Editorial

… das ist Heimat

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 4/2018

Professor Dr. Jalid Sehouli gehört als Leiter der gynäkologischen Klinik der Berliner Charité zum Kreis der weltweit führenden Krebsspezialisten. In seinem Buch „Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen“ bezeichnet der Arzt mit marokkanischen Wurzeln – für mich überraschend und ziemlich sensationell – die Sprache als vergessene wichtigste Arznei. Ein Chefarzt, der über „Sprache als Medikament“ schreibt!

In unserem Interview, das ich in den Fokus dieser Ausgabe stelle, fordert er „einen Perspektivwechsel in der Medizin und unserer Gesellschaft“. Es könne einfach nicht sein, dass für eine Computertomographie 700 bis 800 Euro abgerechnet werden und für ein Gespräch über existentielle Fragen 21 Euro. „Wir müssen uns als Gesellschaft – und als Ärzte – die Frage stellen, ob uns Kommunikation und Beziehungen wichtig sind.“

Ein Arzt führt im Laufe eines Berufslebens etwa 200.000 Gespräche mit Patienten und Angehörigen. Dass Ärzte die Reflexion ihrer Kommunikationsgewohnheiten als echten Luxus betrachten, wie Sehouli in seinen Seminaren zum Thema Breaking Bad News immer wieder feststellen muss, ist da fast schon tragisch. „Ich bin Chirurg, aber die Chirurgie ist nur ein Teil der Geschichte. Meine Chirurgie ist wichtig, aber auch Kommunikation ist elementar.“ Er ist überzeugt, dass für Patienten mit lebensbedrohlicher Krankheit die offene und empathische ärztliche Kommunikation eine der wichtigsten Hilfen in der Auseinandersetzung mit der Krankheit ist. Lesen Sie selbst.

Neben vielen weiteren Büchern zu außergewöhnlichen Themen finden Sie, wie jedes Jahr in unserer Sommerausgabe, auch viele Besprechungen von Neuerscheinungen aus der Astronomie. Die sollen Sie natürlich wieder zu nächtlichen Erkundungstouren verführen und auch zum regen Staunen darüber, dass dieses fragile und von uns Menschen arg gebeutelte Ökosystem Erde sich in diesem unendlichen Universum überhaupt behaupten kann. Aber vielleicht öffnet dieser Blick zum Nachthimmel auch ganz neue intellektuelle Horizonte und erdet unschöne politische Diskussionen, zum Beispiel zum Thema Heimat?

„Was bedeutet Heimat für Sie?“ – Auf diese Frage antwortet der deutsche Astronaut Alexander Gerst in einem Interview mit chrismon (07/2018) so: Er beschreibt zunächst die drei Orte, an denen er in den letzten Jahren lebte, also die Trainingsorte im amerikanischen Houston und in Russland und seinen Wohnort in Köln. „Alle drei Plätze fühlen sich wie Heimat an. Überall sind Freunde, und abends gehen wir gemeinsam essen. Das hat sich geändert, als ich auf der Raumstation war. Da habe ich auf diesen Planeten heruntergeschaut und gedacht: Das ist ja schön, das ist meine Heimat da unten. Wenn man diesem Planeten wieder entgegenfliegt, dann ist da diese Aufregung: Jetzt geht es zurück in die Heimat. Und dann landet man nach dem Aufenthalt an Bord der ISS wieder in Kasachstan in der Steppe. Man riecht den torfigen, erdigen Boden und hat das Gefühl, das ist Heimat.“

Angelika Beyreuther

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