Landeskunde

China

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2019

Stephan Thome, Gott der Barbaren, Berlin: Suhrkamp 2018, 716 S., gebunden, ISBN 978-3-518-42825-2, € 25,00

Der Taiping-Aufstand (1851–1864) war der mörderischste und opferreichste Bürgerkrieg in der Geschichte der Menschheit. Ungefähr 20-30 Millionen Menschen sollen dabei umgekommen sein. Die Qing-Dynastie befand sich im Niedergang, als eine ethnisch vielfältige, religiöse Bewegung mystisch-apokalyptischer Art sich formierte und weite Gebiete in Südchina ihrer Gewalt unterwarf. Als Gründer der Sekte gilt Hong Xiuquan (1814–1864). Er stammte aus einer Hakka-Bauernfamilie und soll mehrfach die kaiserlichen Examina nicht bestanden haben. Unter der Erschütterung durch dieses Scheitern hatte er eine Vision, bei der er in den Himmel aufstieg und gewiss wurde, der jüngere Bruder Jesu und somit (auch) Gottes Sohn zu sein. Er entwickelte in der Folgezeit eine synkretistische religiöse Ideologie aus christlich-evangelikalen und volksreligiösen chinesischen Elementen. Der Zeit des Aufstieges seiner militanten Bewegung ging der erste Opiumkrieg voraus (1839–1842), in dessen Rahmen die Kolonialmächte England und Frankreich zunehmend Einfluss auf die chinesischen Verhältnisse nahmen.

Vor diesem angedeuteten Hintergrund erzählt Thome die Geschichte des Taiping-Aufstandes aus mehreren Perspektiven, die teilweise nur locker nebeneinanderstehen, teils enger verknüpft werden. Da sind zunächst die „Ausländer“, vor allem US-amerikanische und englische Missionare (darunter Rvd. James Legge, auf dessen China-Studien Max Weber aufgebaut hat), hohe britische Diplomaten und Offiziere (an ihrer Spitze Lord Elgin, Sohn des berühmten „Entführers“ des Parthenon-Frieses gleichen Namens, britischer Sonderbotschafter in China unter Premierminister Palmerston während des zweiten Opiumkrieges), ein Journalist sowie schließlich ein deutscher „1848er“, Philipp Neukamm, als Missionar der Basler Mission in Hongkong. Auch der Deutsche Karl Gützlaff kommt vor (charakterisiert als „Diplomat und Betrüger“). Sodann die „Aufständischen“, voran Hong Xiuquan, der sich selbst als „Himmlischer König“ bezeichnete, sowie seine führenden Mitkämpfer und Militärführer. Ferner die Vertreter des „offiziellen China“ der Qing-Dynastie (Kaiserin-Witwe und hohe Hofbeamte) und schließlich die „Hunan-Armee“ mit dem Oberbefehlshaber Zeng Guofan an der Spitze. Das Personal ist umfangreich und schwer überschaubar wie bei Tolstoj. Da zudem die Schauplätze wechseln und die Geschichte nicht durchgehend chronologisch aufgebaut ist, vieles auch in dem Riesenreich simultan geschieht, kann man schon leicht den Überblick und den roten Faden verlieren. Auf den vorderen und hinteren Innenseiten des Buches finden sich geographische Karten, einmal von Hongkong bis über Nanking hinaus, sodann für den Norden von Tianjin bis Peking. Manches ist aus der Ich-Perspektive des Philipp Neukamm geschrieben, anderes hat die Form von Zeitungsberichten, wieder anderes sind (fingierte) Selbstzeugnisse oder sonstige Dokumente. Neukamm, der in Hongkong den späteren Aufständischen Hong Jin kennengelernt hat, macht sich nach Beginn des Aufstandes auf den Weg nach Nanking, der Hauptstadt der Sektenbewegung. Unter dem chinesischen Namen Fei Lipu erlebt er schließlich die Eroberung Nankings durch die HunanArmee. An deren Spitze steht mit Zeng Guofan ein Gelehrter, der aus dem Reichtum des alten chinesischen Wissens schöpft und ein so genialer Kriegsherr ist, dass er am schwachen Kaiserhof als Bedrohung empfunden wird. Doch das ist noch nicht genug an Unübersichtlichkeit – die Briten versuchen erfolgreich unter Einsatz militärischer Drohungen (mit schwacher und von ihnen wenig geschätzter französischer Unterstützung) die Vertreter der Qing-Dynastie zu Handelsverträgen mit Niederlassungsfreiheit zu drängen. So bewegen sich die Personen des Romans zwischen den Aufständischen in Nanking und im Süden, dem Hof in Peking und den Briten. Die Anhänger des „Gottes der Barbaren“ werden dabei keineswegs nur als blutrünstige Terroristen gezeichnet – das waren sie freilich auch –, sondern auch als Anhänger einer mystischen Religiosität, die sich mit einer revolutionären Gleichheitsideologie und einem politischen Messianismus verbindet. So lässt Thome den „Himmlischen König“ einen Brief an Lord Elgin abfassen, in dem er Fragen kurz und knapp beantwortet. U.a. heißt es darin: „Auf eure Frage, nach Unseren Zielen antworten Wir, dass Gott Uns befohlen hat, Teufel und Dämonen zu besiegen und die zehntausend Nationen zur Wahrheit zu führen. Unser Ziel ist die Vernichtung all derer, die Gottes Gebote missachten.“ (163) Konsum von Opium, Tabak und Alkohol sind verboten; unzüchtiges Verhalten wird mit Enthauptung bestraft, „wie es Gottes Wille ist“ (164). Und dann folgen im Gegenzug Fragen an die „Barbaren-Brüder des westlichen Ozeans“, unterzeichnet mit dem „Siegel des Himmlischen Königs“.

Auch Zeng Guofan ist religiös und theologisch interessiert, aber aus der überlegenen Perspektive eines alten chinesischen Gelehrten. Ein weißer Missionar ist für ihn natürlich ein „leibhaftiger ausländischer Teufel“ (471), aber er lässt ihn reden und reden, auch über so (für einen Chinesen) absurde Dinge wie die Trinität (475). Auf der anderen Seite vollzieht der „Himmlische König“ auf seine Weise Rituale wie eine Taufe und deutet alles mit Anleihen aus der Bibel (602f). Die Briten schließlich stehen allen diesen Merkwürdigkeiten staunend und letztlich hilflos gegenüber. Dass sie in diesem Gewirr erfolgreich ihre Interessen durchzusetzen vermögen, ist ebenso in the long run nur ein Schein wie die Annahme der Missionare, in China ihre Botschaft vermitteln zu können.

Das Buch versucht, die Atmosphäre der Zeit der Opiumkriege, des Taiping-Aufstandes, der von außen erzwungenen Öffnung Chinas und des Niedergangs der Qing-Dynastie einzufangen. Die Länge des Romans mag der gewaltigen Ausdehnung des Landes und seiner Widersprüche entsprechen. Wieweit das Bild, welches so evoziert wird, historische Befunde angemessen einfängt, kann selbstredend nur ein kundiger Sinologe beurteilen.

Stephan Thome, geb. 1972 in Biedenkopf (Oberhessen), studierte Philosophie und Sinologie, bereiste viele Länder in Ostasien und lebt in Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan. (wl) ˜

Prof. Dr. Wolfgang Lienemann war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010 Professor für Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern, Schweiz.

wolfgang.lienemann@theol.unibe.ch

Diese Seite benutzt Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Datenschutzerklärung