Buchtipps

Der neue Iran: Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2017

Charlotte Wiedemann: Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten.
München: dtv 2017. 288 S., Hardcover. ISBN 978-3-423-28124-9.
€ 22,00

Iran tritt uns heute als wichtige Macht entgegen. Ein selbstbewusster Vielvölkerstaat, in dem nur jeder Zweite Persisch als Muttersprache hat. Mit dem revolutionären Iran von 1979 hat das Land nur noch wenig gemeinsam. Die Islamische Republik säkularisiert sich immer mehr, die westliche Vorstellung eines tiefreligiösen Gottesstaates ist nicht zutreffend. Charlotte Wiedemann legt ein umfassendes Gesellschaftsporträt des modernen Iran vor. Sie führt von der großstädtischen Theaterszene zum schiitischen Volksislam, von der kurdischen Sufi-Zeremonie zum Sabbat in einer jüdischen Familie. Sie erklärt, wie die Ansprüche der Frauen das Land verändert haben – ihr Bildungsgrad ist hoch, es studieren mehr Frauen als Männer – und welch subversive Lebenskunst die politische Willkür hervorgebracht hat. Sie analysiert das Weltbild der Iraner, ihre in Jahrhunderten kolonialer Bevormundung entstandenen Ängste, ihren manchmal obsessiven Nationalstolz. Wer das Land verstehen will, muss dieses Buch von Charlotte Wiedemann lesen.

Von meiner ersten Reise durch Iran, rund dreizehn Jahre ist das nun her, blieb mir eine Begegnung besonders in Erinnerung. Ich saß in einer großen Familienrunde, Ärzte, Ingenieure, obere Mittelschicht. Das Gespräch begann mit einem Auftrag: „Bitte schreiben Sie Folgendes“, sagte eine Kinderärztin resolut: „Die Iraner sind beleidigt über das Bild, das im Westen von unserem Land gezeichnet wird. Alles, was hier schlecht ist, wird bei Ihnen aufgebauscht, und was gut ist, erwähnen Sie nicht.“
Alle um den Tisch stimmten ein, verteidigten den Iran, kritisierten den Westen. Erst als ich dies auf gebührend vielen Seiten meines Blocks notiert hatte, nahm das Gespräch abrupt eine andere Wendung. Nun wurde auf das politische System geschimpft, in allen erdenklichen Tonlagen, und der schlimmste Vorwurf lautete: Die Mullah-Regierung ist die zweite Invasion der Araber.
Es gibt in Iran ganz andere politische Milieus, andere Meinungen, andere soziale Schichten. Doch viele Iraner teilen den Grundton, den ich von dieser Begegnung an einem Nachmittag in Isfahan mitnahm: Achtet uns! Nationalstolz, ein waches Gefühl von Kränkung und eine Prise Hochmut: Diese Mischung habe ich immer wieder angetroffen.
Selbstbild, Fremdbild – wie die Iraner sich selbst sehen und wie sie aus dem Westen betrachtet werden, das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Es ist ein Buch über ein oftmals missverstandenes Land: unverstanden in seinem Selbstbewusstsein wie auch in seinen Ängsten. Eine Nation von achtzig Millionen Menschen, auf Distanz und Autonomie ebenso bedacht wie auf Respekt und Anerkennung.

(aus dem Vorwort von Charlotte Wiedemann)


Charlotte Wiedemann ist Journalistin und freie Autorin von Auslandsreportagen und Büchern mit dem Schwerpunkt „Islamische Lebenswelten“. Über Iran schrieb sie u.a. für DIE ZEIT, GEO, NZZ, Le Monde Diplomatique. Den Iran bereist sie seit vielen Jahren als Journalistin und als Privatperson.

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