Braus, 2018. 144 S. ISBN 978-3-86228-173-2 € 19.95

Die Veröffentlichung der Kunsthistorikerin Christiane Kruse ist laut Pressemitteilung des Verlages „vorzüglich als handlicher Reisebegleiter“ geeignet. Die Autorin zeigt dem Leser „elegante, strahlend weiße Häuser und puristische Designklassiker“ und „berühmte Avantgarde und exzentrische Studierende, künstlerische und weltanschauliche Auseinandersetzungen, Experimentierfreude, Feste, Theater und Konzert“ (S. 7). Einer kurzen Gesamtschau zur Geschichte des Bauhauses folgt ein komprimierter Überblick über 24 Bauhauskünstlerinnen und -künstler und die wichtigsten Bauten in Weimar 1919–1925, Dessau 1925– 1932 und Berlin 1932–1933 einschließlich von Bauten in deren Nachbarschaft wie Probstzella oder Bernau und von späteren Bauten wie dem Bauhaus-Archiv in Berlin. Abschließend werden auf leider nur 3 Seiten Lebenswege von Bauhäuslern nach 1933 beschrieben. Zahlreiche Abbildungen von Bauten, Kunstwerken und Designprodukten ergänzen den Text. Leider fehlt ein Personenregister, das Ortsregister ist nur ein Verzeichnis der Orte und Bauten, es führt nicht zu den entsprechenden Seiten. Eine gelungene Mischung, gut lesbar, sehr informativ, aber der optimale Reiseführer ist das Bauhaus Reisebuch.

 

Das Bauhaus global ist Gegenstand einer aufwendigen Ausstellung nebst Publikation. ­

Bauhaus imaginista / Hrsg. Marion von Osten, Grant Watson. Zürich: Verlag Scheidegger & Spiess, 2019. 311 S. ISBN 978-3-85881-623-8 € 58.00

Wer oder was ist imaginista? In einem Interview für die Deutsche Welle (14.11.2017) sagt Marion von Osten: „Bauhaus imaginista ist eine Worterfindung. Das ist nicht das imaginäre Bauhaus, wie man im Deutschen sagen würde. Imaginista verweist darauf, dass es eine internationale Rezeption des Bauhauses und seiner Ideen gibt.“ Derlei Aussagen und weitere Erläuterungen fehlen leider in der Publikation. Den Zusatz auf dem vorderen Buchdeckel Die globale Rezeption heute hätte der Rezensent gern auf dem Titelblatt gesehen.

Eine Ausstellung und diese Publikation sollen das Phänomen Bauhaus aus globaler und kosmopolitischer Perspektive untersuchen. Von Anfang an ist das Bauhaus international ausgerichtet, Studierende wie Lehrende kommen unter anderem aus der Schweiz, aus Ungarn, Russland, Japan und Palästina und aus den USA. So ist es folgerichtig, dass die Bauhauskünstlerinnen und -künstler mit anderen avantgardistischen Bewegungen in Kontakt stehen und sich die Bauhausideen verbreiten und fortschreiben. Als Vorbereitung auf diese Schau werden in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und Partnern vor Ort Ausstellungen, Tagungen und Workshops in zahlreichen Städten auf vier Kontinenten veranstaltet, so in Rabat, Tokio, São Paulo und Moskau, es fehlen die bekannten Spuren in den USA und die weiße Stadt in Tel Aviv.

Im Berliner Haus der Kulturen und in dem Ausstellungskatalog werden die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes zusammengeführt. Jedes der vier Kapitel nimmt ein zentrales Objekt des Bauhauses zum Ausgangspunkt und versucht, diese Objekte in Bezug auf ihren historischen Kontext zu entschlüsseln. Corresponding with widmet sich dem Bauhaus-Manifest von 1919 in Beziehung zu zwei parallel entstehenden Kunst- und Designschulen der Avantgarde in Asien, die sich als Keimzelle für die Gestaltung des Zusammenlebens verstehen – Learningroom untersucht ausgehend von Paul Klees Zeichnung eines nordafrikanischen Teppichs von 1927 „Lernprozesse, Aneignungen und die aus ihnen resultierenden Synthesen von Objekten vormodernen Kunsthandwerks bis hin zu modernem Design“ (S. 9) – Moving Away zeigt ausgehend von der Collage „ein bauhaus-film“ von Marcel Breuer von 1926 das Weiterleben von Ideen des Bauhauses unter den neuen geopolitischen Veränderungen wie der Auswanderung von Hannes Meyer 1930 in die Sowjetunion und der 1961 im postkolonialen Nigeria geplanten Universität des israelischen Bauhausschülers Arieh Sharon – Still Undead mit dem Ausgangspunkt des Apparates „Reflektorisches Farblichtspiel“ von Kurt Schwerdtfeger von 1922 zeigt, wie experimentelles Arbeiten mit Licht, Fotografie, Film und Sound weiterleben und viele Künstler beeinflussen.

Es ist ein Gemenge an Einflüssen und Eindrücken mit neuen Perspektiven, Kreuz- und Querblicken, sichtbar gemacht in 38 Einführungen und Beiträgen und zahlreichen, oft großformatigen Abbildungen von Kunstwerken, Fotografien und Collagen, Modellen, Möbeln, Büchern und Installationen. Das Bauhaus ist weltumspannend, dargestellt wird hier weniger die unmittelbare Wirkung, die auch nicht immer nachweisbar ist, sondern die mittelbare Anziehungskraft des Bauhauses: „der experimentelle, hybride Charakter der Moderne und die ihr innewohnende Weltoffenheit“ (S. 12) Und das ist gelungen.

Die Worterfindung imaginista ist nicht zu verwechseln mit dem Imaginismus, einer Bewegung in der russischen literarischen Avantgarde, bestehend von 1919 bis 1927 mit einem ersten Manifest im Gründungsjahr, mit Sergej A. Jessenin (1895–1925), der u.a. mit Isadora Duncan und Sofia Tolstoja, der Enkelin von Leo Tolstoi, verheiratet ist, und Anatoli B. Marienhof (1897–1962).

 

Spezielle Publikationen zu den drei Bauhausstandorten und zu Orten, die eng ­ mit dem Bauhaus verbunden sind wie Stuttgart und Oldenburg.

Das Bauhaus Weimar. Von Anni Albers bis Wilhelm Wagenfeld Hrsg. Christian Eckert, Ulrich Völkel. Wiesbaden: Verlagshaus Römerweg, 2019. 263 S. ISBN 978-3-7374-0224-8 € 28.00

Diese Veröffentlichung erscheint 2010 in einer ersten Ausgabe unter dem Titel kleines lexikon bauhaus weimar / Hrsg. Christian Tesch; Ulrich Völkel, im gleichen Jahr mehrfach rezensiert (vgl. Fachbuchjournal 2 (2010)4, S. 56-57). Die neue Ausgabe ist etwas umfangreicher, größer, mit Schutzumschlag, festem Bucheinband mit rundem Rücken, insgesamt attraktiver und gefälliger. Dass es sich um ein alphabetisch geordnetes Lexikon resp. Handbuch handelt, erfährt der Leser ausschließlich aus dem Klappentext und einer Erläuterung auf der Rückseite des Schutzumschlages. Von einer Neuausgabe erfährt er nichts! Ein Vorwort und ein Register der Schlag- und Stichwörter, wie in der ersten Ausgabe noch vorhanden, fehlen. Das Lexikon beschäftigt sich in erster Linie mit der ersten Epoche des Bauhauses – den Ursprüngen und Anfängen in Thüringen. Es enthält über 150 Stichworte zu wichtigen Begriffen, zur Wirkungsgeschichte des Bauhauses in Weimar, in Thüringen und am Rande auch im Ausland (Tel Aviv), aber auch zu regionalen Einrichtungen, die sich heute um die Bauhaus-Tradition kümmern (Bauhaus-Universität, Bauhaus-Verlag), zu bekannten und auch weniger bekannten Mitarbeitern und Schülern des Bauhauses. Der Inhalt der Beiträge entspricht im Wesentlichen der früheren Ausgabe nebst Ergänzungen, Erweiterungen und weiteren Begriffen. Alles auf dem neuesten Stand, ausgewogen, informativ, prägnant geschrieben unter Vermeidung von Redundanz und reich bebildert. Am Schluss befinden sich ein chronologischer Abriss von der Gründung der Weimarer Kunstschule 1860 bis zum Jubiläum 2019 und ein Verzeichnis weiterführender Literatur. Das Lexikon ist allen zu empfehlen, die sich schnell über das Bauhaus in Weimar informieren wollen – bis auf s.o. zweiter Absatz.

 

Bauhaus Museum Weimar. Das Bauhaus kommt aus Weimar! Hrsg. Ute Ackermann, Ulrike Bestgen, Wolfgang Holler. München: Hirmer Verl., 2019. 160 S. ISBN 978-3-7774-3272-4 € 9.90

Das ist der Führer durch das neue Bauhaus-Museum in Weimar. Dieses Museum bildet das Zentrum eines neuen Quartiers der Moderne – zwischen Weimarhallenpark, Weimarhalle, Stadtmuseum, Neuem Museum, Haus der Weimarer Republik und ehemaligem Gauforum, dem heutigen Thüringer Landesverwaltungsamt. Damit rückt der „Museumsbau auch optisch in den Mittelpunkt einer kontroversen Sicht auf das sich wandelnde und ambivalente Moderne-Verständnis seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.“ (S. 7) In stadträumlicher Nachbarschaft befinden sich u.a. eine Ausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und eine Ausstellung über das Gauforum Weimar. Das Museum ist in einem Netzwerk „Topographie der Moderne“ verortet, zu dem neben dem Neuen Museum das Haus Am Horn, das Haus Hohe Pappeln, das Nietzsche-Archiv, das Liszt-Haus und eine Installation „Konzert für Buchenwald“ von Rebecca Horn zählen. – Eine einmalige Vielfalt bei der Darstellung von Kunst und Kultur in der politischen Diskussion! Das Bauhaus Museum wird am Ende einer intensiven Diskussion gebaut und eröffnet. Es zeigt sich als ein undurchdringlicher Monolith, in dem der Besucher Museales zum Bauhaus wohl nicht erwartet, aber m.E. lässt die direkte Nähe zu den oben erwähnten Gebäuden nur einen solchen Baukörper zu.

Mit und in dem Museum soll kein Mythos gepflegt, sondern in kreativer Weise „über das historische Bauhaus, aber auch über die von seinen Ideen beflügelten Fragen unserer Gegenwart und Zukunft“ (S. 11) gestritten werden. Wichtig ist den Kuratoren auch, nach den Gründen des Scheiterns in Weimar zu fragen, „Was bleibt vom Bauhaus, wo lassen sich seine Ideen und Vorstelllungen heute noch nachweisen, wo und wie wirkt es weiter?“ (S. 9) Das spiegelt sich in der Konzeption des Museums wider, und dieser Führer ist dazu eine sehr gute und sehr ausführliche Einführung. Er begleitet den Besucher nach Schwerpunkten, „die Ideen, Prozesse und lebensweltliche Bezüge erläutern“ (S. 19) durch das ganze Haus. Beschrieben und in Abbildungen dokumentiert wird dies alles in ausgezeichneten Beiträgen. Auf die umfassende Bau-Chronologie sollte in den künftigen Auflagen verzichtet werden.

 

Haus Am Horn. Bauhaus-Architektur in Weimar / Hrsg. Anke Blümm, Marina Ullrich. München: Hirmer Verl., 2019. 112 S. ISBN 978-3-7774-3274-8 € 9.90

Das Versuchshaus „Haus Am Horn“ ist als Teil der Bauhaus-Ausstellung von 1923 ein Zeugnis gemeinschaftlichen Wirkens der wichtigsten Exponenten des Bauhauses an einem Architektur- und Inneneinrichtungsprojekt. Es ist die erste und einzige Architektur, die das Bauhaus in Weimar realisiert. Der Entwurf stammt von Georg Muche, die Bauleitung haben Adolf Meyer und Walter March aus dem Baubüro von Walter Gropius inne, die Inneneinrichtungen gestalten die Bauhaus-Werkstätten. Das Gebäude gehört seit 1996 zum UNESCO-Welterbe. Im Rahmen des Bauhausjubiläums 2019 wird das Haus Am Horn nach Umbau und Sanierung mit einer Dauerpräsentation wiedereröffnet. Diese Eröffnung der neuen Ausstellung begleitet dieser „Kurzführer … und bietet ein Kompendium der vielfältigen Themen, die das Haus umgeben“ (S. 12). Dazu gehören Themen wie Bauentwurf, Bauausführung und Bauausstattung des Hauses, die Nutzungs- und Umbaugeschichten 1923–1998, die Rekonstruktion der Breuer-Möbel und das Haus im Kontext des Neuen Bauens der Weimarer Republik. Alles vorzüglich beschrieben und mit zahlreichen Abbildungen ausgeschmückt. Ein Kurzführer? Sehr tiefgestapelt.

 

Bauhausvorträge. Gastredner am Weimarer Bauhaus 1919-1925/ Hrsg. Peter Bernhard. Berlin: Gebr. Mann Verl., 2017. 424 S. (Neue Bauhausbücher neue Zählung. Band 4) ISBN 978-3- 7861-2770-3 € 69.00

Es tauchen immer wieder weiße Flecken bei der Beschäftigung mit der Entwicklung des Bauhauses auf, dazu gehören auch die Bauhausvorträge. Diese sind Gegenstand in dem Buch Bauhausvorträge. Gastredner am Weimarer Bauhaus 1919-1925 in der Herausgabe des Philosophen Peter Bernhard, der zur Ideengeschichte der Avantgarde forscht. Es sind Gastveranstaltungen in Form von Vorträgen, Dichterlesungen oder Musikdarbietungen, die einerseits den Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden am Bauhaus und andererseits die Beziehungen nach außen fördern sollen.

Von Juni 1919 und März 1925 finden 49 Veranstaltungen statt. Ein ambitioniertes, breit gefächertes Veranstaltungsprogramm zeigt den geistig-kulturellen Rahmen, in welchen sich das Bauhaus in seiner Weimarer Phase einordnet. Die Heterogenität ist groß, die unterschiedlichen Interessen beträchtlich. Da sind in sehr unterschiedlichen Beziehungen zum Bauhaus Architekten, Künstler, Kunsthistoriker, Philosophen, Schriftsteller, Dichter, Rezitatoren und Tänzerinnen, und es gibt musikalische Abende, die neben Klassischem auch neueste Musik bieten.

Mit einem Beitrag vorgestellt werden alle bislang bekannten Gastveranstaltungen, die musikalischen Veranstaltungen sind in einem einzigen Text zusammengefasst. Nicht aufgenommen werden die als Lehrauftrag gehaltenen Gastkurse.

Beispiele: Else Lasker-Schüler und Theodor Däubler lesen aus eigenen Werken, die Schauspielerin Anna Höllering liest Texte von Rainer Maria Rilke. Der Kunsthistoriker Fritz Hoeber spricht über „Die Stellung der Baukunst in der Kultur unserer Zeit“, das Mitglied der Künstlergruppe De-Stijl J.J.P. Oud über „Die Entwicklung der modernen Baukunst in Holland“, Bruno Taut über Glasfantastik und der Reichskunstwart Edwin Redslob über die „Künstlerische Kultur und Öffentlichkeit“. Es gibt Konzerte mit Stücken von Paul Hindemith und Ferruccio Busoni. Die Veranstaltungen finden nicht im Bauhaus statt, sondern in der Weimarer „Öffentlichkeit“, so im Deutschen Nationaltheater oder im Saal des Bürgervereins. Es ist der Versuch der Bürgernähe in einer Stadt, deren Einwohner dem Bauhaus nicht sehr freundlich gesinnt sind. Ein chronologisches Verzeichnis der Gastveranstaltungen und ein umfassendes Literaturverzeichnis schließen dieses Kleinod ab, das interessante Aspekte der Arbeit am Bauhaus dokumentiert und wertet. Die bislang aufgefundenen Vortragstexte sind zusammengestellt auf der Internetseite www.bauhaus.de/de/bauhausvortraege-anhang. Es ist eine neuartige Sicht auf das Bauhaus und seine Protagonisten. Auf einen zweiten Band zu den Bauhausvorträgen in Dessau darf man gespannt sein.

 

Anja Krämer, Inge Bäuerle: Stuttgart und das Bauhaus. Stuttgart: Chr. Belser Gesellschaft für Verlagsgeschäfte, 2019. 136 S. ISBN 978-3-7630-2822-1 € 25.00

Der Bau- und Kunsthistorikerin Anja Krämer und der Literaturwissenschaftlerin Inge Bäuerle ist ein hochinteressantes Buch gelungen: Katalog und Ausstellung Stuttgart und das Bauhaus zeigen, wie eng die Verknüpfungen des Bauhauses mit Stuttgart sind. Das sind „Maler, Designer, Architekten, Fotografen, Kuratoren, Journalisten, Bühnenbildner oder Regisseure … kurzum, Gestalter in allen Lebensfragen“ (S.6, 50) – ohne eine Dependance des Bauhauses. Es beginnt 1919 mit einem Aufstand der Studenten an der Kunstakademie, die sich vergeblich dafür einsetzen, dass Paul Klee ihr neuer Rektor wird, da dies misslingt, geht er nach Weimar ans Bauhaus. Es setzt sich fort

  • mit dem Schüler des Stuttgarter Malers und Hochschullehrers Adolf Hölzel, Oskar Schlemmer, der von 1920– 1929 am Bauhaus wirkt, aber in Canstatt die Figurinen für sein Triadisches Ballett baut, die Uraufführung des Balletts findet 1922 nicht in Weimar, sondern am Württembergischen Landestheater statt, mit der Malerin und Bildteppichweberin Ida Kerkovius, die 1921 die Kunstakademie verlässt, für drei Jahre ans Bauhaus geht und dann in ihr Stuttgarter Atelier zurückkehrt;
  • mit dem „Grenzüberschreiter par excellence“ (S. 50) Willi Baumeister, der 1929 eine Berufung ans Bauhaus ablehnt, aber eindeutig in den „Dunstkreis der Schule“ (S. 50) gehört;
  • mit dem Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld, dessen sog. Bauhaus- oder Wagenfeld-Leuchte weltberühmt wird und der 1949 nach Stuttgart zieht und 1954 seine Werkstatt Wagenfeld gründet.

Die Autorinnen berichten auch über Ludwig Mies van der Rohe, der sich 1927 im Büro der Brüder Rasch in Heslach einrichtet, um die Planungen für die Weißenhofsiedlung auf dem Killesberg voranzutreiben, Walter Rist, Hans Zimmermann, Erich Mendelssohn und andere Architekten, die ihre Spuren in Stuttgart und Umgebung hinterlassen haben, oder über die Frauen, die an der Weißenhof-Siedlung beteiligt sind wie Lilly Reich und Erna Meyer.

Nach 1945 gibt es keine 100 km entfernt von Stuttgart den Anfang mit einer Schule des Bauhauses: 1953 eröffnet die Hochschule für Gestaltung in Ulm, das Ausbildungskonzept orientiert sich am BauhausModell. Förderer gibt es viele, unter ihnen Max Bill, Inge Scholl, Walter Peterhans, Johannes Itten, Josef Albers. Aber ständiger Streit prägt wie beim Vorgänger „den Hochschul-Alltag nach innen und nach außen“ (S. 129), die Hochschule beschließt die Einstellung des Betriebs zu Ende des Jahres 1968, damit besteht sie immerhin ein Jahr länger als ihr Vorbild.

 

Zwischen Utopie und Anpassung. Das Bauhaus in Oldenburg / Hrsg. Gloria Köpnick, Rainer Stamm. Petersberg: Michael Imhof Verl., 2019. 191 S. ISBN 978-3-7319-0811-1 € 29.95

Auch ohne Dependance des Bauhauses ist Oldenburg. Der Ausstellungskatalog Zwischen Utopie und Anpassung. Das Bauhaus in Oldenburg beschäftigt sich mit den vielfältigen Verbindungen, die von den frühen Erwerbungen des 1921 gegründeten Oldenburger Landesmuseums und den zahlreichen Ausstellungen zum Bauhaus der 1922 gegründeten Vereinigung für junge Kunst über das Leben und Werk von kaum bekannten Bauhäuslern aus Oldenburg und Ostfriesland bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg reichen. Im Mittelpunkt stehen die Bauhäusler Hans Martin Fricke, Bauhaus 1922–1925, Architekt in Oldenburg und Bremen, nach 1933 Landesleiter der Reichskammer der bildenden Künste, später Stabsfrontführer der Organisation Todt, nach 1945 wieder in Amt und Würden;

Hermann Gautel, Bauhaus 1927–1933, Innenarchitekt und Möbeldesigner, Ausstattungsgeschäft und Tischlerei in Oldenburg, zum Kriegsdienst eingezogen, gilt als verschollen;

Karl Schwoon, Bauhaus 1927–1931, Maler, Galerist und Bildredakteur, arbeitet u.a. in Berlin und Oldenburg, beteiligt sich nach dem Krieg aktiv am Wiederaufbau Oldenburgs;

Hin Bredendieck, Bauhaus 1927–1930, Tischler und Vertreter des Industriedesigns, emigriert 1937 in die USA und wird am New Bauhaus Chicago und Georgia Institute of Technology in Atlanta einer der einflussreichsten Vermittler der Bauhaus-Ideen.

Weitere acht Bauhäusler folgen. Die Weberin und Malerin Margarete Willers (Bauhaus 1921–1922) in den Reigen der Bauhäusler aufzunehmen, ist gewagt, denn sie verlässt Oldenburg im Kindesalter und kehrt nicht mehr dorthin zurück.

Das ist keine geschlossene Oldenburger Gruppe, doch der Einfluss und die Auswirkungen des Bauhauses auf die Region sind beachtlich. Den Kuratoren und Autoren ist für diese Entdeckung zu danken. Die Beiträge sind sehr informativ, der Katalog ist vorzüglich gestaltet, mit zahlreichen Abbildungen, darunter vielen Erstveröffentlichungen. Diese Ausstellung ist der zentrale Beitrag des Landes Niedersachsen zu 100 Jahre Bauhaus.

 

Entwürfe der Moderne. Bauhaus-Ausstellungen 1923-2019 / Hrsg. Hellmut Th. Seemann, Thorsten Valk. Göttingen: Wallstein Verl., 2019. 448 S. (Klassik Stiftung Weimar Jahrbuch 2019) ISBN 978-3-8353-3422-9 € 28.00

Das Jahrbuch 2019 der Klassik Stiftung Weimar widmet sich der Darstellung der dynamischen Rezeptionsgeschichte des Bauhauses im Spiegel ihrer Ausstellungen und präsentiert als Materialsammlung zum Thema „Das Bauhaus ausstellen“ (S. 8) eine Historie der Bauhaus-Ausstellungen: 1923 eröffnet der Reichskunstwart Edwin Redslob die erste große Bauhaus-Ausstellung in Weimar, 2019 werden außer in Weimar auch in Dessau ein Bauhaus-Museum eröffnet, das Berliner Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung folgt „in den kommenden Jahren“ mit einer denkmalgerechten Sanierung des Gebäudes und einem Museumsbau. Die „dem Bauhaus von der ersten Stunde an innewohnende Idee, dass alles Entwurf, Versuch, Konzept, Kritik, Experiment, Performance sei, zeigt erstens seine Modernität und zweitens seine Wesensverwandtschaft mit einem speziellen Kommunikationsdesign, das wir >Ausstellung< nennen … Ausstellen heißt, dick auftragen. Bauhaus wird zum Miterfinder des Ausstellungsdesigns.“ (S. 8) Keine Epoche vor der klassischen Moderne zeigt „eine so starke Affinität zum Museum und zur Selbstdarstellung im Museum.“ (S. 13)

Die Einleitung und 17 Beiträge behandeln in erster Linie die Bauhaus-Ausstellungen in Deutschland (z.B. 1923 in Weimar und 1968 in Stuttgart, die Wanderausstellung #alles ist design seit 2015, das neue Museum in Weimar 2019 und die Teilnahme an der Deutschen Bauausstellung 1931) und im Ausland (z.B. 1961 in Australien und in den 1990er Jahren in Israel sowie die Teilnahme an der Jahresausstellung der Société des artists décorateurs in Paris 1930).

 

Anfang der 1930er Jahre reisen ­Protagonisten des Neuen Bauens in die Sowjetunion.

Ursula Muscheler: Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern. Berlin: Berenberg, 2016. 165 S. ISBN 978-3-946334-10-1 € 22.00

Die Architektin Ursula Muscheler veröffentlicht drei Jahre vor dem 100jährigen Jubiläum ein mit 165 Seiten recht schmales, aber besonders politisches Buch und nennt es Das rote Bauhaus mit dem Untertitel Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern. Es ist die chronologisch erzählte Geschichte westeuropäischer und mitteleuropäischer Architekten des Neuen Bauens, auch des Bauhauses, in der Sowjetunion. Über sie ist nicht viel bekannt. Es ist eine traurige Geschichte „von Migration, Flucht, Überleben und Tod“ (Klappentext).

Was ist geschehen? Die Weltwirtschaftskrise treibt deutsche Architekten ab 1926 in die Sowjetunion, deren Führung mit den Großprojekten der Fünfjahrpläne und guter Bezahlung lockt. „Einige kamen, nur um Arbeit zu finden, andere enttäuscht vom krisengeschüttelten Kapitalismus, um gläubig und hoffnungsvoll am sozialistischen Aufbau mitzuwirken.“ (S. 7)

In Deutschland oft als bolschewistisch verunglimpft, suchen auch Bauhäusler und Bauhäuslerinnen durch die zunehmende Faschisierung Zuflucht in der Sowjetunion und wollen als Protagonisten des Neuen Bauens am Aufbau mithelfen. Das gelingt am Anfang auch mehr oder weniger, aber nach einigen Jahren prangert sie Stalin als kapitalistische Verfallserscheinung an, beraubt sie ihrer Privilegien und erklärt sie sogar zu unerwünschten Ausländern. Geblieben ist von den realisierten Projekten wenig, denn die Anerkennung wird versagt, staatliche Stellen boykottieren. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe um den berühmten Frankfurter Stadtbaurat Ernst May und die Architekten Margarete Schütte-Lihotzky und Mart Stam sowie eine Gruppe der vom ehemaligen Bauhausdirektor Hannes Meyer angeführten „Bauhaus-Stoßbrigade Rot Front“ (S. 31).

Muscheler folgt den Schicksalen der Architekten und ihrer Angehörigen, die sehr schnell von den realen Arbeits- und Lebensbedingungen eingeholt werden. Ernüchtert und enttäuscht kehren viele der Sowjetunion den Rücken, einige kommen zurück nach Deutschland, andere emigrieren in die Schweiz, in die USA oder nach Mexiko. Einige aber bleiben und kommen in sowjetische Lager. Und das Ende der Reise in die Sowjetunion? Hannes Meyer, der große Protagonist und Propagandist des Neuen Bauens verlässt die Sowjetunion, folgt einem Ruf der mexikanischen Regierung, geht nach einem Zerwürfnis mit den mexikanischen Behörden 1949 nach Europa zurück, fasst im Westen eigentlich nie Fuß, weil als Kommunist verschrien, im Osten auch nicht, weil früherer Bauhausdirektor, seine Lebensgefährtin Margarete Mengel verbleibt in der Sowjetunion und wird mit vielen anderen Ausländern ohne Prozess hingerichtet (Béla Scheffler ereilt das gleiche Schicksal).

Philipp Tolziner wird zu zehn Jahren Gulag verurteilt, bleibt dann in der Sowjetunion und überlebt selbst die Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre.

Margarete Schütte-Lihotzky und ihr Ehemann Wilhelm Schütte verlassen das Land und kehren auf Umwegen nach dem Krieg nach Österreich zurück.

Konrad Püschel und Walter Schwagenscheidt gehen nach Deutschland zurück und überleben den Nationalsozialismus. Ein ganz anderer Beitrag zu 100 Jahre Bauhaus (leider ohne Register). Es ist ein wichtiges, akribisch in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen recherchiertes Kapitel der europäischen Architekturgeschichte mit dem bemerkenswerten Schlussgedanken: Die Feierlichkeiten zum Bauhaus 2019 „böten eine gute Gelegenheit, auch einmal, neben Stahlrohrsesseln und weißen Kuben, das »rote Bauhaus« vorzustellen, denn wer hätte die Welt über das Ästhetische hinaus neuer gedacht als die Rot-Front-Brigadisten, wer unter Einsatz des eigenen Lebens radikaler an ihrer gesellschaftlichen Umgestaltung mitgewirkt“. (S. 161)

 

Fünf Begleitpublikationen zum BauhausJubiläum, die das Davor, Daneben und Danach beleuchten.

Von Arts and Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design – eine neue Einheit! Hrsg. Tobias Hoffmann. Dem verehrten „Professore“ Dr. Florian Hufnagl ist dieser Katalog zum 70. Geburtstag gewidmet. Köln: Wienand Verl., 2019. 367 S. (Veröffentlichungen des Bröhan-Museums Nr. 34) ISBN 978-3-86832-455-6 € 45.00

Das Bauhaus ist nicht der alleinige Wegbereiter der Moderne. Seine Protagonisten beteiligen sich an den jahrzehntelangen Diskussionen, knüpfen an ältere Bewegungen an, legen eigene Positionen u.a. im Manifest von 1919 nieder und gehen auch ganz eigene Wege – das ist das Fazit dieser sehr verdienstvollen Veröffentlichung. Herausgeber und Verlag zeigen diese Vorgeschichte des Bauhauses in chronologischer Reihenfolge zweisprachig in acht Beiträgen und rund 300 Objekten (u.a. Möbel, Zeichnungen, Gemälde, Grafiken, Metallkunst, Leuchten, Keramiken, Tapeten). Damit relativieren sie den Mythos vom Bauhaus als die Ikone und den Höhepunkt der Moderne eindrucksvoll: „Fälschlicherweise wird es sowohl zum Höhepunkt der Moderne gemacht und gleichzeitig auch als Ausgangspunkt der Moderne missverstanden.“ (S. 9) Ausgangspunkt ist die Industrialisierung, die auch eine kunst- und designtheoretische Auseinandersetzung fördert. Das beginnt in Großbritannien mit der Londoner Weltausstellung von 1851und den Ideen von Gottfried Semper und John Ruskin, der Arts-and-Crafts-Movement in der Hauptstadt der Industrialisierung London (dazu auch erste Rezeptionen in anderen Ländern) und dem Glasgow Style. Arts-and-Crafts hat mit ihrem Begründer, dem Maler, Architekten, Kunstgewerbler, Ingenieur, Drucker und Dichter William Morris ihre Blütezeit zwischen 1870 und 1920.

Durch den in erster Linie im ausgehenden Jahrhundert von Charles Rennie Mackintosh entwickelten Glasgow Style wird das schottische Glasgow zu einem der führenden Zentren für Architektur und Design. Der Glasgow Style fällt in Österreich auf fruchtbaren Boden – in der Wiener Secession ab 1897 und in den Wiener Werkstätten ab 1903. In Deutschland fließen die Konzepte in den 1907 gegründeten Werkbund ein. Apropos Werkbund: Hier liegen die Wurzeln der Neuen Sammlung München, deren Museumskurator und späterer Leitender Sammlungsdirektor Prof. Dr. Hufnagl ist, der auf dem Titelblatt genannt und gepriesen wird, auf den es aber im Buch keine Ehrung gibt – schade, denn er leitet ja das älteste und größte Designmuseum der Welt. Schließlich ist die aus Holland stammende, seit 1917 um und mit dem Maler, Dichter und Kunsttheoretiker Theo van Doesburg ins Leben gerufene De-Stijl-Bewegung mit ihren Primärfarben Rot, Gelb und Blau zu nennen, eine Bewegung, die in vielem an Arts-and-Crafts erinnert. Die Bauhausidee schließt den Band ab: „Das Konzept der Einheit der Künste, von Kunst und Gestaltung, kann man geradezu als die DNA des Bauhauses bezeichnen.“ (S. 262) Eine wichtige Publikation zu den designgeschichtlichen Fundamenten des Bauhauses, „die Ideen und Konzepte des Bauhauses und auch seine gestalterische Sprache sind keine Geniestreiche ohne Vorläufer.“ (S. 9)

 

Dominic Bradbury: Design der Moderne. Von 1920 bis 1960. München, London, New York: Prestel, 2018. 479 S. ISBN 978-3-7913-8474-0 € 68.00

Diese zuerst in englischer Sprache erschienene Publikation des Journalisten und Autors Dominic Bradbury, der sich auf Architektur und Design spezialisiert hat, ist in Gewicht und Größe ein echtes coffee table book. Es gibt einen umfassenden Überblick über die stilprägende Epoche der Moderne „von den 1920er-Jahren bis in die Zeit nach dem Weltkrieg“ (Klappentext) und stellt in und fast 1000 meist farbigen Abbildungen die einflussreichsten, originellsten und schönsten Werke aus über 40 Jahren Designgeschichte vor. Es geht um die Produkte und ihre Schöpfer. Als Reihenfolge wählt Bradbury die Produktkategorien Möbel, Leuchten, Keramik und Glas, Industrie- und Produktdesign, Grafik und Plakate, Häuser und Interieurs, jeweils mit einem einleitenden Kapitel einem Essay.

Dem Bauhaus beispielsweise ist zum Thema Möbel ein Essay zu Ideen und Einfluss der Bauhausmeister mit detaillierten Biographien gewidmet, u.a. zu dem schwedischen Architekten und Designer Erik Gunnar Asplund, den Bauhäuslern Ludwig Mies van der Rohe und Marcel Breuer, dem dänischen Designer und Architekten Kaare Klint, dem vielseitigen „Paten der Moderne“ (S. 64) Le Corbusier, seinem Cousin Pierrre Jeanneret und seiner Mitarbeiterin Charlotte Perriand und dem in Deutschland geborenen und in den USA wirkenden Designer Kem Weber. Dieses Beispiel zeigt die Weitläufigkeit der Bauhausideen. Erschlossen sind Text und Abbildungen durch ein Register der Designer, Architekten und Hersteller und eine Auswahlbiographie mit vorwiegend englischsprachigen Titeln. Für den Autor ist die Epoche der Moderne „eine Versammlung von Bewegungen, Vereinigungen und Gattungen unterschiedlicher Kunst-, Architektur- und Designrichtungen“ (S. 6), mit viel Platz für regionale Ausprägungen wie die italienischen Futuristen, die russischen Konstruktivisten, die Mitglieder des deutschen Bauhauses und die Anhänger von De-Stijl in Holland. Und sie alle kommen in diesem Buch zu Wort und Bild.

 

Patrick Rössler: NEUE TYPOGRAFIEN. Bauhaus & mehr. 100 Jahre funktionales Grafikdesign in Deutschland. Göttingen: Wallstein Verl., 2018. 229 S. ISBN 978-3-8353-3367-3 € 38.00

Der Grafikdesigner Jan Tschichold bezeichnet 1928 die Gesamtgestaltung der Zeitschrift „Neue Jugend“ vom Juni 1917 als den Beginn der Neuen Typografie. „Mit dem funktionalen Grafik-Design der neuen Typographie setzte sich in den 1920er Jahren eine gestalterische Bewegung durch, die sich klassischen Layout-Prinzipien verweigerte. Ziel war eine Optimierung der Drucksachen hinsichtlich ihrer Lesbarkeit, die Standardisierung in Schrifttypen wie Blattformen und insgesamt eine Orientierung an der Deutschen Industrienorm (DIN)“ (Klappentext). Das ist der Rahmen für einen außergewöhnlichen Text-Bild-Band des Kommunikationswissenschaftlers Patrick Rössler. Er berichtet erstmals umfassend über die Revolution der Buch- und Reklamegestaltung in Zusammenhang mit dem Bauhaus. „Die anachsiale Satzanordnung von bevorzugt serifenlosen Schrifttypen in größtmöglicher Klarheit, ohne ablenkenden Zierrat und mit der neusachlichen Fotografie als auffälligem Bildelement reüssierte bei der Werbetreibenden Wirtschaft und bestimmt unsere visuelle Sozialisation bis heute.“ (Klappentext) Entstanden ist ein Überblickswerk, das bestehende Erkenntnisse zusammenfasst und bündelt, es „dominiert nicht die detailverliebte Analyse, sondern der kursorische Blick auf die Vielfalt an Positionen“. (S. 9) Es ist zugleich der Begleiter von zwei Ausstellungen zum Bauhaus-Jubiläum in Erfurt und Gotha, aber kein Überblick zur Bauhaus-Typografie im engeren Sinne; den legt der Autor in einem leider vergriffenen Katalog 2017 vor (bauhaus.typography. 100 Werke aus der Sammlung des Bauhaus-Archiv Berlin. 142 S. ISBN 978-3-922613596). Die vier Säulen der Ausstellung sind InnovationDiffu­ sionMedienEpilog.

Innovation weist auf die Ursprünge der vom Bauhaus verwendeten Gestaltung der Druckerzeugnisse hin, diese gehen in erster Linie zurück auf die De-Stijl-Bewegung, den Konstruktivismus, die Dadaisten und die Futuristen.

Das Bauhaus ist der Katalysator, der die Tendenzen zusammenführt und ihnen zu größerer Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit verhilft. Das Bauhaus ist deutschland- und weltweit die erste Einrichtung, die ihre Drucksachen nach den Prinzipien der Neuen Typografie gestaltet. Diffusion informiert über die Ausbreitung der Neuen Typografie, den „Ring neuer Werbegestalter“, die Initiativen in Frankfurt am Main und die Entwicklung außerhalb von Metropolen, insbesondere in Mitteldeutschland mit Magdeburg, Halle mit Burg Giebichenstein und Dessau. Dem Bauhaus ist übrigens kein Erfolg beschieden bei der Entwicklung rationeller Schriften für den maschinellen Einsatz in der Druckindustrie, hier setzt sich die von Paul Renner in Frankfurt am Main entwickelte Schrifttype Futura durch, die Idee von der radikalen Nutzung der Kleinschrift setzt sich nicht durch.

Medien zeigt die Auswirkungen der Neuen Typografie auf das Erscheinungsbild des Mediums Buch im weitesten Sinne, auf das Buch und seinen (Schutz-)Umschlag (u.a. mit den großen Gestaltern Heartfield, Teige, Tschichold, Rössing), auf die Bildmedien Film und Foto und auf die illustrierte Zeitschrift.

Epilog beschäftigt sich mit Nachwehen der Neuen Typografie nach der Vertreibung und Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten und den Epigonen aus der Zeit nach 1945 aus der DDR, der BRD und anderen Ländern. Ein beeindruckendes Buch, das der Autor seiner Kollegin Magdalena Droste zu ihrem runden Geburtstag widmet, womit wir fast wieder am Beginn unserer Rezensionsrunde angelangt sind.

 

Gegen die Unsichtbarkeit. Designerinnen der Deut ­ schen Werkstätten Hellerau 1898 bis 1938. München: Hirmer Verl., 2019. 245 S. ISBN 978-3-7774-3218-2 € 39.90

Diese Veröffentlichung ist gegen das Vergessen von Protagonistinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau gerichtet. Es handelt von 53 Gestalterinnen aus drei Generationen mit einer großen Bandbreite von Gebrauchsgegenständen wie Möbel, Textilien, Tapeten, Gläser, Keramik, Spielzeug und Mode. 19 werden mit ihren Biographien, Entwürfen und Produkten näher vorgestellt. Bereits 20 Jahre vor Gründung des Bauhauses entwickelt sich Hellerau zu einem Zentrum des Kunstgewerbes. Die Künstlerinnen vollbringen mit Mut, Talent und Können Pionierleistungen, sichtbar an der exzellenten Qualität ihrer Arbeiten. Vieles ist leider in Vergessenheit geraten, wird aber dank dieses ausgezeichneten Ausstellungskataloges wieder lebendig, die frühen Kapitel der weiblichen Designgeschichte werden hervorragend aufgearbeitet. Die Beiträge gehen weit über die Aktivitäten der Hellerauer Werkstätten hinaus. Dazu gehören neben den Ausführungen über die Hellerauer Designerinnen wie Margarethe von Brauchitsch (sie gehört zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Werkbundes), Gertrud Kleinhempel (sie ist die erste Designerin, die den Professorentitel erhält) und Lilli Vetter (mit Marc Chagall verbindet sie eine lebenslange Freundschaft) auch umfangreiche Berichte über die Designerinnen in Deutschland im 20. Jahrhundert. Verbindungen zum Bauhaus gibt es zahlreiche, u.a. durch Margaret Leischner, die mit Anni Albers, Otti Berger und anderen auch die industrielle Herstellung neuartiger Gewebe studiert. Zahlreiche Abbildungen ergänzen die Texte perfekt. Der Dank geht insbesondere an die Kuratorin Klára Nˇemeˇcková. Katalog und Ausstellung sind eine besondere Überraschung unter den zahlreichen Veröffentlichungen rund um das Bauhaus!

 

Bettina Hintze: Zeitlose Häuser. In der Tradition der Moderne. Minimalistisch | Klar | Reduziert. Die Sieger des HÄUSER-Awards 2019. München, London, New York: Prestel, 2019. 259 S. ISBN 978-3-7913-8575-0 € 59.00

Seit 2004 zeichnet das Architektur- und Designmagazin HÄUSER die besten Einfamilienhäuser aus. Das Thema des HÄUSER-Award 2019 „In der Tradition der Moderne“ soll in der Tradition des Bauhauses stehen, allerdings keine Nachahmungen einer hundert Jahre alten Tradition enthalten. Die Fragen der Jury: „Welche Häuser würden im Umfeld des Bauhauses heute entstehen? Was war es, was die Bauten ausgezeichnet hat, die wir heute noch als Architekturikonen betrachten?“ Die Antwort: „Es ist vor allem der Innovationsgeist, der uns immer noch so beeindruckt. Die Bereitschaft, Tradiertes komplett in Frage zu stellen, stattdessen die neuen Technologien zu nutzen und Wohnraum zu schaffen, der die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert.“ (S. 6) Es werden Entwürfe ausgezeichnet, „die den Geist des Bauhauses ins Jetzt holen“. Die Architektin Bettina Hintze gibt eine kurze Geschichte des Neuen Bauens von 1894 an, als kein Geringerer als der Architekt Otto Wagner in seiner Antrittsvorlesung an der Akademie der Bildenden Künste Wien für die Überwindung des Historismus plädiert bis hin zu den Bauten der 1970er und 1980er Jahre.

Für dieses Buch werden 30 Projekte aus ganz Europa ausgewählt, beschrieben und in großformatigen Fotos vorgestellt, ein Augenschmaus. Sie stellen unter Beweis, „dass sich die Entwurfsprinzipien der Moderne auf großartige Weise in aktuelle Architektur übertragen lassen.“ (S. 9) ˜

Prof. em. Dieter Schmidmaier (ds), geb. 1938 in Leipzig, ­studierte Bibliothekswissenschaft und Physik an der Humboldt-Universität ­Berlin, war von 1967 bis 1988 ­Biblio­theksdirektor an der Berg­ aka­demie Freiberg und von 1989 bis 1990 General­direktor der Deutschen Staatsbibliothek Berlin.

 dieter.schmidmaier@schmidma.com

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