Altertumswissenschaften

Die Fragmente der Historiker

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 3/2017

Barbara Gauger; Jörg-Dieter Gauger: Die Fragmente der Historiker: Ephoros von Kyme und Timaios von Tauromenion. Band 77 der Reihe „Bibliothek der griechischen Literatur“. Stuttgart: Anton Hiersemann Verlag 2015. Leinen, VI, 368 Seiten, ISBN 978-3-7772-1506-8. € 198,00

Ein entscheidender Tatbestand unserer Kenntnis der antiken Geschichte und Kulturgeschichte ist die Tatsache, dass die Mehrzahl der Riesenmenge der Schriften der antiken Autoren verloren ist. Die Überlieferung wurde vornehmlich dadurch bestimmt, dass nur diejenigen Texte erhalten blieben, die der mittelalterlichen christlichen Gelehrsamkeit die Mühe des Vervielfältigens lohnte. So kennen wir zahlreiche Autoren und ihre Schriften nur dadurch, dass Fragmente von ihnen in anderen Texten genannt oder sogar zitiert worden sind, ja auch diejenigen Autoren, von denen wir große zusammenhängende Teile haben, sind, wie etwa Livius oder Polybios, nur teilweise erhalten. Daher war es immer eine Aufgabe der gräzistischen und latinistischen Literaturwissenschaft, durch die Zusammenstellung der Fragmente in der richtigen Reihenfolge sowohl das Werk der Verfasser besser kennenzulernen als auch inhaltliche und künstlerische Aufschlüsse neu zu gewinnen. In der Geschichtswissenschaft war es das Riesenwerk Felix Jacobys – der nach England hatte emigrieren müssen, dann nach Deutschland zurückkam –, das die Fragmente der verlorenen griechischen Historiker gesammelt und kommentiert hatte und das nach seinem Tod weitergeführt wird. Der vorliegende Band in der verdienstvollen Hiersemann-Reihe ist deshalb besonders wertvoll, weil er zwei besonders wichtige Historiker enthält. Timaios aus Tauromenion (heute Taormina auf Sizilien) war ein bedeutender Historiker der griechisch-sizilischen Geschichte, Ephoros aus Kyme an der kleinasiatischen Westküste hatte eine Weltgeschichte geschrieben; Timaios kennen wir vornehmlich aus den kritischen Bemerkungen, die Polybios zu ihm macht, Ephoros aus langen Zitaten anderer Geschichtswerke. Beide sind deshalb unverzichtbar, weil sie Informationen enthalten, die sonst vollständig verloren wären. Schon deshalb ist die vorliegende Ausgabe begrüßenswert, vor allem aber auch wegen der umfangreichen Kommentierung nicht nur der Fragmente, sondern der überlieferten Zeugnisse, und weil die Übersetzung ihrerseits einiges zur Forschung beiträgt. So erfüllt das Buch einen mehrfachen Zweck: Es ist ein Fachbuch, das den Fachleuten verlässliche Auskunft gibt; es unterstützt einige Strecken weit die Historiker mit wenig oder gar keinen Kenntnissen des Griechischen; aber es bietet auch dem allgemeinen Leser wegen der Fülle der Einzelinformationen ein faszinierendes Kaleidoskop der bewegten Geschichte des früheren Griechentums. (ws)

Prof. Dr. Wolfgang Schuller (ws) ist Althistoriker und Volljurist.1976 folgte er einem Ruf als Ordinarius an die Universität Konstanz, wo er bis zu seiner Emeritierung Anfang 2004 als Lehrstuhlinhaber für Alte Geschichte blieb.

wolfgang.schuller@uni-konstanz.de

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