Kinder- und Jugendbuch

„…die Angst bleibt nicht immer der Sieger“

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2021

Schreiben gegen das Vergessen ist für viele Autorinnen und Autoren im Kinder- und Jugendbuchbereich eine Herzensangelegenheit, denn „solange wir nicht vergessen, was alles an Unvorstellbarem möglich ist, sehen wir mit einem anderen Blick auch auf das, was heute geschieht, und treffen Entscheidungen vor diesem Hintergrund anders, vorsichtiger, vielleicht sogar menschlicher“, so Kirsten Boie.

Schulen und Straßen tragen ihren Namen, doch wer war diese junge Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die am 9. Mai dieses Jahres ihren 100sten Geburtstag hatte. In Schluss. Jetzt werde ich etwas tun – Die Lebensgeschichte der Sophie Scholl schildert Maren Gottschalk den Entwicklungsprozess dieses Mädchens zu einer selbstbewussten, mutigen Studentin und Mitglied der Weißen ­Rose. Sie lässt dabei hautnah teilhaben an ihren Selbstzweifeln, Hoffnungen, Plänen und ihrer Selbstkritik. Sophie Scholl liebt es, in der Natur herumzuschweifen, Klavier zu spielen, zu tanzen und zu zeichnen. Trotz heftigen Widerstandes der Eltern begeistern sich die älteren Geschwister für die Hitlerjugend und den Bund Deutscher Mädel. Und bald, im Winter 1935, ist auch die 14-jährige Sophie Gruppenführerin. Doch der beginnende Krieg und die intensiver werdende Beziehung zu Fritz Hartnagel, einem Berufssoldaten, verändern sie. Diskussionen, Schriften von Augustinus und ­Maritain reißen sie aus den Propaganda-Lügen der Nazis und sie überlegt, wie man „diesen RiesenNazi-Schwindel aufdecken“ könne, „ich möchte mich aufbäumen“. Gottschalks vielschichtiges Portrait stellt keine furchtlose, unerreichbare Heldin auf ein Podest. Sie zeigt einen jungen Menschen, der nicht nur einen „klaren Kopf und ein mutiges Urteil“ sondern auch Angst in sich hat „und nichts als Angst“, und umso mehr und tiefer gehend zum Vorbild werden kann. Denn sie entscheidet für sich: „Schluss. Jetzt werde ich etwas tun.“

Es geschieht in Penzberg, in der Nähe des Starnberger Sees, einen Tag bevor die US-Truppen dort einmarschieren, in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1945, der „Penzberger Mordnacht“. 16 Menschen werden als „Volksverräter“ ermordet. Noch an den Endsieg glaubend lässt der Anführer eines Wehrmachtregiments acht Männer erschießen, danach eröffnen Hitlers Werwölfe die Jagd und erhängen in der Nähe des Rathauses weitere acht, darunter zwei Frauen, eine hochschwanger. Ihr Verrat: sie dachten der Krieg sei zu Ende, sie versuchten, die „Lebensader“ der Stadt, das Kohlebergwerk und die darin schuftenden Kriegsgefangenen vor der Vernichtung zu retten. Soweit die Fakten, die Kirsten Boie in Penzberg recherchiert hat und in der Novelle Dunkelnacht mit der Gefühlswelt von drei – frei erfundenen – Jugendlichen verbindet: Marie und Schorsch, Sohn des Polizeimeisters und Gustl, ein fanatischer Werwolf. Beide sind in Marie verliebt. Die Jugendlichen erleben die Hinrichtungen und müssen sich in Dunkelnacht dieser erschütternden, zugleich fesselnden Novelle, entscheiden. Schorsch zumindest weiß, „die Angst bleibt nicht immer der Sieger. Er hat sich bewiesen, auf welcher Seite er steht.“

■ Hermann und seine drei Freunde leben in Freistadt, einer Kleinstadt nahe Linz, und sie sind ein eingeschworenes Team. Sie verstehen sich in Held Hermann – Als ich Hitler im Garten vergrub von Leonora Leitl so wortlos wie die Indianer unter Häuptling Falkenauge, ob bei riskanten Kletteraktionen im Kirchturm, Schwimmen in der Jaunitz, Taubenschießen oder Indianerspielen. Trickreich versuchen die 12-Jährigen, sich dem Drill in der Hitlerjugend und Schule zu widersetzen. Besonders Hermann, als Sohn eines „Sozis“ und „daher auch Freiwild“, wird vom HJ-Führer und Lehrer malträtiert, obwohl der Vater an der Ostfront ist. Dazu scheint die Mutter gegen Kriegsende geheimnisvollen Aktivitäten nachzugehen, die es unbedingt aufzudecken gilt. Leitl, unterstützt von farbkräftigen Illustrationen und zahlreichen Karl MayEinschüben, erzählt einfühlsam und mildert mit kindgerechter Leichtigkeit die recherchierten Grausamkeiten, Verhaftungen und Hinrichtungen in Freistadt. Der Witz und Mut der Kinder, die in diesem Krieg groß und erwachsen sein wollen, machen Held Hermann zu einem aufschlussreichen, packenden und auch humorvollen Roman.

Der 17-jährige Biko, geboren im Sauerland, hat die Aufnahmeprüfung an der Berliner Artistenschule geschafft und kommt 2015, dem Jahr der großen Flüchtlingswelle, nach Berlin. Dort hält ihn die gleichaltrige Lizzy, die ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe arbeitet, aufgrund seiner Hautfarbe, sein Vater ist Ghanaer, für einen Flüchtling; Biko ist nun in Tatort Eden 1919 von Maja Nielsen mit dem weiten Spektrum an Beurteilungen, Meinungen und Anfeindungen konfrontiert. Als er im Schulfundus den alten Koffer von Pico findet, dreht Nielsen die Zeitmaschine in die Jahre 1918/19 zurück, die Zeit der No­vemberrevolution, der Straßenschlachten zwischen Arbeiterbewegung und Freikorps. Pico, gerade aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, arbeitet als Kellner im Nobelhotel Eden und muss miterleben, wie dort in der ersten Etage die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht geplant wird. Ein spannender Politkrimi, der zu Diskussion und Recherche herausfordert.

Ein weiteres Kapitel europäischer Geschichte schlägt Jurga Vilé in der Graphic Novel Sibiro Haiku auf. ­Vilé erzählt die Geschichte ihres Vaters Algis. Er ist 13 Jahre, als die Familie wie viele litauische Familien im Juni 1941 von sowjetischen Soldaten nach Sibirien deportiert wird. Algis schildert aus seinem kindlichen Blickwinkel mit knappen Texten, wie die Deportierten dem Hunger und der Kälte mit mutigen Ideen und Solidarität trotzen. Dabei sind Ganter Martin, der Apfelchor und die Schwärmerei von Algis’ Tante für Japan entscheidend. Ihr gelingt es, ein Buch mit japanischen Haiku ins Lager zu schmuggeln. Haiku und Singen lassen die Hoffnung nicht untergehen. Im „Zug der Waisen“ kehren Algis und seine Schwester schließlich zurück nach Litauen. Die Illustratorin Lina Itagiki, auch ihr Großvater wurde nach ­ Sibirien deportiert, hat dazu mit detailreichen, ausdruck- und farbstarken, ebenso warmherzigen Bildern in dieser Graphic Novel eine berührende Bildwelt geschaffen. Sibiro Haiku ist für den Jugendliteraturpreis 2021 nominiert.

■ „Das Leben kann uns in ­finstere Wälder führen, und dieses Buch handelt von Menschen, die wir uns in solchen Situationen als Weggefährten wünschen würden“, so Cornelia Funke in ihrem Vorwort zu Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. 15 wahre Geschichten gegen Krieg, Gewalt und Machtmissbrauch von ­Heather Camlot. Sie ­erzählt von furchtlosen, einfallsreichen Menschen wie Stürmerstar Didier Drogbar, der Schlachtfelder in Fußballplätze verwandelte – Menschen, die „ihre Träume mit und für andere wahr werden lassen“ und eigentlich nicht nur Kinder und Jugendliche kennenlernen sollten.

Maren Gottschalk: Schluss. Jetzt wer ­ de ich etwas tun, Die Lebensgeschichte der Sophie Scholl. 264 S., Gulliver/Beltz & Gelberg, Weinheim 2021, ab 14 J.

 

Kirsten Boie: Dunkelnacht. 112 S., Friedrich Oetinger, Hamburg 2021, ab 15 J.

 

Leonora Leitl: Held Hermann. Als ich Hitler im Garten vergrub. 256 S., Tyrolia, Innsbruck 2020, ab 12 J.

 

Maja Nielsen: Tatort Eden 1919. 192 S., Gerstenberg, Hildesheim 2018, ab 13 J.

 

Jurga Vilé / Lina Itagaki (Ill.): Sibir ­ o Haiku, Eine Graphic Novel aus Litauen. Aus dem Litauischen von Saskia Drude, 240 S., Baobab Books, Basel 2020, ab 14 J.

 

Heather Camlot / Serge Bloch (Ill.): Stell dir vor, es ist Krieg und ­keiner geht hin. A. d. Engl. von Fabienne Pfeiffer. 40 S., Dressler, Hamburg 2020, ab 10 J.

Renate Müller De Paoli ist freie Journalistin.

RMDEP@t-online.de

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