Kolumne

Die drei Ks der Eltern

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 5/2017
Matthias Kröner

In der Gott-hab-sie-selig-Nachkriegszeit, in der spießigen und piefigen Adenauer-Ära, in der das Sein sich an den Schein anzupassen hatte, gab es einen Leitsatz, der mir durch ein zufällig belauschtes Gespräch älterer Damen an der Bushaltestelle zwischen die Ohren geraten ist: die drei Ks der Frauen. Die da lauteten: Küche, Kirche, Kinder. So amüsiert ich darüber war, so schockiert sah ich die drei Ks der Eltern vor mir. In unserer Zeit heißen sie: Kinder, Karriere, Kohle.

Was die Kirche betrifft, sind Kinder an ihre Stelle getreten. Sie sichern unser Überleben mit, wenn wir im Nichts verschlingern … Gleichzeitig zieht das Diesseits an uns und sagt: „Stell endlich was mit mir an, du hast nur ein Leben! Sicher, du hast dich fortgepflanzt, doch jetzt möchte ich auch noch – Karriere.“

Ich antworte patzig: „Wie soll ich das bitteschön anstellen, mit zwei Kindern und einer Frau, die ebenfalls arbeiten will? Kannst du mir das mal verraten?!“

Das Diesseits gibt sich verschnupft und trollt sich: „Das ist dein Problem, nicht meines“, murmelt es.

Na super, denke ich. Keinem kann man es recht machen. Die Kinder sind verärgert, weil ich – das dritte K – Kohle ranschaffen muss und gerade keine Zeit für sie habe. Meine Frau möchte zumindest dieselben Karrierechancen wie ich (was vollkommen in Ordnung ist, aber unsere Zeitplanung regelmäßig durcheinander würfelt) und dann gibt es auch noch das vierte K, das ich – ich sitze längst im Bus und sinne mir düstere Gedanken zusammen, die Damen lachen und unterhalten sich über ihre Enkel – gar nicht in meiner Rechnung bedacht hatte: Krankheiten.

Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern länger als zwei Tage krank waren. Wir plagen uns wochenlang mit Magen-Darm- und anderen Grippen herum. Neuerdings bekomme ich sogar Paukenergüsse. Was das ist? „Keine Mittelohrenzündung“ diagnostizierte unlängst meine HNO-Ärztin, „ich kann Ihnen leider kein Antibiotikum verschreiben“. „Aber es schmerzt“, flehte ich. „Ich fühle mich total schlapp.“ „Abwarten“, antwortete sie mit der gelassenen Konsequenz eines Menschen, der schon viel erlebt hat, „einfach abwarten …“. Abwarten, denke ich, und wie soll ich dann an Karriere und Kohle kommen?!

Ich würde am liebsten aufspringen und zu den Damen rennen: „Ihr hattet es einfacher“, würde ich sagen, was auch nur die halbe Wahrheit wäre, „ihr musstet euch niemals absprechen, ihr wusstet um euer Tun und Wirken!“ „Junger Mann“, würden sie antworten, wenn sie ehrlich wären. „Das war auch kein Zuckerschlecken, damals. Wenn wir unseren Haushalt nicht geschafft haben, ist es immer auf uns zurückgefallen. Das ist euch Jungen ja nicht so wichtig. Und was ihr kocht, hätten wir nicht einmal unserem Hund serviert. Kein Wunder, dass ihr so häufig krank seid!“ Zum Glück hielt der Bus jetzt an meiner Haltestelle. Ich stieg aus und drückte auf die Klingel der HNO-Praxis, da die Paukenergüsse auch nach zwei Wochen noch nicht verschwunden sind. Immerhin, während der Krankheiten habe ich viel Zeit zum Spielen. Meine Kinder sagen dann: „Du bist der beste Papa der Welt.“ Was sich ziemlich gut anhört. Lediglich die Karriere motzt. Und die Kohle. Ruhe auf den billigen Plätzen!

Matthias Kröner, 1977 in Nürnberg geboren, lebt und arbeitet seit 2007 als Autor, Journalist, Redakteur und Kolumnist in der Nähe von Lübeck. Seine subjektiv verfassten Reiseführer „Lübeck MMCity“ und „Hamburg MM-City“ (Michael Müller Verlag) sind Sparten-Bestseller. 2014 erschien sein Erzählband „Junger Hund. Ausbrüche und Revolten“ (Stories & Friends Verlag). 2016 kam sein erster Mundart-Gedichtband „Dahamm und Anderswo“ bei ars vivendi heraus.

matthias.kroener@gmx.de

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