Sport

Bananenflanken, Umschaltspiele und Bomber

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 3/2021

Dass Bereiche des Sports, insbesondere des Fußballsports, bisweilen in einer „Eigenwelt“ leben, wird in diesen Wochen und Monaten der Pandemie des Coronavirus wieder einmal überdeutlich. Während Amateur- und vor allem Jugendmannschaften derzeit nicht nur in Deutschland weder trainieren noch spielen können, rennen hochbezahlte Profis vor leeren Zuschauerrängen, aber bei laufenden Kameras dem Ball hinterher. Das ist und bleibt ein mehr als merkwürdiges Phänomen. Vor laufenden Kameras, aber ohne Zuschauer finden allerdings auch Tennisturniere, Hand- und sonstige Ballspiele, Skispringen oder Skilauf statt. Der Rubel muss rollen, da müssen die „normalen“ Sportler/innen halt im stillen Kämmerlein und vor der Mattscheibe üben: Digitalsport zur Körperertüchtigung im Rahmen der Rettung unserer Gesundheit oder auch „Brot und Spiele“, denn die Lebensmittelgeschäfte bleiben selbstverständlich geöffnet.

Stefan Mayr, Unter Bombern. Fritz Walter, der Krieg und die Macht des Fußballs, München: Riva-Verlag, 2. Aufl. 2021, 235 S., zahlreiche Abb., Hardcover, ISBN 978-3-7423-1444-4, € 19,99.

In seinem neuen Buch widmet sich der Journalist Stefan Mayr dem Fußballsport im Laufe des Zweiten Weltkrieges. Auch in jenen dunklen Zeiten wurde nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland weiterhin Sport getrieben, um ein Stück weit Normalität und Alltagsleben vorzugaukeln. Mayr hat bisher drei weitere Bücher zum Fußball vorgelegt, dazu eine Art Enzyklopädie des Fernsehklassikers „Dinner for One“, ist aber hauptberuflich Wirtschaftskorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Stuttgart. Der Untertitel verweist auf die Hauptfigur des Buches, Fritz Walter (1920–2002), eine deutsche Fußballlegende, die Ende Oktober 2020 den 100. Geburtstag gehabt hätte mit mehr oder minder interessanten Berichten in allen Medien. Ein weiterer Protagonist des Buches ist August Klingler (1918–1944), einer von Fritz Walters Mitspielern in der Nationalmannschaft, der heute fast nur noch in Fachkreisen bekannt ist, damals aber als großes Talent galt. Mayr folgt weitgehend den Lebensläufen seiner beiden Protagonisten, wobei die Quellenlage im Falle von August Klingler weitaus problematischer ist, denn Fritz Walter hat sein Leben und seine Zeit als Fußballspieler mehrfach beschrieben. Klingler und Walter kannten sich aus gemeinsamen Auftritten in Auswahlmannschaften.

Klingler spielte seit seinem 10. Lebensjahr für den Karlsruher Vorortverein FC Daxlanden 1912 und hatte 1942, also schon während des Krieges, fünf Einsätze in der Nationalmannschaft unter dem Reichstrainer Josef „Sepp“ Herberger, bei denen er sechs Tore erzielte. In jenem Jahr wurde er auch „Fußballer des Jahres“; er galt als technisch versierter Linksaußen mit guter Schusstechnik. In seiner Zeit als Soldat war er unter anderem auch für die Breslauer SpVg 02 und den FC Mülhausen 93 aktiv. Im Zentrum des Buches stehen die Bemühungen des Reichstrainers Herberger und einiger anderer Personen, darunter dem Jagdflieger-Kommandanten Hermann Graf (1912–1988), vor allem die Fußballnationalspieler vor Einsätzen an der Front zu bewahren. Der Fußball begeisterte Graf und er baute während des Krieges eine damals sehr populäre Fußballmannschaft auf, „Die Roten Jäger“, für die er unter anderem auch Fritz Walter rekrutierte. Herbergers und Grafs Bemühungen, die teils mit Unterstützung weiterer Fußballfans in den Reihen des Militärs bzw. der Verwaltung erfolgten, waren sehr häufig erfolgreich. Sie wurden schon damals ironisch als „Operation Heldenklau“ bezeichnet, Mayr nennt sie „Soldatenklau“. Zwar war Graf damals ein überzeugter Nationalsozialist und Herberger eher unpolitisch, aber doch in hohem Maße dem System gegenüber loyal und in jeder Hinsicht patriotisch. Beiden ging es eher darum, wie denn der Fußball, der für sie einen eigenen Kosmos darstellte, nach dem Krieg weitergeführt werden könnte.

Während Herberger und Graf im Falle von Fritz Walter erfolgreich waren, gelang dies bei August Klingler nicht. Es bleibt bis heute unklar, woran denn seine Versetzung zu den „Roten Jägern“ letztlich scheiterte, aber Klingler fiel im Spätsommer 1944 an der Ostfront. Weder Ort noch Zeit seines Todes konnten bis heute ermittelt werden. Herberger kümmerte sich nach dem Kriegsende um dessen Witwe und ihren kleinen Sohn, der Verein benannte sein Stadion nach ihm. Auf diesem Gelände entsteht nun das „AugustKlingler-Areal“, ein neuer Wohnpark in Karlsruhe. Das Buch, in dem Mayr, dem Titel entsprechend, auch Spiele schildert, die während der Bombenangriffe stattfanden, ist gut recherchiert und – wie von einem Journalisten zu erwarten – flüssig geschrieben, bisweilen ein wenig zu plakativ mit deutlich erhobenem Zeigefinger. Da manchmal andere Quellen fehlen, folgt Mayr Walters Erinnerungen ohne jede Distanz. Da wäre ein wenig Abstand von seinem „Helden“ durchaus angebracht gewesen. Auch hätte ein Blick in das Fußballgeschehen in anderen Ländern, etwa Großbritannien, das sehr gut erforscht ist, die Perspektive über Krieg und Sport erweitert. Doch liest man das Buch in jedem Fall mit Gewinn.

 

Manni Breuckmann, Manni Bananenflanke, Ich Kopf – Tor! Legendäre Szenen des deutschen Fußballs, Frankfurt/M.: Westend Verlag 2021, 256 S., zahlr ­ eiche Abb., ISBN 978-3-8648-9060-4, € 16,00.

Manfred „Manni“ Breuckmann, geboren 1951 in Datteln bei Recklinghausen, ist vor allem im Fußballwesten eine Reporterlegende aus jener grauen Vorzeit, als am Samstagnachmittag um 15.30 Uhr fast immer fast alle Spiele der Fußball-Bundesliga stattfanden und die ARD in einer Konferenzschaltung alle Spiele im Radio übertrug. Breuckmann berichtete zudem von zahlreichen Fußballwelt- sowie Europameisterschaften und publizierte eine Reihe von Büchern, darunter auch Kriminalromane. Die Erstauflage dieses Buches erschien 2010 als „50 legendäre Szenen des deutschen Fußballs“, die nun um sieben „Szenen“ vermehrt wurden und unter neuem Titel erschienen. Der Titel weist darauf hin, dass es ein Werk für Fußballnostalgiker ist, denn die jüngere Generation wird damit kaum etwas anfangen können. Der Bananenflanken schlagende Manni heißt Manfred Kaltz und spielte beim Hamburger SV und in der deutschen Nationalmannschaft als rechter Verteidiger. In beiden Teams spielte er zwischen 1978 und 1983 mit dem als „Kopfballungeheuer“ bekannten Horst Hrubesch zusammen, der eben diese Flanken per Kopf häufiger im Tor versenkte. Das Buch passt in das Jubiläumsjahr der „Sendung mit der Maus“ und könnte auch „Lach- und Sachgeschichten mit Manni B.“ heißen. Die nunmehr 57 legendären Szenen stehen weder in einer chronologischen noch in einer sonst erkennbaren Ordnung. Zeitlich beginnt es mit dem WM-Sieg der deutschen Fußballer 1954 und endet mit dem Pokalsieg von Eintracht Frankfurt (Frankfurter Büffelherde) gegen favorisierte Münchener Bayern im Mai 2018.

Breuckmann lässt diese „legendären Szenen“ von ihren Protagonisten bzw. Personen schildern, die daran beteiligt waren oder dazu eine besondere Beziehung haben. So erzählt der Filmregisseur Sönke Wortmann, übrigens ein guter Fußballer, der Ende der 1970er Jahre in der 3. Liga spielte, über den WM-Sieg von 1954, über den er 2003 den Film „Das Wunder von Bern“ drehte. Mir als 1949 geborener Fußballanhänger sind alle Szenen bekannt und teils in guter oder sogar sehr guter Erinnerung. Wer sie nicht kennt, kann sie heutzutage problemlos bei Youtube anschauen, um das bekannte „Feeling“ zu bekommen. Nach den Schilderungen oder Beschreibungen der Szenen folgt dann jeweils ein Kommentar von Breuckmann. Der ist bisweilen kenntnisreich und informativ oder launig, manchmal aber auch nur eine Beschwörung vergangener Fußballwelten oder ein moralisches Erbauungstraktat. Beim FSV Mainz 05, den Breuckmann als „erfreuliche, weil bodenständige Erscheinung im aufgeblasenen Bundesligashowbusiness“ bezeichnet, werden die Trainer genauso gefeuert wie in München, Köln oder Frankfurt, wenn der Tabellenplatz nicht stimmt. In dieser Saison 2020/21 sitzt inzwischen der vierte Trainer auf der Bank, um den Abstieg in die zweite Liga zu vermeiden.

Eine Lichtgestalt ist und bleibt die aufrechte und geradlinige HSV-Legende Uwe Seeler, „Uns Uwe“, der statt 1961 für viel Geld zu Inter Mailand zu wechseln, doch im Lande blieb, um sich redlich zu nähren, nachdem ihn der Chef der Sportartikelfirma adidas als Generalvertreter Nord eingestellt hatte. Einen Beruf, den Seeler angeblich auch mindestens zwei Tage in der Woche ausgeübt haben soll, wie er selbst in seinen Memoiren betont. Wann, so fragt man sich da, hat er trainiert und was hat er während der Zeit seiner Verletzungen getrieben? Im Kommentar zu Seeler wird zudem dessen Vater Erwin als „Hafenarbeiter“ erwähnt. Auch er war ein bekannter Hamburger Fußballer, der zunächst im Arbeitersport der 1920er und 1930er Jahre aktiv war, 1932 aber zu dem „bürgerlichen“ Verein Victoria Hamburg, danach zum Hamburger Sportverein wechselte, was ihm seine ehemaligen Kameraden und die Hamburger Sozialdemokratie sehr übelnahmen, denn Seelers wohnten seit der Zeit bei Victoria im gut bürgerlichen Stadtteil Eppendorf und gemunkelt/spekuliert wurde zudem über verbotene Geldzahlungen.

Aufschlussreich ist auch der Kommentar zum Beitrag von Uli Hoeneß über seinen verschossenen Elfmeter im entscheidenden Elfmeterschießen des Finales der Europameisterschaft 1976 in Belgrad, der die Niederlage besiegelte. Das Ereignis an sich spielt im Kommentar überhaupt keine Rolle, sondern im Zentrum steht Hoeneß‘ Steuerhinterziehung, für die er zu einer Haftstrafe verurteilt wurde und seine danach erfolgende Wiederwahl zum Präsidenten des FC Bayern München. Dazu mag man stehen, wie man will, aber der Kontext will sich mir nicht erschließen und ähnlich verhält es sich auch beim Kommentar über eine der „Lichtgestalten“ des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer. In der Szene geht es um den Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 mit Beckenbauer als Trainer der deutschen Mannschaft. Im Kommentar aber geht es um jene ominösen 6,7 Millionen Euro, die im Vor- oder Nachfeld der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland von wem auch immer an wen auch immer gezahlt wurden und sonstige Zahlungen in diesem Kontext. Der Beitrag der Medien zur Stilisierung Beckenbauers als „Lichtgestalt“ und „unantastbarer Strahlemann“ war sicherlich nicht gering und möglicherweise für einen Kommentar näherliegend als die bisher immer nur vermuteten Zahlungen, bei denen Breuckmann stets das Hilfsverb „sollen“ in Anspruch nimmt: „soll gezahlt haben“ oder „soll kassiert haben“. Je häufiger man eine Vermutung wiederholt, umso schneller wird sie irgendwann zur Tatsache. In einem solchen Buch ist der moralisch erhobene Zeigefinger fehl am Platze, beruhigt aber das eigene und die anderen Gewissen zumindest kurzfristig.

Über weite Strecken werden Leser/innen allerdings recht gut unterhalten, wenn sie denn ausreichende Kenntnisse zur Fußballgeschichte im Gedächtnis abrufen können, ansonsten, siehe oben, muss auf Youtube zurückgegriffen werden.

 

Michael Cox, Umschaltspiel. Die Evolution des modernen europäischen Fußballs (Aus dem Englischen von Stephan Gebauer), Berlin: Suhrkamp Verlag 2020, 540 S., Klappenbroschur, ISBN 978-3-518-47076-3, € 20,00.

Dem Klappentext des Buches ist zu entnehmen, dass Michael Cox, 1988 geboren, ein englischer Fußballjournalist und Blogger ist, der unter anderem für den „Guardian“ und das Onlinemagazin „The Athletic“ schreibt. Das Buch erschien 2019 im englischen Original unter dem Titel „Zonal Marking: The Making of Modern European Football“. 2017 erschien sein Buch „The Mixer“ über Taktik in der englischen Premier League.

Das Buch ist in etwa so aufregend wie ein Spiel zwischen dem 9. und 10. einer beliebigen Liga am letzten Spieltag der Saison, bei dem das Ergebnis, gänzlich unabhängig von der Höhe, keinerlei Auswirkungen hat, beide Mannschaften werden die Spielzeit auf eben diesem Tabellenplatz beenden. Erzählt wird die Geschichte des europäischen Fußballs zwischen 1992 und der Gegenwart mit dem Fokus auf jeweilige Nationen und ihren Fußballstil in bestimmten Phasen dieser Jahrzehnte, also quasi von Europameisterschaft zu Europameisterschaft mit entsprechenden Abstechern zu den dazwischen liegenden WMTurnieren und den Spielen der Champions League. Aufeinander folgend werden die jeweiligen Spielstile geschildert und analysiert, beginnend mit dem niederländischen„Voetbal totaal“, dem italienischen „Catenaccio“, einer bestimmten Verteidigungsstrategie, es folgen die französischen Jahre zu Beginn des neuen Jahrhunderts oder Jahrtausends, danach kommt Portugal, dann das spanische „Tiki-Taka-Spiel“, die deutsche „Vertikalität“ und zurzeit gäbe es die englische Phase ohne einen eigenen Spielstil. (S. 477) Eingeschoben werden immer wieder Spielszenen aus Länder- oder Vereinsspielen der nationalen Ligen oder der europäischen Wettbewerbe und die Analyse dieser Spiele Für die, die sich mit Fußball auf die ein oder andere Art und Weise beschäftigen, gibt es wenig Neues zu entdecken. Man erinnert sich an die Spielszenen und die Analysen in den Fachzeitschriften, also in Deutschland im„Kicker“ oder an Berichte und Artikel im Magazin „Elf Freunde“, vor allem aber an die teils ermüdenden taktischen Erläuterungen und Erklärungen, die die massenhaft existierenden Experten im Fernsehen von sich geben, die also das noch einmal erläutern, was man gerade im Spielverlauf gesehen hat. So geht es mir auch mit diesem Buch, das teils in seinen Details erstickt und von vornherein erklärt, sich mit manchen Phänomenen gar nicht beschäftigen zu wollen, also mit den „unerklärlichen“ Sonderfällen, etwa dem Sieg Griechenlands bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal oder den drei aufeinanderfolgenden Gewinnen der Champions League durch Real Madrid in den Jahren 2016 bis 2018. Sie passen nirgendwo richtig in ein System hinein, sind „unerklärliche“ Erfolge. Einige Ausführungen von Cox zum deutschen Fußball, den ich zugegebenermaßen am besten kenne, halte ich für ganz oder zumindest teilweise unzutreffend. So schreibt er, (S. 450) dass die früheren deutschen Weltmeistermannschaften um einen herausragenden Spieler wie Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus aufgebaut gewesen seien, während die Mannschaft von 2014 „eine egalitär ­ e, harmonische Truppe“ gewesen sei. Sicherlich waren 1954, 1974 und 1990 die genannten Spieler ­„herausragend“, aber 1954 waren auch Helmut Rahn, Hans Schäfer, Horst Eckel und Werner Liebrich von immenser Wichtigkeit; Rahn war dabei nicht nur als Spieler, sondern auch als psychische Unterstützung für das von stetigen Selbstzweifeln geplagte Fußballgenie Fritz Walter von ganz erheblicher Bedeutung und nicht umsonst trug er den Spitznamen „Boss“.

 

Beckenbauer war 1972 und 1974 noch längst nicht die „Lichtgestalt“, zu der ihn die Medien schließlich gemacht haben. Auf und neben dem Platz gab es sowohl bei Bayern München als auch in der Nationalmannschaft wichtige Spieler, die keine Helfer oder Mitläufer, sondern „Entscheider“ waren. Dazu gehörten Gerd Müller, die Youngster Uli Hoeneß und Paul Breitner sowie Wolfgang Overath oder Günter Netzer. Der beständig ohne Pause in jedes Mikrofon quasselnde Lothar Matthäus mag als Zentralfigur der Mannschaft von 1990 gelten, aber Spieler wie Klaus Augenthaler, Andreas Brehme, Jürgen Kohler, Olaf Thon, Rudi Völler oder Jürgen Klinsmann waren Führungsspieler aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres Charakters. Probleme bereitet mir auch Cox‘ Sicht des englischen Fußballs in seinen Momentaufnahmen seit 2016. Dort kamen und gingen ausländische und einheimische Trainer ebenso wie in anderen Ländern und Arsène Wenger, der Arsenal London bis zum Überdruss trainierte, war die große Ausnahme. Zutreffend ist, (S. 477) dass in der Saison 2018/19 alle vier Finalisten in beiden europäischen Wettbewerben aus England kamen. Ein Jahr später allerdings war keine englische Mannschaft mehr im Halbfinale der Champions League präsent, nachdem Manchester City gegen den Außen­seiter Lyon ausgeschieden war, stattdessen aber wieder zwei deutsche Mannschaften, von denen schließlich Bayern München gewann. Auch der Aufstieg kleinerer englischer Clubs, von denen Cox redet, ist schon wieder zu Ende. Sheffield United trennte sich im März 2021 nicht nur von seinem Trainer Chris Wilder, sondern wird in dieser Saison als Tabellenletzter wieder absteigen; auch Brighton & Hove Albion bewegt sich ausschließlich im letzten Drittel der Tabelle. Zudem wurde die Zeit des englischen Trainers Frank Lampard bei „seinem“ Verein Chelsea nach noch nicht einmal zwei Jahren wieder beendet. Zutreffend allerdings ist es, dass die führenden englischen Mannschaften keinen „englischen Stil“ spielen. Von den derzeit ersten zehn Clubs der Liga werden acht von Ausländern trainiert, nur bei West Ham United (London) und Leicester City stehen mit David Moyes (Schotte) und Brendan Rodgers (Nordire) britische Trainer an der Seitenlinie. Zudem stehen in diesen Mannschaften selten mehr als drei Engländer oder Briten gleichzeitig auf dem Platz; bei Chelsea London spielen bisweilen mehr deutsche als englische Spieler.

Zum Abschluss sei angemerkt, dass ich immer noch nicht verstehe, warum im Deutschen, wenn vom „totalen Fußball“ der Niederländer die Rede ist, immer von „Voetbal totaal“ gesprochen wird. Im Niederländischen heißt diese Art des Fußballspiels „Totaalvoetbal“. Eine ganze Reihe niederländischer Sportjournalisten, darunter Pieter Zwart, Chefredakteur der seit 1965 erscheinenden Zeitschrift „Voetbal International“, sind außerdem der Meinung, dass diese Art Fußball zu spielen keineswegs von Johan Cruijff und Ajax Amsterdam entwickelt worden sei, sondern 1969 von dem österreichischen Trainer Ernst Happel bei Feyenoord Rotterdam ersonnen wurde. Ernst Happel, der Grantler aus Wien, ist in Deutschland kein Unbekannter, denn er führte in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren als Trainer mit Günter Netzer als Manager den Hamburger SV nicht nur zu zwei deutschen Meisterschaften, sondern auch zum Gewinn des Europapokals der Landesmeister – Vorläufer der heutigen Champions League. Angeblich soll er bei jedem Spiel, bevor seine Mannschaft aufs Spielfeld ging, genuschelt haben: „‘s Pressing net vergessen“.

Die Moderne im Fußball, die laut Cox 1992 begann, gab es meines Erachtens schon davor. Die Setzung von Cox ist völlig willkürlich und für mich nicht nachvollziehbar und niederländisch ist die von einem Bilderbuchwiener entwickelte Spielform eben nicht und auch kein Ausdruck der Amsterdamer Lebensart „gesellschaftlicher Toleranz“. Totaalvoetbal und Pressing bedeutet, den Gegner zurückzudrängen, am Aufbau zu hindern und als Höhepunkt, zu „zerschlagen, was noch gar nicht entstand und sich dann selbst zu entwickeln“. Das hat mit Toleranz wenig zu tun! Was am Ende des Buches in einer Zeit völliger Austauschbarkeit von Spielern und Trainern, gestern noch trainierte der Deutsche Thomas Tuchel Paris St. Germain, aber heute den FC Chelsea London, während der Argentinier Mauricio Pocchettino gestern Tottenham Hotspur, aber heute Paris St. Germain coacht, die Rede von „lokalen, regionalen und nationalen Identitäten“ im Fußball soll, bleibt mir unerklärlich. In allen führenden europäischen Mannschaften finden sich Spieler aus vier, fünf, sechs oder mehr Nationen. Beim Spiel gegen Aston Villa am 10. April 2021 standen auf Seiten des FC Liverpool Spieler aus Brasilien, England, Schottland, der Türkei, der Niederlande, Portugal und Ägypten in der Startelf, eingewechselt wurden ein Spanier, ein Schweizer mit albanischen Wurzeln und ein Senegalese. Was für einen Fußball mögen die gespielt haben? Nein, das Buch überzeugt mich in keiner Weise. (dd)

Prof. em. Dr. Dittmar Dahlmann (dd), von 1996 bis 2015 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Rheinischen FriedrichWilhelms-Universität Bonn, hat folgende Forschungsschwerpunkte: Russische ­Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Wissenschafts- und Sportgeschichte sowie Migration.

ddahlman@gmx.de

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