Landeskunde

Begegnungen mit der Türkei

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2020

Die Türkei ist ein überragend wichtiger Partner der EU im Nahen und Mittleren Osten – nicht erst seit der Flüchtlingskrise. Zugleich beängstigt viele im Westen die innenpolitische Polarisierung des Landes – hier alte kemalistische, dort neue islamische Eliten. Auch Ankaras regionale Außenpolitik wirft Fragen auf. Höchste Zeit also, sich über das Land genauer zu informieren: Wie ticken Gesellschaft und Regierung? Bei der Suche nach Antworten helfen drei Bücher. Im ersten geht es vor allem um türkische Politik.

 

Neuss, Beate/Nötzold, Antje (Hrsg.), Türkei – Schlüsselakteur für die EU? Eine schwierige Partnerschaft in turbulenten Zeiten, Schriftenreihe des Arbeit ­ skreises Europäische Integration e.V., Band 103, Nomos Verlagsgesellschaft, 2018, 292 S., ISBN 978-3-8487-4497-8, € 59,00

Dieser Sammelband ging aus einer Tagung an der TU Chemnitz hervor, wo die Herausgeberinnen als Politikwissenschaftlerinnen wirken. Auch die zwölf Autoren sind überwiegend Politologen. Neuss und Nötzold wollen dreierlei erfassen: Das Verhältnis der Europäischen Union zur Türkei, die innenpolitische Lage des Landes seit dem Putschversuch von 2016 und Ankaras Außenpolitik in der Region.

Teil 1 analysiert Stand und Perspektiven der EU-TürkeiBeziehungen. Zunächst verdeutlicht Colin Dürkop, wie wechselvoll sich die gesellschaftliche Europäisierung der Türkei vom Osmanischen Reich bis heute darstellt, welche EU-Bilder in der Türkei inzwischen vorherrschen und inwiefern diese Bilder die gesellschaftliche Polarisierung und Veränderung des Landes widerspiegeln. Arndt ­Künnecke beschreibt aktuelle Spannungsfelder zwischen Brüssel und Ankara, beispielsweise das Flüchtlingsabkommen und Erdo˘gans neues Präsidialsystem. Anschließend bespricht er fünf künftige Beziehungsszenarien. Sie reichen von einer völligen Abkehr der Türkei von Europa bis zu einem neuen Grundlagenvertrag. Am wahrscheinlichsten sei ein „Weiter wie bisher“ (S. 49), also eine vornehmlich wirtschaftliche Zusammenarbeit bei weiterhin sehr schleppenden EU-Beitrittsverhandlungen. Marcus Engler schildert ausführlich, wie es zum Flüchtlingspakt zwischen der Türkei und der EU kam, woraus er im Einzelnen besteht, ob die Zusammenarbeit das Verhältnis der Partner verändert

hat und wie es weitergehen könnte. Seine Bilanz ist gespalten: Bei aller Detailkritik hält er eine Aufkündigung des Abkommens für unwahrscheinlich. Mustafa Nail Alkan beleuchtet das deutsch-türkische Verhältnis aus historischer, wirtschaftlicher und politischer Sicht. Auch er blickt vor allem auf den Flüchtlingspakt, an dessen Ausgestaltung Deutschland maßgeblich beteiligt war. Armin Staigis schließlich verortet das Dilemma von NATO und EU im Umgang mit der geostrategisch so wichtigen Türkei: Eine interessengeleitete Politik sei in diesem Land mit der westlich-demokratischen Wertebindung beider Organisationen nur schwer vereinbar, ein pragmatisches Vorgehen aber unabdingbar.

Teil 2 widmet sich den Folgen des Putschversuches, der die Türkei im Jahr 2016 erschütterte. Zu Beginn rechnet M. Murat Erdoğan mit dessen Auslegung durch den Westen und mit der Türkeipolitik der EU insgesamt ab. Er bemängelt zum Beispiel die „Erdoğan-Phobie“ Europas und bezeichnet das Flüchtlingsabkommen als „agreement be­ tween two losers“ (beides S. 169). Dirk Tröndle zeichnet den gescheiterten Putsch chronologisch nach. Daneben diskutiert er die polarisierte innenpolitische Lage in der Türkei, deutsche Reaktionen auf die dortigen Entwicklungen und weitere Spannungsherde wie die Kurdenproblematik. Kristina Dohrn legt dar, warum die Gülen-Bewegung für die neuen wirtschaftlichen Eliten Anatoliens attraktiv wurde: Traditionell-islamische Moralvorstellungen ließen sich mit Erfolgsstreben in der globalen Marktwirtschaft verbinden. Daneben vertieft sie, wie es zum Bruch Gülens mit Erdo˘gan kam, nachdem die kemalistischen Eliten der türkischen Republik von beiden gemeinsam zurückgedrängt worden waren.

Teil 3 befasst sich mit Ankaras Außenpolitik im Nahen und Mittleren Osten. Zunächst leitet Gülistan Gürbey den Kurdenkonflikt aus dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und der Friedensregelung nach dem Ersten Weltkrieg ab. Schätzungsweise 25 Mio. Kurden würden bis heute allein in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran leben. Die türkische Republik habe die inländischen Kurden 1923 quasi für „überhaupt nicht existent“ (S. 224) erklärt. Gürbey detailliert den „Guerillakrieg“ (ebenda) der kurdischen PKK gegen den türkischen Staat und dessen Antwort darauf. Außerdem geht es ihm um die Ursachen der jüngeren Gewalteskalation in Nordsyrien und um Erdo˘gans Streben, dort einen kurdischen Autonomiestatus wie im Nordirak zu verhindern. Magdalena Kirchner zeigt jenseits der Kurdenproblematik auf, wie Ankara zu einem Unruhestifter im Nahen Osten wurde – oder in ihren vornehmeren Worten zum „Instabilitätsakteur“ (S. 251). Ihr Beitrag betont, wie wichtig die Türkei einerseits für die westlichen Alliierten sei: So stelle das Land zum Beispiel die zweitgrößte Armee innerhalb der NATO und deren einzigen Nuklearstützpunkt in Irans Reichweite. Andererseits habe Erdo˘gan der regionalen Entwicklung immer wieder entgegengewirkt: Beispielsweise im Jahr 2013, als er am geschassten ägyptischen Präsidenten Mursi und dessen Muslimbruderschaft festhielt. So habe die Türkei nicht nur mit Ägypten gebrochen, sondern auch mit Saudi-Arabien. Hüseyin Ba ˘gcı und Serdar Erdurmaz schließlich kritisieren vor allem Ankaras Syrienpolitik unter Davuto ˘glu, dem Außenminister und späteren Ministerpräsidenten der Türkei. Sein Ziel, als neo-osmanische Ordnungsmacht zu wirken, sei gründlich verfehlt worden. Inzwischen versuche die Türkei realitätsnäher, vor Ort ein Gleichgewicht zwischen den USA und Russland zu erreichen. Der Beitrag fasst insofern den Beziehungsstatus der Türkei zur russischen und US-Regierung zusammen.

Der Tagungsband bietet vielfältige Einsichten aus unterschiedlichen Richtungen. Als Kostprobe weltanschaulicher Diversität diene das Verfassungsreferendum von 2017: Laut Brigadegeneral a.D. Staigis verabschiedete sich die Türkei mit dieser „seit Längerem geplanten Machtausweitung des Präsidenten“ vom westlichen Wertesystem und wurde „zu einem autoritären (Führer-)Staat“ (beide S. 123). Gemäß Politikprofessor Erdo˘gan dagegen setzte die türkische Bevölkerung hier „ein wichtiges Zeichen und beanspruchte die Demokratie für sich“ (S. 170). Insgesamt erhalten westliche Leser einen guten Überblick über die Beziehungen der EU zur Türkei und deren Wirken in einer geostrategisch wichtigen Weltregion. Beispielsweise lässt sich nach der Lektüre besser einordnen, was seit dem Rückzug der US-Truppen in Nordsyrien passiert. Jeder Beitrag bietet schließlich weiterführende Literaturquellen. Negativ fällt auf, dass die Referate fast durchweg auf Zusammenfassungen verzichten. Daneben steigert der Politologen-Jargon (z.B. S. 189 „Die Dichotomie konträrer Geschichtsnarrative“) das Lesevergnügen ebenso wenig wie umständliche Formulierungen (z.B. S. 8 „Die Kontextualisierung zeigt zugleich die Folgen für den Beitrittsprozess auf, die die Reaktion der Regierung auf den als traumatisch empfundenen Putschversuch zeitigten.“). Schließlich überschneiden sich die Referate deutlich, etwa zum Thema Flüchtlingspakt (z.B. bei Engler, Alkan und Erdoğan), den EU-Beitrittsverhandlungen und dem türkisch-deutschen Verhältnis (z.B. bei Alkan, Erdoğan und Tröndle), der Kurdenproblematik (z.B. bei Dohrn und Gürbey) oder hinsichtlich Davuto ˘glus Außenpolitik (z.B. bei Kirchner und Ba ˘gcı/Erdurmaz).

Wer weniger an türkischer Politik oder Wirtschaft interessiert ist, dafür mehr an der Kulturgeschichte des Landes, wird folgenden Titel mit Gewinn lesen.

Lerch, Wolfgang Günter, Begegnungen mit der Türkei: Geschichte, Kultur, Politik. Fünf Jahrzehnte zwischen Bosporus und Ararat, Verlag Frank & Timme, 2019, 316 S., ISBN 978-3-7329-0538-6, ­ € 29,80

Der Autor war über 30 Jahre lang Redakteur und Reisekorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Nordafrika und den Vorderen Orient. Er verwebt seine persönlichen Türkei-Eindrücke mit sprach-, literatur- und religionswissenschaftlichen Betrachtungen des Landes und seiner Vorläufer. Und resümiert auf S. 240: „Die türkische Gesellschaft ist, wenn auch reduziert, noch immer ein Osmanisches Reich im Kleinen, was ihre ethnische und religiöse Zusammensetzung betrifft.“ Die rund 30 Beiträge seines Buches bauen nicht aufeinander auf, sondern bieten ein kulturgeschichtliches Potpourri. Beispielsweise stellt Lerch türkische Schriftsteller jenseits des bekannten Nobelpreisträgers Orhan Pamuk vor, aber auch Satiriker, osmanische und zeitgenössische Dichter. Wer die aktuelle Rolle der Regierung Erdo˘gan im Nahen und Mittleren Osten besser einordnen möchte, könnte dagegen mit folgenden Beiträgen beginnen: Sprachgeschichte (S. 53 ff.), religiöse Strömungen (S. 119 ff.), osmanische Geschichte (S. 173 ff.), Kurden (S. 235 ff.) und Zypern (S. 286 ff.). Sprachgeschichtlich sei Atatürks Ziel, ein „reines Türkisch“ zu erschaffen, gescheitert. Wie das osmanische Türkisch enthalte die heutige Landessprache einen signifikanten arabo-persischen Wortschatz. Lerch unterfüttert hier ein Leitmotiv seines Buches: Dass nämlich der knapp hundertjährige türkische Nationalstaat Einflüsse aus 600 Jahren Osmanischem Reich nicht einfach wegwischen konnte. Dies zeige sich auch religionswissenschaftlich: Nicht nur Atatürks Laizismus sei zurückgedrängt worden. Auch islamische Gruppierungen würden Erdo˘gans „islamischen Kapitalismus“ (S. 129) kritisieren, der dem Geist des Korans widerspreche. Ankaras Öffnung für die globale Marktwirtschaft hatte dem Land vor allem zwischen 2002 und 2012 einen beeindruckenden Boom beschert und neue anatolische Eliten hervorgebracht. Das Osmanentum erlebt gemäß Lerch nicht erst seit Erdo˘gan eine Renaissance und sei differenziert zu beurteilen: Es überdauerte rund sechs Jahrhunderte – Rekord in der islamischen Welt. Seine Erfolgsfaktoren hätten unter anderem darin gelegen, dass die Verwaltung lange gut funktionierte und religiöse Minderheiten eingebunden waren. Der türkische „Neo-Osmanismus“ (S. 191) eines Erdo˘gans oder Davuto ˘glus komme allerdings bei vielen Nachbarn nicht an, die jahrhundertelang unter den Osmanen zu leiden hatten.

Auch den Kurdenkonflikt leitet Lerch historisch ab. Seit Ende des Ersten Weltkriegs sei diese Ethnie die „Vergessene Nation“ (S. 237) mit mindestens 35 Mio. Betroffenen – der Verfasser zählt neben den kurdischen Minderheiten in der Türkei, Syrien, Irak und Iran noch jene im Kaukasus, im Libanon, in Europa und der sonstigen Diaspora dazu. Schon seit den 1920er Jahren hätten sich die Kurden auf türkischem Gebiet der kemalistischen Vereinheitlichungspolitik widersetzt. Zehntausende militärische und zivile Opfer habe dann der PKK-Terror seit den 1980er Jahren gefordert. Schließlich Zypern: Bis 1878 gehörte die Insel – wie das heutige Griechenland – zum Osmanischen Reich. Anschließend wurde sie britische Kronkolonie, 1960 zur unabhängigen Republik Zypern. Die Briten als gemeinsamer Gegner hätten nun gefehlt, womit die Einheit zwischen griechischer Mehrheit und türkischer Minderheit praktisch schon 1963/64 obsolet gewesen sei. 1974 habe die Türkei das nördliche Drittel besetzt, um einer befürchteten griechischen Annexion der ganzen Insel zuvor zu kommen. Seither seien alle Versuche gescheitert Zypern wiederzuvereinigen.

Eindrücklich beschreibt Lerch die türkische Gesellschaft im engeren Sinne, also unter Ausklammerung ethnischer Minderheiten, als zerrissen und polarisiert. Er bemüht dafür auch die Soziologin Nilüfer Göle, die „schwarze“ und „weiße“ Türken unterschied. Stark vereinfacht sind „schwarze“ Türken anatolisch-konservative Muslime, während es sich bei „weißen“ Türken um das moderne, großstädtische Bürgertum handelt. Lerch betont immer wieder, dass Erdo˘gans Rolle beim Wandel des Landes stark überschätzt werde. Dieser Wandel resultiere aus umfassenden politisch-kulturellen Verwerfungen der letzten 100 Jahre. 600 Jahre Osmanismus habe Atatürk in letztlich nur 15 Jahren seiner Herrschaft, nämlich zwischen 1923 und 1938, nicht einfach ausradieren können. Details dieser osmanisch-türkischen Geschichte bietet eine umfassende Chronik am Ende des Buches. Was ebenfalls positiv auffällt: Die offensichtliche Liebe zum Land und dessen Menschen und die Landeskenntnis des Autors hindern ihn nicht daran, Entwicklungen auch negativ-kritisch einzuordnen. Seine persönlichen Impressionen aus fünf Jahrzehnten sind dabei Stärke und Schwäche zugleich: Einerseits sind sie unterhaltsam geschrieben. Andererseits finden sich darunter zahllose anekdotische Reiseberichte, denen eine Kürzung gutgetan hätte. Zu den Defiziten des Buches gehört, dass Zusammenfassungen ebenso fehlen wie Literaturangaben außerhalb des Fließtextes. Auch von einer Systematik kann keine Rede sein und Fremdwörter wie „Suzeränität“ (S. 14) dürften manchen Lesern unbekannt sein – es handelt sich dabei um die Oberhoheit eines Staates über einen anderen. Schließlich lehnt sich der Autor weit aus dem Fenster, wenn er auf S. 292 zusammenfasst: „Mit keinem Volk der Erde, so haben wir hervorgehoben, sind wir Deutsche so eng verbunden wie mit den Türken.“

Einblicke in vornehmlich bilaterale Nachbarschaftsbeziehungen der Türkei bietet schließlich das folgende Buch.

Yıldız, Mustafa/Özalp, Mustafa (Hg.), Die Türkei im Dschungel der internationalen Beziehungen, Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe Politikwissenschaft, Bd. 84, 2019, 188 S., ISBN 978-3-8288-4317-2, € 38,00

Die sieben Autoren des Sammelbands haben viel gemeinsam: Alle stammen aus der Türkei, sind Politikwissenschaftler, haben an der Universität Wien studiert, dort auch promoviert, schreiben in deutscher Sprache und sind Männer. Nach einem einführenden Beitrag zur generellen türkischen Außenpolitik geht es ihnen um das Verhältnis zu Israel, Katar, Zypern und Syrien. Die letzten beiden Aufsätze untersuchen Ankaras Pipeline-Politik und seine Perspektive als Regionalmacht.

Mustafa Özalp und Hasan Sahingöz verdeutlichen zunächst, wie wichtig die Türkei als geostrategische Brücke zwischen Ost und West ist – nicht nur als Transitland für Energie, sondern auch als Regionalmacht gegenüber Nachbarn wie dem Iran, Griechenland, Bulgarien und Russland. Ali Ayata erläutert, warum die Türkei der US-Nahostpolitik schon seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr folge und dass die Beziehung zu Israel trotz wichtiger Belastungen grundsätzlich kooperativ sei. Auch Mehmet Soytürk thematisiert den grundlegenden Wandel der türkischen Nahostpolitik insbesondere unter Erdoğan – weg von der NATO-USA-Achse und hin zu „den Eigeninteressen der Türkei“ (S. 70). Das Fundament der guten Beziehung zu Katar verortet er historisch, nämlich in der britischen Rolle zu osmanischer Zeit: Die katarischen Al Thani hätten sich damals von den Briten nicht gegen die Osmanen aufwiegeln lassen – anders als die meisten anderen Stämme auf der arabischen Halbinsel. Mit Blick auf Zypern stellen Murat Ercan und Birol Yılmaz zum einen die These auf, die EU wolle künftig „als Beschützer der christlichrömischen Kultur auftreten und die türkische Minderheit durch die Assimilierungspolitik der griechischen Zyprioten zur Gänze vertreiben“ (S. 102). Die Autoren stützen diese Erkenntnis auf eine Sekundärquelle aus dem Jahr 2006 und nutzen keine EU-Primärliteratur. Zum anderen schätzen sie die geostrategische Rolle der Insel sehr hoch ein, wenn sie auf S. 99 schreiben: „Hier, in Zypern, liegt das Herz der Energieverteilung. Wer dieses Gebiet beherrscht, kann auch die Welt beherrschen.“

Birol Yılmaz zeichnet den Syrienkrieg nach und beschreibt Erdoğans Rolle darin, auch im Verhältnis zu Putin und Assad. Mustafa Özalp konkretisiert, wie sich die Türkei seit den 1990er Jahren zu einer geostrategisch wichtigen Energiebrücke zwischen östlichen Energieproduzenten und westlichen Energiekonsumenten entwickelt hat. Er stellt folgende Öl- und Gaspipelines des südlichen Korridors näher vor: Die Baku-Tiflis-Ceyhan-Ölpipeline BTC, die Baku-Tiflis-Erzurum-Gaspipeline BTE, die Trans-AnatolienGaspipeline TANAP und die South Caucasus Pipeline SCP. Geplant sei weiterhin die Trans Adriatic Gaspipeline TAP. Die SCP führt von Aserbaidschan bis zur türkischen Nordostgrenze. Das Gas fließt dann durch die TANAP zur türkischen Nordwestgrenze und von dort durch die TAP nach Europa. Mustafa Yıldız fasst schließlich auf S. 170 die türkische Kernproblematik zusammen: „Ein Land, das selbst noch auf der Suche nach Demokratisierung ist, keine wirtschaftliche Stabilität erreicht hat, sowohl bei der Innenals auch bei der Außenpolitik keine feste Linie bestimmt hat, wird es schwierig haben, als Regionalmacht zu agieren.“

Insgesamt verdeutlicht der Sammelband, dass die Wahl Erdoğans im Jahr 2002 eine außenpolitische Zäsur darstellte. Besonders interessant sind historische Einordnungen und die Bedeutung der Türkei als Energie-Transitland zwischen Zentralasien bzw. dem Kaspischen Becken und Europa. Leser erhalten einen Überblick über wichtige regionale Konflikte und Literaturhinweise zu jedem Beitrag. Allerdings leidet das Buch auch unter erheblichen Defiziten. Erstens liefert es Interpretationen, die zumindest für mitteleuropäische Leser gewöhnungsbedürftig sind, beispielsweise eine rein türkische Sicht auf das Kurdenproblem in Nordsyrien (S. 22 f.). Zweitens ufern viele Beiträge aus, lassen also über längere Strecken keinen Bezug zur türkischen Außenpolitik erkennen. Drittens erscheinen die genutzten Quellen nicht immer angemessen, etwa wenn die türkisch-katarischen Beziehungen auf Basis von Bild-Zeitung oder sputniknews analysiert werden. Viertens hätte das Buch dringend eines Lektorats bedurft: Viele Abschnitte sind unvollendet und grammatikalisch falsch oder enthalten vermeidbare inhaltliche Fehler. Z.B. ist Russland nicht die „Sowjetunion“ (S. 16) und weder Turkmenistan noch Kasachstan zählen zu den „kaukasischen Republiken“ (S. 31). Schließlich schmälern Leerformeln wie „Die Außenpolitik ist integraler Bestandteil des politischen Systems einer Nation“ (S. 39) den Erkenntnisgewinn. (bk) ˜

Prof. Dr. Britta Kuhn (bk) arbeitete nach VWL-Studium und -Promotion bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney und bei der Bayerischen Vereinsbank bzw. Hypovereinsbank AG. Seit 2002 lehrt sie VWL mit Schwerpunkt International Economics an der Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain.

britta.kuhn@hs-rm.de

 

 

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