Geschichte

Das verdammte Dritte Reich

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 5/2017

Ulrich Herbert: Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur (C.H. Beck Wissen). München: C.H. Beck, 2016. 134 Seiten. Kartoniert. ISBN 978-3-406-69778-4. € 8,95

Ulrich Herbert, geboren 1951, Professor in Freiburg im Breisgau, ist Herausgeber der Reihe „Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert“ bei C.H.Beck. Bände zu Großbritannien, Spanien, Italien, Jugoslawien und Polen erschienen 2010, Träume und Alpträume Russlands 2013, der Band zur Schweiz kam in 2. Auflage 2015 heraus. Doppelt oder dreifach so umfangreich wie die anderen war die 1456 Seiten starke Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert 2014 von Herbert selber (vorgestellt im fachbuchjournal 2016 | 3 auf den Seiten 7375). Für „C.H.Beck Wissen“ („…was alles auf 130 Seiten erklärt werden kann“, staunt die Frankfurter Allgemeine Zeitung) hat Herbert seine Zeitgeschichtsforschung zur Hitler-Diktatur konzentriert.

Die Geschichte des Dritten Reichs war nur in den ersten Jahren nach Hitlers Machtergreifung die eines regierten Territoriums in den Grenzen, die dem deutschen Zweiten Reich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs vom Versailler Friedensvertrag 1919 in Europa gezogen worden waren; auf alle überseeischen Besitzungen hatte verzichtet werden müssen. Danach griff es auf andere Länder über. Im März 1938 wurde Österreich in„Großdeutschland“ einbezogen, im Oktober 1938 das Sudetenland. Die Weltkriegs-Siegermächte sahen dem Risiko-Spiel der Gebietserweiterung friedenswillig zu bis zum Angriff auf Polen am 1. September 1939. Was folgte, war Europa- und Weltgeschichte.

Dem trägt Herbert Rechnung durch die „Proportionen der Erzählung“ (7): Er widmet der Zeit bis 1939 halb so viele Seiten (32-61) wie der Kriegszeit (62-122), und die auch außerdeutschen Entwicklungen vor 1933, die „wirkmächtig“ die Entstehung des Dritten Reichs beeinflussten, erzählt er auf gut zwanzig Seiten (9-31).

Wie im Werk von 2014 betont Herbert die Wirkmacht der Wirtschaftsentwicklung. Die Wandlung vom Agrar- zum Industriestaat vollzog sich in Deutschland später und rapider als in anderen europäischen Ländern. (Im „London, 25. Juli 1867“ datierten Vorwort zu Das Kapital schrieb Karl Marx: „Das industriell entwickeltere Land“ – „bis jetzt England“ – „zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.“) Bäuerliche und städtisch-handwerkliche Haushalte waren gewohnt, mit selbst aufzubringenden Mitteln auszukommen. Um in Großbetrieben zu produzieren, musste investiert werden; die Macht des Geldes wuchs. Der Arbeitskräfte-Bedarf sog Menschen vom Land in die Fabriken; ein neues Milieu besitzloser, von Bezahlung am Arbeitsplatz abhängiger Menschen entstand: das Proletariat. Es machte den alten Ständen, besonders dem Bürgertum, Angst. Doch in der „Gründerzeit“ vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 florierte Deutschland. Auch in der Weimarer Republik erlebte Deutschland fünf Jahre des Aufschwungs, ehe die Weltwirtschaftskrise ab 1929 die großen Industriestaaten „wie eine Explosion“ traf. Von Deutschlands 62 Millionen Einwohnern waren Anfang 1933 „sechs Millionen Menschen arbeitslos, und drei Millionen mussten kurzarbeiten – gegenüber 13 Millionen Erwerbstätigen“. (26f) Innerdeutsch betrachtet schien an der Misere die republikanisch-parlamentarische Regierungsweise schuld zu sein. Unter den vielerlei Gruppierungen der radikal-oppositionellen Rechten machte sich am spektakulärsten die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei bemerkbar dank ihres als Propagandaredner und Organisator begabtesten Vorsitzenden Adolf Hitler; Herbert nennt ihn (123) „charismatischen Führer“. Mit der Einbindung der NSDAP in die Regierung hofften die „nationalkonservativen Kräfte“ um den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, Deutschland „Alternativen“ zu bieten und „ein parlamentarisch nicht gebundenes Regierungssystem zu etablieren“ (32, 30). Die Berufung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ließ Hitler als seine persönliche Machtergreifung feiern. Nach dem Tod Hindenburgs im August 1934 machte Hitler durch Vereinigung von dessen Amt mit seinem Amt sich allein zum „Führer“. Innerhalb von eineinhalb Jahren war die Systemumwälzung zur NS-Diktatur vollzogen (37). Vor allem die „Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise“ hatten „den Aufstieg der NSDAP zur Massenpartei“ bewirkt (30) und Hitler an die Macht gebracht; entsprechend trugen hauptsächlich wirtschaftspolitische Maßnahmen der neuen Regierung breite Zustimmung ein. „Nichts hat die Stabilität des NS-Regimes in den Vorkriegsjahren so gestärkt“ wie die Reduzierung der Arbeitslosen bis Herbst 1934 auf 2,7 Millionen (44). Im Erleben des wirtschaftlichen Aufschwungs ließen die Regierten sich „gleichschalten“ in Ausrichtung auf den erfolgreichen „Führer“ zu einer einhelligen „Volksgemeinschaft“, in der Interessenunterschiede nicht mehr bestünden, also Gremien zu deren Austragung, wie Parlamente, unnötig wären (34f).

Die Ankurbelung der Wirtschaft geschah allerdings auf Pump. Um Steuererhöhungen zu umgehen, nahm der Staat inoffiziell Kredite auf. Milliarden flossen in die Rüstungsindustrie, 1938 beispiellose 74 % aller Staatsausgaben. Das NS-Regime wirtschaftete hin auf den Krieg, und der musste gewonnen werden, damit die Unterlegenen für die Schulden aufkämen. (44, 46) Besser als andere Deutsche war die kleine Minderheit jüdischstämmiger Deutscher, auch infolge ihrer Bildungsbeflissenheit, mit der neuen kapitalintensiven Wirtschaftsweise zurechtgekommen; ihr Durchschnittseinkommen war etwa fünfmal so hoch (39f). Gemäß der NS-Ideologie galten Nichtarier aus „Rasse“-Gründen als Volksfeinde. Am 9. November 1938 – auf den Tag genau fünfzehn Jahre zuvor endete der von Hitler angeführte Zug von Putschisten „an der Münchner Feldherrnhalle im Kugelhagel der Landespolizei“ (24) – entsetzte die Zerstörungswut bei den deutschlandweiten antijüdischen Pogromen die Beobachter (57). Am 30. Januar 1939 – sechs Jahre nach seiner Machtergreifung – prophezeite Hitler im Reichstag: „…wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“ (58f)

Nach deutscher Wirtschaftsplanung hätte der Krieg erst 1942 oder 1943 ausbrechen sollen (63). Aber Großbritannien und Frankreich verloren die Geduld mit Deutschlands Gebietseroberungszügen und erklärten am 3. September 1939 den Krieg. Die deutschen Kampfhandlungen in Polen, am Monatsanfang begonnen, waren am 28. September abgeschlossen. Hitler und Stalin teilten, wie im Pakt vom 24. August 1939 vereinbart, Polen unter sich auf (61). Vor dem 1. September hatten in Polen 35 Millionen Menschen gelebt; bis 1945 kam jeder Sechste um (62).

Im Frühjahr 1940 begann der Westfeldzug. Hitler befahl „gegen die Auffassung der meisten Generäle“ den Angriff auf Frankreich über die Ardennen. Nach dem schnellen Sieg – am 22. Juni wurde der Waffenstillstand abgeschlossen in demselben Eisenbahnwagen im Walde von Compiègne, in dem 1918 mit umgekehrten Rollen verhandelt worden war – rief General Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Hitler zum „Größten Feldherrn aller Zeiten“ aus (64). Bei Herbert steht nicht, dass daraus umgehend und keineswegs schmeichelhaft gemeint „Gröfaz“ wurde, auch nichts von den Witzen, mit denen unter politischem Druck der „Volksmund“ sich Luft schafft; die aufgeschnappten neuesten erzählten wir uns unter Freundinnen auf dem Schulweg in der Straßenbahn.

Ab Kriegsbeginn wurden in Deutschland Lebensmittel und Konsumgüter rationiert (64). Es gab über den Ladentisch nur das zu kaufen, was der Bezugschein, in Kästchen für die jeweilige Menge unterteilt, vorsah, wenn es denn im Laden vorhanden war; hoffend, das sei der Fall, stand man in der Schlange an. (Einmal während langen Wartens überlegte ich, wie Einkaufen anders als nach Vorschrift wohl zu tätigen wäre.) Die für „Normalverbraucher“ eingeplanten Kalorien reichten zum Lebenserhalt nicht; hinreichende Lebensmittelzuteilungen bekamen nur kriegswichtige Menschen, wie „Schwerarbeiter“. Auf dem Schwarzmarkt gab es für viel Geld mehr. Herbert zitiert eine am 23. März 1942 beim Sicherheitsdienst (SD) der NSDAP-Schutzstaffel (SS) eingegangene Meldung: Aus der Arbeiterschaft kämen Beschwerden, dass „sich ein großer Teil der sogenannten bessergestellten Kreise aufgrund ihrer Beziehungen und ihres größeren ‚Geldbeutels‘ zusätzlich zu den ihnen zustehenden Lebensmitteln irgendwelche Mangelware beschafft“ (106).

Vom 22. Juni 1941 an drangen deutsche Truppen in die Sowjetunion ein, in die Weiten, die, menschenleer gemacht, Deutschlands Kolonialgebiet in Osteuropa werden sollten (77). In „kriegswirtschaftlichen Planungen“, am 2. Mai 1941 für die Akten notiert, war einkalkuliert, dass „voraussichtlich zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird“. Wirtschaftspolitische Richtlinien deklarierten am 23. Mai 1941: „Viele 10 Millionen Menschen werden in diesem Gebiet überflüssig“ (78). Das planmäßig herbeigeführte Massensterben war das „schrecklichste Verbrechen der Deutschen während des Zweiten Weltkriegs“ (81) neben der „ohne jede Sentimentalität“ (Tagebuch-Eintrag von Joseph Goebbels 13.12.1941) in die Wege geleiteten „biologischen Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa“ (Alfred Rosenberg am 18.11.1941 in einer Rede vor Journalisten). „Es ist gut, dass uns der Schrecken vorangeht, dass wir das Judentum ausrotten“, äußerte sich Hitler am 25. Oktober 1941 gegenüber Reinhard Heydrich und Heinrich Himmler. (91)

Herbert konstatiert: Im Zweiten Weltkrieg wurde die NS-Diktatur zu einer „Schreckensherrschaft, die alle bisher gekannten Dimensionen überstieg“ (124).

Am 11. Dezember 1941 traten die USA in den Krieg ein. Ab Sommer 1942 nahmen amerikanische Flugzeuge an den britischen Luftangriffen auf Deutschland teil. Herbert meint, „vermutlich hat der Bombenkrieg die Solidarität der Deutschen mit dem NS-Regime eher noch bestärkt als erschüttert“ (108). Bei den Fliegeralarmen dreimal täglich und den Hunderten Bombardierungen Hannovers habe ich unter den Menschen im Luftschutzbunker –dem eine Sprengbombe eine Dachecke abschlug – gespürt, dass uns halbbewusst deutlich war: Die Lebensbedrohung, auf die wir gefasst sein mussten, rührte von der eigenen Seite der gegeneinander Kriegführenden her. „Im Sommer 1942 erreichte der deutsche Herrschaftsbereich seine größte Ausdehnung“ (96) – von Narvik in Norwegen bis Nordafrika, von der Atlantikküste bis Stalingrad an der Wolga. Dann kehrte die Bewegungsrichtung um. Auf Druck von allen Seiten wurde die Front „begradigt“ zurück in das Territorium, von dem die Expansion ausgegangen war.

Eine der im Vorwort 2016 (8) angekündigten Akzentänderungen gegenüber 2014 bemerkte ich in Herberts Beurteilung des Widerstands. Der innerdeutsche, der aufflog, als am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler misslang, habe angestrebt, hieß es in der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, „der Nachwelt zu überliefern, dass es überhaupt ein anderes Deutschland als dasjenige Hitlers gegeben hatte“ (2014, 527). Nun heißt es von den deutschen Planern des Umsturzes (2016, 117): „Anfangs oft Unterstützer oder gar begeisterte Anhänger der ‚nationalen Diktatur‘, wurden sie angesichts der Gefahr einer militärischen Niederlage und des Untergangs des Deutschen Reiches zu Gegnern des NS-Regimes.“ Widerstand in den von Deutschland besetzten Ländern habe seine Bedeutung darin gehabt, „dass das eigene Land nach dem Sieg über Deutschland einen politischen Anspruch darauf erheben konnte, zu den Siegern, nicht zu den Kollaborateuren der Besiegten zu gehören“ (104). Ob als Alibi, ob als rechtzeitiges Verlassen des sinkenden Schiffs – solcher Widerstand war weder „wirkmächtig“ (7) gegen das Dritte Reich noch bereitete er für das Nachkriegseuropa zukunftsträchtigere Regierungsformen vor (118).

Ich hoffe, das Urteil über die innerdeutsche Konspiration bleibt nicht Herberts letztes Wort in der Sache, sondern ist, wie er im Vorwort 2016 zum Buch schreibt, „nur als ein Zwischenergebnis zu verstehen“ (8).

Hitler, der seit dem 30. Januar 1933 die Macht über Deutschlands Geschichtswirken im Griff haben wollte, endete durch Selbstjustiz, erschossen von eigener Hand am 30. April 1945 im Bunker der Reichskanzlei in Berlin.

Dass in dem apokalyptischen Schuldzusammenhang unter der Wolke der vom Dritten Reich heraufbeschworenen „Verdammnis“ (Römerbrief 9,22) überhaupt anderes als RegimeHörigkeit vorkommen konnte und nach dem Ende Leben erlöst neu werden durfte, stimmt nur dankbar. Als Hannover den Siegertruppen kampflos übergeben worden war und der Lärm der Sirenen und Bomben auf einmal schwieg, sang des Nachts die Nachtigall.

Dieser Band der Reihe C.H.Beck Wissen löste sich bei meiner Auseinandersetzung mit ihm in einzelne Seiten auf. (it, Jahrgang 1930)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 nebenamtlich Kolle giums mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg.

itoedt@t-online.de

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