Psychologie

Das Leben auf die Reihe bringen

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 1/2020

„Was mich zu Tränen rührt? Mich rührt nichts zu Tränen. – Doch, warten Sie: Mich rühren die Flüchtlinge zu Tränen, die jeden Tag vor den Küsten im Meer ertrinken.“ (Daniel R., 33 Jahre, 10 Jahre abgeleistete Haft wegen Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität)

Ich behandelte Daniel R. über fünf Monate stationär gegen seine Mehrfachabhängigkeit von Drogen. Es sei „die längste Clean-Zeit seines Lebens“ gewesen; die vier Jahre Jugendhaft im Alter von 16 bis 20 das Traumatischste, was ihm je widerfahren sei; die JVA der größte Drogenumschlagsplatz; sein Seelenleben etwas Abartiges, das er mit seiner „beschämenden Gossensprache“ jemandem Feinen wie mir nicht zumuten könne; sein Kopf voller hässlicher Bilder und Gedanken, die er nicht kommunizieren könne. Eine Therapie habe er noch nie bekommen. Über die gesamte Behandlungsdauer von Daniel R. stellte ich mir die Frage: Wohin, wenn das hier zu Ende ist? Wo gibt es einen Platz, an dem dieser Mensch, dessen Berufswunsch es ist, Postbote zu werden, weil er sich beim Laufen schon immer am wohlsten gefühlt habe, den Menschen erfreuliche Botschaften bringen und am Gartenzaun ein Schwätzchen halten wolle, sich nach seinem Potenzial entwickeln kann? Zwar habe ich bis heute keine Antwort gefunden, jedoch die Begegnung mit Daniel R. zum Anlass genommen, mich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Gefunden habe ich viele Gleichgesinnte, die sich um Lösungen bemühen.

Die hier vorgestellten Titel stellen eine Zufallsauswahl dar. Sie spannen einen kulturellen, gesellschaftlichen und entwicklungspsychologischen Bogen von der KITA bis ins Berufsleben. Durch alle zieht sich ein roter Faden: Das menschliche Leben ist eine Komplexleistung und Sprache die Struktur, die sie zusammenhält. Sprache erlaubt die Steuerung und Bewertung emotionaler Reaktionen bei sich selbst und dem interagierenden Gegenüber. Und dabei geht es eben nicht um die so vehement geforderte digitale Vernetzung, sondern um die Ausbildung innerer psychischer Strukturen, die den Spracherwerb und somit die Kommunikationsfähigkeit und eine günstige Entwicklung überhaupt erst ermöglich. Für eine gelingende Sprachentwicklung braucht es gelingende, möglichst frühkindliche, Beziehungserfahrungen. Ein Mensch, der sich nicht mitteilen kann, der Mitteilungen nicht dekodieren kann, der verstrickt sich, gerät unter Anspannung und wird in die Irre geführt.

Die Autoren der vorgestellten Titel arbeiten seit vielen Jahren mit auf die eine oder andere Art „Ent-mündigten“, meist jungen Menschen, und versuchen, ihnen bei der Entwicklung gesunder zwischenmenschlicher Beziehungen zu helfen. Was ihre Arbeit schwierig und zäh macht, sind nicht so sehr ihre Klienten, diese auch, aber diese sind lernfähig, wenn man „der Zeit den Raum gibt“ (Zitat eines Patienten). Schwierig ist das System, der vorgegebene Rahmen und knapp bemessene Raum, in dem sie sich entwickeln sollen; unter anderem deshalb, weil es in diesem System – trotz zahlreicher aufschlussreicher Forschungsergebnisse – noch keine gemeinsame Sprache gibt. Strukturen, die heute gelten, werden morgen wieder über Bord geworfen. Ein weiterer gemeinsamer Nenner der vorliegenden Titel ist die Erkenntnis, dass Potenziale und Fertigkeiten in uns allen angelegt sind; wir müssen sie nicht neu erfinden, sondern sie gemeinsam kultivieren. Von Seiten des Behandlers geschieht dies nicht durch einen „Methodenkoffer“, sondern durch die Entwicklung einer eigenen persönlichen Haltung hin zu einem wohlwollenden Begleiter und Sparring-Partner, der sich als Reibfläche und Rahmen gebendes Modell für ein sozialkompetentes Wachsen eignet. Die Entwicklung einer solchen Haltung ist eine Lebensaufgabe, denn ein selbstbewusstes, voll-mündiges Gegenüber ist anstrengend und fordert die kontinuierliche Auseinandersetzung mit uns selbst. Davon zeugt nicht zuletzt das langjährige Engagement der hier vorgestellten Autoren in ihren Berufen.

Alle hier vorgestellten Titel beruhen auf Ergebnissen wissenschaftlicher Studien. Leider ist die Präsentation zum Teil – aus welchen Kompromissgründen auch immer – recht stark verkürzt. Um Autoren und Projekten gerecht werden zu können, musste ich in einigen Fällen noch zusätzlich im Internet recherchieren.

Rahn, Ewald, Menschen mit Borderline begleiten, Reihe: Praxis Wissen, Psychiatrie Verlag, Köln 2019, 160 S., kartoniert, ISBN 978-3-88414-964-5. € 20,00

Ewald Rahn ist stellvertretender ärztlicher Direktor der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein und Chefarzt der Abteilungen Allgemeine Psychiatrie und Suchtmedizin.

Menschen mit einer durchgängig ausgeprägten emotionalen Instabilität und Stressintoleranz sowie einer turbulenten und die Umwelt stark in Mitleidenschaft ziehenden Psychodynamik erhalten oft die Diagnose „Borderline-Persönlichkeit“. Was das impliziert und worum es dem Autor geht, lässt sich am besten mit seinen eigenen Worten beschreiben (Auszüge aus einem Interview im Deutschen Ärzteblatt, pp 18, Ausgabe November 2019, Seite 508; geführt von Uwe Britten) Diese emotional sehr instabilen Menschen bringen oft das Problem mit, dass kaum noch ein soziales Netz besteht, weil ihre Umwelt mit Unverständnis auf ihr Verhalten reagiert. Diesen Mangel an psychosozialer Eingebundenheit im Lebensalltag bringen sie mit in die therapeutische Hilfe. Sie empfinden eine große innere Leere und fühlen sich einsam. Das Bedürfnis, dass das anders werden soll, wird dann stark ins Hilfesystem hineingetragen. Aber genau das übersteigt die Möglichkeiten einer professionellen Hilfe. … die Schnittstellen in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Hilfe sind in Deutschland nicht gut entwickelt. Wir haben ein zu gegliedertes und zu wenig verbundenes Hilfesystem. … Wir müssen uns jedoch um eine gemeinsame Sprache dafür bemühen, um was es geht und was wir tun können. Gerade Borderline-Kranke brauchen sehr komplexe Leistungen, Ausgewogenheit von Nähe und Distanz. Dazu gehört auch, genau auszuhandeln, was in der jeweiligen Helferbeziehung stattfinden kann und was nicht. Zum einen spielen die Schwierigkeiten bei der emotionalen Regulation eine Rolle. Es entsteht eine Unsicherheit darüber, wie zuverlässig ein anderer wirklich ist, also auch ein Therapeut. Um das Misstrauen zu beschwichtigen, muten diese Menschen den anderen viel zu, auch Helfern. … Es darf nicht darum gehen, dass Therapeuten von Anfang an Ausschlusskriterien für die Patientinnen und Patienten aufstellen, sondern es müssen Kriterien dafür entwickelt werden, wie die Zusammenarbeit gesichert werden kann.

Viele Aspekte und Dynamiken der von Ewald Rahn beschriebenen „Borderline“-Symptomatik sind Stressreaktionen auf Bedrohung und lassen sich in Krisensituationen und bei psychischen Erkrankungen ubiquitär wiederfinden. Das konzeptionell gut durchdachte, kompakte und sehr verständlich geschriebene Hand- und Referenzbuch ist deshalb auch unabhängig von „Borderline“ wertvoll und nützlich. Es eignet sich als Einstiegsliteratur für Novizen, Betroffene und Angehörige, ist gleichzeitig hilfreiches Nachschlagwerk für erfahrene Praktiker. Besonders gefallen hat mir der multi-perspektivische, wertschätzende und Einsicht fördernde Umgang mit der Patientengruppe. Das kleine, feine Buch fokussiert auf das, was relevant ist. Die praktische Erfahrung des Autors und sein authentisches Bemühen um Erfahrungs- und Wissensvermittlung werden auf jeder Seite spürbar. Ein Buch auf Augenhöhe.

 

Bärtsch, Bettina; Huber, Micheline, Jobcoaching für Menschen mit psychischer Erkrankung, Psychiatrie Verlag Köln, 2019, Reihe: Praxis Wissen, 160 S., kartoniert, ISBN 978-3-884 ­14-687-3. € 20,00

Bettina Bärtsch ist Psychologin, Coachin, Supervisorin und UnternehmensCoachin in eigener Praxis und hat die Abteilung Supported Employment der Universitätsklinik Zürich mit aufgebaut und 15 Jahre lang geleitet. Micheline Huber ist Psychologin, systemisch-lösungsorientierte Beraterin, Lehrbeauftragte an der Hochschule Luzern und Jobcoachin bei der Sozialversicherungsanstalt Zürich.

In Bezug auf Konzept, Praxisrelevanz und Autoren-Engagement ist das Buch ähnlich begeisternd wie der zuvor besprochene Band. Das macht Lust auf mehr Bücher aus dieser Reihe!

Die von den Schweizer Autorinnen vorgestellten Programme des „Supported Employment“ (SE) und „Individual Placement and Support“ (IPS) fand ich überaus nützlich, sie sind mir in Deutschland jedoch noch nie in der Praxis begegnet. Ich war deshalb beim Lesen zunächst verwirrt – so ein tolles Konzept, warum kenne ich das nicht? – dann zugegebenermaßen etwas verärgert bei dem Gedanken, dass mir da ein unerreichbarer Honigtopf schmackhaft gemacht wird. Trotzdem liefert die Lektüre viele wertvolle und umsetzbare Ideen für Praktiker aller Berufsgruppen, die mit psychisch erkrankten Betroffenen, auch in Deutschland, zu tun haben. Es fordert nachdrücklich und nachvollziehbar auf, bei der Arbeit mit diesen Menschen nicht nur den eigenen Wirkbereich zu fokussieren, sondern immer das psychosoziale Netz als Ganzes mitzudenken. Individual Placement and Support (individuelle Vermittlung und Unterstützung) folgt dem Prinzip „Zuerst platzieren, dann trainieren“. Mit Hilfe eines Job-Coachs werden psychisch kranke Menschen direkt in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt, ohne den Zwischenschritt über eine geschützte Werkstatt. Diese in den USA sehr erfolgreiche Methode wurde in einem Modellversuch in sechs europäischen Zentren überprüft. Als Erstes klären die Job-Coachs die Ressourcen des oder der Stellensuchenden ab. Auf dieser Basis werden realisierbare Ziele formuliert. Anschließend folgt ein intensiver Bewerbungssupport. Wenn der/die Bewerbende eine Stelle gefunden hat, setzt der Job Coach seine Betreuungsfunktion nahtlos fort. Er oder sie bleibt ständiger Ansprechpartner für die psychisch behinderte Person ebenso wie für den Arbeitgeber. Job-Coachs verfügen über ein umfassendes Beziehungsnetz im ersten Arbeitsmarkt und sind in der Lage, zu allen Beteiligten eine Vertrauensbasis aufzubauen. Diese ist gerade auch für Arbeitgeber sehr wichtig, da psychische Krankheiten starke Verunsicherungen auslösen. Gegenüber der behinderten Person ist der JobCoach solidarisch, was nicht mit kritikloser Schutzfunktion gleichzusetzen ist. So wird allfälliges Fehlverhalten offen thematisiert. Die Maßnahme ist zeitlich nicht limitiert. Ein Job-Coach betreut maximal 25 Personen und ihre Arbeitgeber. Die meisten Kontakte sind Sofortinterventionen und demzufolge telefonisch oder elektronisch. (Diese Zusammenfassung von IPS und SE wurde entnommen aus: http://www.panorama.ch/pdf/2008/pan083d10.pdf)

In meiner Berufspraxis vermisse ich genau diese Funktion des Jobcoaches als nachhaltig integrierende und vernetzende Kraft. Aus meiner Erfahrung sind die Dinge sehr „verhackstückt“: ist ein Patient aus der Klinik entlassen, wird er auf Wunsch zwar noch von wechselnden Sozialarbeitern ambulant begleitet, aber es fehlen die Kontinuität und oft auch die nötigen Qualifikationen – was Patienten mürbe macht und „aussteigen“ lässt. Zu Integrationsfachdiensten oder Reha-Beratern fehlt oft gänzlich der Zugang, weil die Hürden, dort vorstellig werden zu dürfen, viel zu hoch sind: man braucht die „richtige“ Diagnose, das entsprechende medizinische Gutachten, oft ist Widerspruch gegen einen negativen Bescheid nötig. Kommunikation mit den Unterstützung Suchenden erfolgt oft nur auf schriftlicher Ebene und mit wechselnden Ansprechpartnern. Der selbständige Gang von einer Institution zur anderen ist selbst für relativ gut strukturierte Menschen eine Überforderung, Schwächere steigen da aus. Oft läuft die Maßnahme genau dann wieder aus, wenn es endlich zu einem guten Arbeitsbündnis gekommen ist.

Ein persönlicher E-Mail-Austausch mit Bettina Bärtsch hat zusätzliche Klarheit geschaffen, die ich mir im Buch gewünscht hätte: Flächendeckend sei das Modell in der Schweiz nicht implementiert, aber in der Deutschschweiz stark vertreten. Auch in der Schweiz sei es eine Herausforderung, da einerseits nicht überall Jobcoaching drinstecke wo es draufstehe und andererseits Jobcoaches an der Schnittstelle zwischen Gesundheitswesen und Arbeitswelt arbeiten. Die Finanzierung sei regional unterschiedlich, vorwiegend laufe sie über die Invalidenversicherung. Die Anzahl Jobcoaches in der Schweiz sei schwierig zu beurteilen, da es kein geschützter Titel sei. Die Jobcoaches arbeiten zum Teil in Kliniken, bei der Invalidenversicherung, in Institutionen oder als selbständig Erwerbende (im Auftrag von Invalidenversicherung oder Arbeitgeber). Auch in Deutschland gebe es vereinzelt Kliniken mit reichem Angebot an Job Coaches.

 

Galli, Thomas, Knast oder Heimat? Erzählungen von Recht und Unrecht, Rhein-Mosel-Verlag, Zell/Mosel 2019, 166 S., Broschur, ISBN 978-3-89801-425-0. € 9,90

Thomas Galli, Kriminologe und Jurist, war über 15 Jahre in leitenden Funktionen im Strafvollzug tätig, zuletzt als Leiter von zwei Justizvollzugsanstalten. Er arbeitet heute als Autor und Rechtsanwalt.

„Knast oder Heimat?“ ist ein erzählendes Sachbuch. Der Autor vertritt in seinem Beruf als Anwalt die Gruppe der in seinen erzählenden Büchern vorgestellten Protagonisten, also mehr oder weniger Randgruppen der Gesellschaft, die keine Lobby haben. Er bekommt dadurch tiefe Einblicke in die rechtlichen und sozialen Systeme, in denen sich diese Klienten bewegen und betrachtet diejenigen, die die Rahmenbedingungen in diesen Systemen gestalten. Diese Gestaltung, so Thomas Galli, passiert nicht selten aus politisch taktischen oder selbstgefälligen Gründen und allzu oft ohne antizipatorisches Durchdenken der ethischen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Der Autor fragt sich – mit nach meinem Dafürhalten zunehmend wahrnehmbarer Verbitterung, aber wie in all seinen Büchern mit dem Mut zur unbequemen Meinung –, auf welcher Seite des (Gefängnis-)Zaunes und auf welcher Seite des Erdballs das größere Unrecht geschieht; ob es auf der „legalen“ und „westlichen“ Seite vielleicht nur besser kaschiert ist? Galli gibt Einblicke in seine Berufspraxis, die oft von eigener „systemischer Hilflosigkeit“ geprägt zu sein scheint, und er fordert uns zum Nachdenken über Recht und Unrecht heraus. Er bringt uns seine Mandanten und „Fälle“ als Protagonisten in für uns unvorstellbaren Lebensgeschichten näher, in denen sich ihr passives Erleiden von Unrecht und aktives Recht-Brechen sowohl im Herkunfts- als auch im Zufluchtsland zu einem nicht mehr entwirrbaren dynamischen Geflecht entwickeln, aus dem es keinen Ausweg gibt. Im vorliegenden Buch sind es Geflüchtete, die im „System Deutschland“ nach ihren Möglichkeiten begonnen hatten Fuß zu fassen und aufgrund verschiedener Umstände, auch politisch motivierter, einen nochmaligen jähen Abbruch in ihrer Biografie erlebten. Jedes Aufdröseln am einen Ende des Wollknäuels produziert eine Verwicklung am anderen. Zurück bleibt ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Kopfschüttelns und der kafkaesken Ohnmacht. Thomas Galli lässt uns an seiner Hilflosigkeit teilhaben, er kaschiert sie nicht; und er hinterfragt die Zusammenhänge kritisch. Er macht es sich und uns nicht leicht, denn in seinen Geschichten – wohl auch in seiner täglich gelebten Realität – gibt es selten ein Happy End.

 

Möller, Christoph, Jugend Sucht. Ein Präventionsbuch – ­ Ehemals Abhängige berichten., 5., erw. und überarb. Auflage, W. Kohlhammer, Stuttgart, 2020, 143 S., kartoniert, ISBN 978-3-17-036559-9. € 20,00

Christoph Möller ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Kinderkrankenhaus Auf der Bult, Hannover, und Leiter der Suchttherapiestation Teen Spirit Island. Das schmale Buch ist vor allem geeignet für Praktiker und Leser, die sich für den Fachbereich Sucht und Jugend interessieren und selbst noch wenig Erfahrung damit gesammelt haben; sich also einen ersten Eindruck verschaffen möchten.

Recht kurze, zusammenfassende Überblicke über Suchtstoffe und Entwicklung von Suchtverhalten, in der 5. Auflage um das Kapitel Mediensucht und Digitalisierung erweitert / knappe Vorstellung des Resilienzkonzepts inklusive seiner wichtigsten Vertreter und Vorreiter / knappe Vorstellung des Behandlungskonzepts auf der vom Autor geleiteten Station für Substanz- und Medienabhängige Jugendliche „Teen Spirit Island“ in Hannover / zwölf vom Autor geführte Interviews mit teils schwer abhängigkeitskranken jugendlichen PatientInnen, welche eine Langzeitbehandlung (im allgemeinen mindestens zwölf Wochen Behandlungszeit) auf Teen Spirit Island durchlaufen haben. Betroffen machend: der oft sehr frühe Beginn einer schwer destruktiven Erkrankung (die Interviewten sind teils unter 14 Jahre alt), welche unbehandelt Biografien zerstört und persönliche Reifung und Entwicklung unmöglich macht. Bemerkenswert: die stringenten, synthetisierenden Narrative der einst schwer erkrankten PatientInnen und ihr hoffnungsfroher Blick in die Zukunft. Beides mit Sicherheit ein Verdienst der ganzheitlichen und phasenübergreifenden Behandlung auf Teen Spirit Island.

Wichtig zu wissen: Jugendliche Konsumenten psychotroper Substanzen, die eine Abhängigkeit entwickeln, gebrauchen das Suchtmittel meist als Selbstmedikation gegen unerträgliche Affekte, die ihren Ursprung in einer psychischen Erkrankung oder Traumatisierung haben. Übermäßiger Drogen- und Medienkonsum dienen weit mehr dem emotionalen Rückzug aus einer überfordernden Umwelt als dem Lustgewinn.

Der Autor umreißt für uns (s)eine Erfolgsgeschichte, die leider – wie der Name schon sagt – meiner Erfahrung und meinen Recherchen nach in dieser Form nur auf dieser einen kleinen Insel mit 18 Behandlungsplätzen stattfindet. In ihren Grußworten würdigen Ursula von der Leyen und Doris Schröder-Köpf den Autor und sein Behandlungskonzept. Dadurch erwecken sie möglicherweise den Eindruck, es sei alles Not-Wendige schon getan. Der wesentliche Redeanteil im Buch liegt bei den beeindruckenden Jugendlichen, die gehört werden wollen und sollen. Der im Buchtitel angekündigte Präventionsteil – also die politische, gesellschaftliche und elterliche Verantwortung, Jugendlichen ein gesundes, ihrem Potenzial entsprechendes Aufwachsen zu ermöglichen – ist, gemessen an meinen Ansprüchen an ein Buch dieser Art, oberflächlich und dünn.

Es wäre schön, wenn auf Teen Spirit Island ein großer Leuchtturm stünde und der Präventionsteil ein größeres Stück vom Lichtkegel abbekäme – sowohl in Form von Buchseiten als auch in Form von finanzieller Förderung. Ansprechend finde ich die Homepage von Teen Spirit Island www.tsi-hannover.de. Dass darauf ein Spendenaufruf überhaupt nötig ist, macht traurig.

 

Remschmidt, Helmut, Wenn junge Menschen töten. Ein Kinder- und Jugendpsychiater berichtet, C.H. Beck, München 2019, 287 S., mit 4 Abb. und 5 Tabellen, Klappenbroschur, ISBN 978-3-406-74125-8. € 18,00

Helmut Remschmidt ist emeritierter Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Philipps-Universität Marburg und war Präsident der deutschen, der europäischen und der internationalen Gesellschaft für Kinderund Jugendpsychiatrie. Die Sachkunde des Autors, seine Aufbereitung, Gliederung und Gruppierung der 23 Falldarstellungen in einer

Form, wie sie vor Gericht tatsächlich verwertet werden, ist beeindruckend und lehrreich. Es wäre traumhaft, wäre jeder Arzt- und Entwicklungsbericht so detailliert, umfassend und klar geschrieben.

Bedenklich fand ich hingegen, dass ich einen der Fälle aus meinem Umfeld wiedererkannt habe und den konkreten Sachverhalt im World Wide Web nachrecherchieren konnte. Bedenklich auch, dass durch die Kondensierung von Fällen über einen Zeitraum von 20 Jahren ein falscher Eindruck bezüglich der Häufigkeit jugendlicher Tötungsdelikte entstehen könnte. Das Versprechen des Klappentextes – Aufzeigen wirklich zielführender Maßnahmen zur Gewaltreduktion – wurde für meine Begriffe im Buch nicht erfüllt. Nur 16 von insgesamt 284 Seiten sind am Ende des

Buches recht pauschal der Prävention gewidmet, und die Ursachen gewalttätigen Verhaltens kommen auf 18 Seiten am Anfang des Buches ebenfalls zu kurz. Überzeugt hat mich dieses Buch also nicht. Den Klappentext finde ich regelrecht ärgerlich, denn dort werden aus einem Forschungsanliegen plötzlich „spektakuläre Fälle“. Voyeurismus anstatt nachhaltiger Reflexion? Erst meine zusätzlichen Internet-Recherchen versöhnten mich mit dem Autor. In einem von Cordula Meyer und Beate Lakotta geführten SPIEGEL-Gespräch (file:///C:/Users/49151/ Documents/SPIEGEL_2013_06_90848702.pdf) präsentierte sich ein väterlicher Remschmidt, dessen jetzt erschienenes Buch das Kondensat einer wissenschaftlichen Langzeitstudie ist, in der er insgesamt 114 Jugendliche untersuchte (Helmut Remschmidt u. a.: „Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ursachen, Begutachtung, Prognose“. 2012, Springer Verlag, Heidelberg; 462 S., € 59,95). Das muss man wissen, um dem Autor gerecht zu werden. Remschmidt kritisiert ein veraltetes Strafrecht, das mit einem steinzeitlichen medizinischen Vokabular arbeite.Er plädiert dafür, dass für alle Täter bis 21 Jahre grundsätzlich Jugend- statt Erwachsenenstrafrecht gelten soll. Abschließend noch diese Zitate aus dem SPIEGEL-Gespräch. Sie fassen die Problemlage, mit der sich alle diese hier besprochenen Bücher beschäftigt haben, ganz gut in Worte.

• Es gibt erstaunliche Entwicklungen. Der Mensch ist eben kein Molekül. Er verändert sich.

• 10 Jahre Knast für eine 20-jährigen, meinen Sie nicht, das genügt?

• Wenn Sie bedenken, dass internationalen Studien zufolge rund 90 Prozent der jungen Inhaftierten psychische Probleme oder klare psychiatrische Diagnosen haben, dann müsste der Therapiegedanke sehr viel stärker Fuß fassen.

• Wenn junge Menschen einen Fehltritt begehen, dann ist das Leben nicht vorbei. Man muss sie befähigen, gemäß ihren Möglichkeiten etwas zu lernen und ihr Leben wieder auf die Reihe zu bringen.

Annett Pöpplein studierte Psychologie mit den Schwerpunkten klinische Psychologie und Kommunikationspsychologie. Noch während des Studiums veröffentlichte sie ein literarisches Sachbuch (Das halbe Herz, dtv-Verlag, 2012) und war als Referentin und Ratgeber-Autorin auf den Gebieten Organspende und angeborene Herzfehler tätig. Am Heidelberger Institut für Psychotherapie (HIP) und im Arbeitskreis Psychotraumatologie Darmstadt (KIPT) absolvierte sie ihre Ausbildung zur tiefenpsychologischen Psychotherapeutin mit Spezialisierung auf die Behandlung von Psychotraumata, Suchterkrankungen und strukturellen Störungen.

annett.poepplein@gmx.de

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