Theologie | Religion

Aurelius Augustinus

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 2/2019

Cornelius Mayer: Augustinus-Zitatenschatz. Kernthemen seines Denkens. Lateinisch-Deutsch mit Kurzkommentaren. 7., erweiterte, überprüfte und durchweg kommentierte Fassung. Basel: Schwabe Verlag, 2018. 340 Seiten, 13 Abbildungen in Farbe. Gebunden. ISBN 978-3-7965-3902-2. 46,00 sFr. / 38,00 €

Hannah Arendt: Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation. Mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Frauke A. Kurbacher. Philosophische Bibliothek Band 688. Hamburg: Felix Meiner, 2018. LXVIII (Texte der Herausgeberin), 174 Seiten. Kartoniert. ISBN 9783-7873-2990-8. 22,90 €

Johan Bouman: Augustinus. Die Theologie seiner Predigten über die Psalmen. Brill Deutschland Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 2019. 358 Seiten. Kartoniert. ISBN 978-3-506-78668-5. 69,00 €

Cornelius Mayer: Augustinus-Zitatenschatz. Kernthemen seines Denkens. Lateinisch-Deutsch mit Kurzkommentaren. 7., erweiterte, überprüfte und durchweg kommentierte Fassung. Basel: Schwabe Verlag, 2018. 340 Seiten, 13 Abbildungen in Farbe. Gebunden. ISBN 978-3-7965-3902-2. 46,00 sFr. / 38,00 €

Cornelius Petrus Mayer OSA hat sein Vorwort (11–13) datiert „am 28. August 2018“. An dem Tag im Jahr 430 starb Aurelius Augustinus in der von germanischen Wandalen belagerten Stadt Hippo Regius, wo er seit 395 als Bischof der katholischen Kirche amtiert hatte; geboren war er am 13. November 354 in Tagaste / Numidien. Beide Orte lagen am Nordrand Afrikas westlich der Hafen-Großstadt Karthago. Augustin hatte als Rhetor ab 383 jenseits des Mittelmeers in Rom und Mailand gelehrt. 387 war er getauft worden.

„Immer wieder“ habe man ihn, Cornelius Mayer, nach Sen­ tenzen aus der Feder des Kirchenvaters Augustinus gefragt.

„Nicht selten“ finden sich in dessen Schriften einprägsa­ me Formulierungen, die Wahres zu vermitteln (docere), zum Guten zu bewegen (movere) und durch Schönes zu erfreuen (delectare) vermögen. Unter deutschen Stich­worten – von Almosen, Amt bis Zahl, Zeit – werden sie zweispaltig geboten, links lateinisch, rechts in deutscher Übersetzung. Kurzkommentare unterstreichen Bemerkens­ wertes und ordnen in Kontexte ein. Das „Kurz-“ deutet an, dass auch lange Kommentare zu lesen wären, zum Beispiel im Augustinus-Lexikon. Dieses mehrbändige gewichtige Werk bietet nach den lateinischen Begriffen alphabetisch geordnete Beiträge vieler Gelehrter. Joseph Ratzinger (sei­ne Promotions­arbeit 1954 über „Augustins Lehre von der Kirche“ wird auf Seite 183 im Kurzkommentar angeführt) begrüßte die Planung des Lexikons als Professor in den 1970er Jahren und verfolgte als Papst Benedikt XVI. die Er­arbeitung mit Interesse. Er benutze es „mit Freude“, schrieb er in einem offenen Brief Mayer zum 80. Geburtstag.

Wie das Lexikon ist nunmehr auch der Zitatenschatz erschienen im „ältesten Verlag der Welt“, dem 1488 gegründeten Druck- und Verlagshaus Schwabe. Dessen aus dem Umkreis von Hans Holbein stammendes Signet illustriert Jeremia 23,29: „Ist nicht mein Wort wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?“ Von links oben pustet ein Menschengesicht Flammen, von rechts haut eine Hand einen Hammer auf einen stehenden lang-ovalen Steinbrocken, um den herum Geröll liegt (1 und 340).

Mayers Florilegium eignet sich, scheint mir, für Glaubenskurse in Gemeinden, außer dass es Leser zum Eintauchen in Augustins Denkungsart lockt. Ich hatte zuvor die Abhandlung „Augustins innere Entwicklung“ von 1922 des Lutherforschers Karl Holl gelesen und hoffte auf Zeitangaben, wann Augustin was schrieb. Die Entstehungszeit hätte dem alphabetischen Register der zitierten AugustinusTexte „Nach Werken geordnet“ (329-333) zugesetzt sein können. Diesem Registerteil folgen (334-339) die zitierten Stücke unter den 83 Stichworten in der Reihenfolge des Inhaltsverzeichnisses (7-10). Weitere Register gibt es nicht. Aber der Verlag verweist auf die seitenidentische eBookAusgabe ISBN (PDF) 978-3-7965-3849-4, die „Volltextsuche“ erlaube (4). Auf der Seite daneben (5) ist die Widmung „Benedicto XVI PP Emerito“ hinterlegt mit einer Abwandlung der ältesten erhaltenen Darstellung des Heiligen, einem um das Jahr 600 entstandenen Fresko (19). Erst das Abbildungsverzeichnis (327) schärfte meinen Blick für das, was die Bildmontage zeigt: Augustin am Computer! In die Kurzkommentare ist öfters ein „mustergültig“ oder „meisterhaft“ eingestreut. Das erinnerte mich an die Begeisterung, die ich bei Franziskanern über ihren Franzis- kus spürte. Der Minderbrüder-Ordensbegründer und der Hochintellektuelle begeistern, wie mir scheint, im selben Geiste. Man liebt sie.

„Auch an Volkstümlichkeit war dieser ehemalige Professor der Rhetorik kaum zu überbieten“ (166, ähnlich öfters), schreibt der Kommentator Mayer. Er habe es sich „nicht versagen“ können, zum Beispiel zum Stichwort Eucharistie eine Predigt „in ihrer Gänze mit aufzunehmen“, die der Bischof von Hippo „an einem Ostermorgen den Neophyten, ‚den in der Taufe neugeborenen Gliedern am Leibe Chris­ ti‘, gehalten hat“ (12). Augustin erklärt den Getauften, wie er ihnen versprochen hatte, „was ihr empfangen habt, was ihr empfangen werdet und was ihr täglich empfangen soll­ tet“: das Brot auf dem Altar (59-64). So wird Brot: Korn, zerrieben, mit (Tauf-)Wasser benetzt, mit gleich behandel­ ten anderen Körnern dem Feuer ausgesetzt – der LiebesFlamme, flamma caritatis, des Heiligen Geistes –, zu Einheit gebacken. Dem sei Dank, der dem Laib sein Leben gab, neu als sein Leib zu leben, Brot des Lebens (Johannesevangeli­ um 6,48). Das zeigen die Zeichen Taufe und Eucharistie, die zwei sacramenta maiora (66).

Sentenzen, zu ‚Kurzschrift‘ gedichtet, sind in reicher Fülle zu finden, darunter „da quod iubes et iube quod vis“ – gib, was Du gut heißt, und befiehl, was Du willst (49 zu Einheit, 144 zu Gottesliebe); „dilige, et quod vis fac“ – habe lieb, was du dann willst tue (199 zu Liebe); und der wohl meistzitierte Satz „inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te“ – unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir (162 zu Herz) aus Augustins Confessiones.

Diese ‚Bekenntnisse‘, seine berühmteste Schrift, weist neuere Forschung (272, 319) der in der Antike gängigen Literaturgattung Protreptikos zu: an Intellektuelle gewandte Werbung – Rede über das Christentum an die Gebildeten unter seinen Verächtern, ähnlich wie Schleiermacher 1799 „Über die Religion“ redete.

Schleiermacher hat Platon-Dialoge übersetzt. An den Dia­log Timaios gemahnt, was Mayer zum letzten Stichwort im Zitatenschatz (317-325) aus Augustins Confessiones Buch 11 exzerpiert. „Quid est ergo tempus?“ Was also ist Zeit? Zeit geschieht in „praeteritum et futurum“, Vergangenheit und Zukunft, sowie im „praesens“. (Auch die Neophyten spricht Augustin in den drei Verb-[Zeitwort-]Formen an: accepistis, accepturi estes und accipere debeatis.) Kann man dieses Dritte eigentlich Zeit nennen? GegenwärtigSein geht im Nu in Vergangenheit über, strebt ins NichtSein. Bliebe es präsent, dann wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit. Gegenwart weist vergänglich hin auf unvergäng­ liches Sein. Augustin meditiert den Anfang der Bibel. Ge­ nesis 1,14–19: Gott sprach, und es geschah, dass Lichter an der Feste des Himmels auf die Erde leuchten und dienen zur Scheidung von Tag und Nacht und zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren. Die Umläufe der Himmelskörper deuten zeichenhaft in das Unveränderliche über ihnen, auf dass Zeit gleichsam als Spur der Ewigkeit erschiene, „quasi vestigium aeternitatis tempus adpareat“. Im Timaios lässt Platon einen Pythagoräer erklären, chrónos (‚chronologi­ sche‘ Zeit) sei nach Zahl, kat’ arithmón, fortschreitendes fortwährendes Abbild des Unvergänglich-Seins – des Du, das den Menschen anspricht, wie Augustin weiß. Dieses Du will er als Künstler der Handhabung des menschlichen Wortes hörbar für andere ‚zu Wort‘ bringen. Ich habe mich mit Freude in Augustins Sprachwelt hineinlocken lassen, ins Lateinische, das ich kaum kann und das Indogermanisch-Sprachigen doch nah ist. Und dankbar lasse ich mich auf seine Gedankenwelt ein, aus der diese Sammlung vielerlei kundig ausgewählte Kostproben zu genießen gibt.

 

Hannah Arendt: Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation. Mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Frauke A. Kurbacher. Philosophische Bibliothek Band 688. Hamburg: Felix Meiner, 2018. LXVIII (Texte der Herausgeberin), 174 Seiten. Kartoniert. ISBN 978-3-7873-2990-8. 22,90 €

Als mit dem Jahr 1930 Augustins 1500. Todesjahr nahte, war die Beschäftigung mit ihm im Schwange. Die Philosophen Martin Heidegger und Karl Jaspers wandten sich ihm zu; letzterer betreute Arendts Doktorarbeit, ersterem war Arendt befreundet (ehe man sich um ein Verstehen von Heideggers „Sein und Zeit“ 1927 bemüht, ist wohl zu empfehlen, bei Augustin anzufangen). Auf die Abhandlung 1922 „Augustins innere Entwicklung“ des Lutherforschers Karl Holl, den Augustin schon wegen Luthers Eintritt in das Kloster der Augustiner-Eremiten zu Erfurt 1505 interessieren musste, bezog sich Arendt in ihrer Dissertation 1928 (in der vorliegenden Ausgabe 2018 Seite 36) ebenso wie ihr Jahrgangsgenosse Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) in seiner Dissertation 1927 (Dietrich Bonhoeffer Werke 1, 105). Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren. Der Vater, ein Ingenieur, starb früh; die Mutter neigte der sozialdemokratischen Bewegung zu. Als bildungsbürgerliche ‚Höhere Tochter‘ aufwachsend war sie im Backfischalter mit Klassikerwissen in deutscher, griechischer und lateinischer Sprache vertraut. Seit dem 14. Lebensjahr stand fest, dass Philosophie ihre Berufung sei. 1933 emigrierte sie über die ‚Grüne Grenze‘, zunächst nach Paris, dann im Kriege 1940, ehe durch den Sieg deutscher Truppen auch Frankreich unter nationalsozialistische Kontrolle geriet, in die USA. Am 4. Dezember 1975 starb sie in New York.

Hannah Arendt hatte 1966 begonnen, ihre Dissertation für eine englischsprachige Ausgabe umzuarbeiten; diese Fassung blieb unvollständig, aber eine englische Übersetzung kam anlässlich ihres 90. Geburtstags heraus (VIII, LVI). Von daher steht auch in der Meiner-Ausgabe 2018 (IV) das Copyright ©1996 by The Hannah Arendt Bluecher Literary Trust; Heinrich Blücher war seit 1940 Hannah Arendts Ehemann. Eine französischsprachige Ausgabe folgte 1999. Vor ihrem 100. Geburtstag erwachte neues Interesse an der ersten Schrift der Denkerin, die inzwischen als einzige „in den Kanon bedeutender Philosophen“ aufgenommen ist (LVI; im fachbuchjournal 1 | 2019 Seite 55 sieht man in der von J.B. Metzler angezeigten „Folgen-Reihe“ zu „Werk und Wirkung großer Persönlichkeiten“ unter zwölf Dichtern und Denkern Arendt als einzige Frau). Drei Neuausgaben ihrer Dissertation erschienen im 21. Jahrhundert. Die ers­ te gab 2003 der Literaturwissenschaftler Ludger Lütkehaus heraus, die zweite 2006 versah die Philosophin Frauke A. Kurbacher mit einem Einleitungs-Essay, das sie für die dritte Ausgabe 2018 dem „Format der Philosophischen Bibliothek“ anpasste; von der Fassung 2006 übernahm sie 2018 auch die Übersetzungen aus Latein und Griechisch durch Kir ­ sten Groß-Albenshausen (LVII). Was in diesen Sprachen in ­Arendts Haupttext (1-111) vorkommt, ist am Fuß der Seiten übersetzt. (Irre ich mich, oder steht da bisweilen Irreführendes? 98c ist „Totus ergo mundus ex Adam reus“ übersetzt „…aus Adam Zeuge“; hätte da nicht „angeklagt“ stehen müssen?) Arendts Anmerkungen (1 bis 281) samt Übersetzungen sind angehängt (113-160). 2006 umfass­ ten die von Christine Albrecht erstellten Register 59 Seiten; 2018 stehen Register zweispaltig auf zwölf Seiten (Namen 161, Sachen 163-174). Eine „Auswahlbibliographie“ befin­ det sich in den Texten der Herausgeberin (LXI-LXVI). Hannah Arendt, christentumskundige Abstammungsjüdin, früh geübt, griechisch und lateinisch Ausgedrücktes auf Deutsch nachzudenken und auszudrücken, übte das Aus­ drücken auf Französisch und Englisch hinzu; translingual lässt sich testen, ob etwa ein Ausdruck die Sache verfehlte. Wie wichtig ihr die Sprache war, kann man in einem „Fern­ sehgespräch mit Günter Gaus (1964)“ hören (https://www.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw) oder lesen (Literatur­ angabe XXXVII). Vergisst man ‚muttersprachliches‘ Denken, dann eignet man sich aus einer Fremdsprache lediglich Kli­ schees an. (Familiär-deutsche Ausdrücke im Folgenden wie ‚hin und weg‘ stammen nicht von der Doktorandin sondern von it.)

In der Dissertation drückt Arendt ihr Nachdenken mit eingemixten lateinischen und griechischen Worten aus. Lütkehaus sieht 2003 darin eine „Art von deutsch-lateinischem akademischen Pidgin“. Arendt selbst wollte auf diese Weise in ‚Kurzschrift‘ fassen (daran lag auch Augustin); beim Umformulieren des auf Deutsch Geschriebenen ins Englische hoffte sie, „daß es ein Mensch verstehen kann, der philosophische Stenographie nicht gelernt hat“ (LVI). Sie prüfte streng, was Augustin zu begreifen suchte, wenn er von ‚Liebe‘ sprach. Er bedachte, wie sein Lebenslauf es mit sich gebracht hatte, Verschiedenes nebeneinander (in Arendts Einleitung Seite 3): das, was aus griechischsprachiger Philosophie lateinischsprachigen Bürgern des Imperium Romanum überkommen war, und das, was ihm aus Predigten des Ambrosius in Mailand als Lehre der katholischen Kirche eingeleuchtet hatte.

Augustin kennt ein Gebotensein, das autoritativem Gebieten vorausgeht: „jene lex scripta in cordibus nostris“, die lautet „quod tibi fieri non vis alii ne feceris“ – was du nicht willst, dass man dir’s tu, das füge anderen nicht zu –, eine lex, die „ausdrücklich von der lex Dei geschieden ist“ (5f). Letzteres Gesetz nennt Arendt dogmatisch, ­ersteres vortheologisch. Das letztere verbildlichte ich mir: auf Steintafeln geschrieben dem Mose ausgehändigt (Exodus 32 und 34); darin ist geboten, dass Begehren, das wegnehmen will, nicht sein soll. Das erstere Gesetz ist physisch, von Natur, in unsere Lebewesen-Herzen geschrieben und macht uns fragen, was mit uns unter uns los ist (Römerbrief 2,14f). Augustin: „Quaestio mihi factus sum“ (6). Sich zur Frage gemacht worden sein – dieses Phänomen nimmt Arendt „als ein einfach vorgegebenes“ hin (9). Augustins Liebesbegrifflichkeit analysiert Arendt in drei Durchgängen. Teil I: In der Welt begegnet „Amor qua appetitus“ (11-39). Teil II: Die Bibel bezeugt die Liebesbeziehung „Creator – creatura“ (41-91). Sowohl in Teil I als auch in Teil II analysiert der Unterpunkt 1 vortheologisch, der Unterpunkt 2 konfrontiert dogmatisch „Caritas und cupiditas“. Der Unterpunkt 3 des Teils I thematisiert „Ordinata dilectio“ – geordnetes Lieben, der des Teils II „Dilectio proximi“ – Nächstenliebe. Teil III sucht den Grund, weshalb Liebe für „Vita socialis“ in der Welt überhaupt relevant wäre (93-111).

I.1: Der amor strebt hin zu einem Gut, bonum, in der Erwartung, mit ihm werde Leben glücklich, vita beata. Begehren stiftet eine Bindung zwischen dem Begehrenden und dem Begehrten. Ist das Begehrte erreicht, dann kommt Furcht auf, es zu verlieren. Güter, die sich im zeitlichen Lebensraum befinden, temporalia bona, vergehen unweigerlich. Um nicht fürchten zu müssen, erstrebe das Lebewesen unvergängliches Gut. Aber dessen Erreichen wird es, das vorläuft zum Tode, nie erleben. Dennoch erwartet es dieses zuhöchst erstrebte summum bonum. „Charakteristisch und verräterisch ist die Bezeichnung Gottes als res qua fruendum est“, als die Sache, in der esse und vivere identisch sind und die „zugleich die aeterna res ist, die begehrt wird“. (16) Gott, in dem Sein und Leben eins und dasselbe ist, werde begehrt als zukünftiger höchster ewiger Gegenstand des Genießens.

Das Streben nach Gegenständen in der vergänglichen Lebenswelt „nennt Augustin cupiditas; den rechten amor, der nach der Ewigkeit und der absoluten Zukunft strebt, caritas“ (18).

I.2: Augustin ist sich zur Frage gemacht worden. Im „a te audire de se“, Hören von Dir über sich, blitzt dem hingerissenen Ich ein, an wem es unentreißbar hängt. (21f) „In dem Desiderieren der Ewigkeit, das das amare ist, vergesse ich mich selbst.“ Ich bin hin und weg – weg! „Übersprungen wird das Menschliche als solches.“ Das nennt Arendt „‚pseudochristliche‘ Selbstverleugnung“. (24-26) I.3: Aus dem Abgelöstsein von der raumzeitlichen Menschenwelt ergibt sich „das freie, von ihr unabhängige sie Gebrauchen“, das uti als unterschieden vom frui=Genießen (32). Der Rückkehrer aus der „absoluten Zukunft“, in der er sich los geworden ist, ordnet im ihm Vorhandenen gemäß dem Anteil am Guten, was mehr oder weniger zu lieben sei. „Die pseudochristliche Selbstverleugnung ist am Ziel.“ (36) II.1: Dem Ersehnen der künftigen beata vita geht ein Erinnern voran; Erinnerung, memoria, lenkt zum Ursprung hin. Rechenschaft über gegangene Wege ablegend – confessio – in Liebe zu Gottes Liebe – amore amoris Dei – fragt der Erinnernde nach dem Woher der Seligkeit der heil gemachten Seele: „unde beata sit sancta anima“. (42f) Selbstverleugnung durfte „pseudochristlich“ genannt werden, insofern das Selbst sein „a Deo creatum esse“ los werden wollte. „Nihil est autem esse quam unum esse“. EINS-SEIN – Liebe! – bleibt. Vom Creator ins Sein gerufen ‚ist‘ creatura „nicht Sein schlechthin“, sondern existiert zwischen non esse und esse, kommt aus dem Nichts, ‚ist‘ nicht nichts, und eilt dem Nichts zu. Ein doppeltes ante (=vor) umgibt jedes creatum: vor ihm und ihm bevor ist Sein. Anfang und Ende sind für das faktisch existierende Leben vertauschbar. (46-49)

Augustins Erkenntnis wird hier von zweierlei geleitet: von der griechischen Auffassung des Seins als des bleibenden Guten, und von der biblischen Schöpfungsauffassung (Genesis 1), dass die geschaffene Welt mit der Zeit wird, sich ändert und vergeht. (50) Griechisch als chrónos gefasste Zeit ist bewegtes Abbild von immer gleich Bleibendem – das gleichmäßige Fortschreiten der Himmelskörper-Umläufe bildet die Ewigkeit ab (89). Jeder Teil des zeitförmigen Ewigkeits-Abbildes, des Universums, ‚ist‘ durch Anteil am gut geordneten Ganzen; was gut ist, bleibt. (51f) Den schaffenden Creator imitierend fabriziert der Mensch in der Welt aus etwas etwas außerhalb von ihm. In Imitation des liebenden Creators, an dem die creatura hängt, haftet sich der Mensch an fabrizierte Dinge. So wird Schöpfung zu Menschenwelt und Menschheit zu ‚Welt‘, saeculum. Für die aus Nichts hervorgerufene Schöpfung ist das „schlechthinnige ante“ das summum bonum ihres Schöpfers. (55-59) Der zeitliche Tod verweist auf das „ante der Zukünftigkeit“ (62). Da das Sein dem Leben zuvor und bevor ist, wird, wenn das Lebewesen nach seinem Sein fragt, der konkrete Verlauf des Lebens unwichtig (65) – die creatura fragt sich aus der Welt weg (50). II.2: „Nemo est qui non amet: sed quaeritur quid amet.“ Lieben tun alle; es fragt sich nur, was. Gott liebt zuvor; wie lieben wir? Der Tod zeigt dem Lebewesen das Herausgenommenwerden aus der Welt; Gott erwählt die creatura aus der Welt heraus; sollen wir uns aus der Welt weg lieben? (67f) Wir sind an die Welt gewöhnt; eigenmächtig hängen wir uns an sie; die lex, die ex Deo ist, stellt uns vors Angesicht Gottes, coram Deo, und klagt unser falsches Begehren an. Der Creator fordert ‚augenblicklich‘ das Lebewesen ins Lieben hinein (74-77) – Neuschöpfung der creatura aus Gnaden (81).

II.3: Herausgefordert liebt die creatura die Welt, die Anfang und Ende hat, sicut Deus, wie Gott sie liebt. Gottes Liebe entsprechend, so will es das überlieferte Gebot (Markusevangelium 12,30f und Parallelen), werde Gott geliebt und liebe der Mensch den Nächsten wie sich. Wie kann der aus der Welt heraus Erwählte, den die Welt samt seinem Selbst nichts mehr angeht, in der Welt überhaupt lieben? (84f) Wenn ich den Nächsten liebe wie mein eigentliches Sein bei Gott, stößt das den Nächsten nicht aus der Welt? (88) III: Wie kann es stimmen trotz der Unstimmigkeiten, zu denen Augustins begriffliche Fassungen führen, dass Liebe in weltlicher Nähe wichtig sein soll? (93) Durch gemeinsame Abstammung – von Adam – hängt in der gesamten Erdenbürgerschaft, civitas terrena, jeder mit jedem zusammen (96), so dass „nemo est in genere humano cui non dilectio … debeator“, Liebe niemandem im Menschengeschlecht nicht geschuldet ist (101, wie oft bei Augustin in doppelter Verneinung ausgedrückt, um nicht den Anschein zu erwecken, er kenne sich im Sein aus). Um miteinander zu leben, muss der eine dem anderen schon trauen, ohne sicher sein zu können, ob der ihm wohl oder übel will (97). Die Gefahr, aus dem Wohlwollen zu fallen, lauert ständig – bei anderen wie bei sich. Der „Sold“ dieses Sündenfalls (Römer 6,23) ist der „zweite“ Tod (Johannesapokalypse 20,14f), der fällig ist, wenn nichts im Buch des Lebens steht. (107-109) Gottes zuvorkommende Liebe hat sich auf Erden offenbart; in sie hineingerissen kann der Mensch ihr, dem „neuen Gebot“ Christi (Johannesevangelium 13,34), nachkommen (98f). „Extende caritatem per totum orbem, si vis Christum amare“ – willst du Christus lieben, dann weite die Liebe rings um den Erdkreis (105). ‚Indirekt‘ über Christus wird der coram Deo gestellte Einzelne ganz geliebt (109). Hannah Arendt lässt, wie sie dem Leser in der Einleitung ankündigt, die für systematisches Denken unverständlichen Widersprüche im Liebesbegriff bei Augustin stehen, will sie nur deutlich machen, auf dass sich zeige, „was hinter ihnen steht“ (9).

An Heinrich Blücher schrieb sie am 18. September 1937 („Wahrheit gibt es nur zu Zweien. Briefe an die Freunde“, herausgegeben von Ingeborg Nordmann 2013, 21): „…ich habe immer gewusst – schon [als] Göre –, dass ich wirklich nur existieren kann in der Liebe. Und hatte gerade darum solche Angst, dass ich einfach verloren gehen könnte. Und nahm mir meine Unabhängigkeit. Und bei der Liebe der andern, die mich für kalt erklärten, dachte ich immer: habt ihr ’ne Ahnung, wie gefährlich das ist und für mich wäre. Und als ich Dich dann traf, da hatte ich endlich keine Angst mehr … Immer noch scheint es mir unglaubhaft, dass ich beides habe kriegen können, die ‚große Liebe‘ und die Identität mit der eigenen Person. Und habe doch das eine erst, seit ich auch das andere habe. Weiß aber nun endlich auch, was Glück eigentlich ist.“ (it)

 

Johan Bouman: Augustinus. Die Theologie seiner Predigten über die Psalmen. Brill Deutschland Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 2019. 358 Seiten. Kartoniert. ISBN 978-3-506-78668-5. 69,00 €

Ein 400 DIN-A-4-Seiten umfassendes Typoskript aus dem Nachlass des niederländischen Theologen und Islamwissenschaftlers Johan Bouman (1918–1998) gelangte im Herbst 2015 an den Theologieprofessor Sven Grosse. Ihn ermutigte Christof Müller, Nachfolger Cornelius Mayers in der Leitung des Augustinus-Forschungszentrums Würzburg, zur Veröffentlichung. Am Lehrstuhl Grosses in Basel wurde ein Scan des Typoskripts angefertigt, die Scan-Datei in eine Textverarbeitungsdatei konvertiert und diese nach Fehlentzifferungen durchsucht. (7-9) Das Ergebnis liegt 2019 gedruckt vor (e-book ISBN 978-3-65778668-8).

Zunächst (11-16) würdigt Bouman Aurelius Augustinus (354–430) als Bischof von Hippo Regius. In dieses Amt in dieser Hafenstadt, einer bedeutenden civitas romana an der Nordküste Afrikas, hatte die katholische Kirche Augus­ tinus 395 berufen. Sein Dienst führte ihn auch in die noch prächtigere Weltstadt Carthago. Die ehemalige phönizische Handelskolonie war von Römern erobert, zerstört und im Imperium Romanum neu gegründet worden. In beiden Städten predigte Augustinus in den Jahren 304 bis 418 über die Psalmen. Die niedergeschriebenen Enarrationes in Psalmos sind sein umfangreichstes Werk. Augustinus las den Wortlaut der Psalmen in einer altlateinischen Version, der die Septuaginta-Übersetzung aus dem Hebräischen ins Griechische zugrunde lag.

Sodann (17-34) skizziert Bouman Augustins Auslegungs­ weise. Die ganze Bibel bezeugt Jesus Christus. Das Alte Tes­ tament zeigt im Zeichen – signum – auf ihn voraus; das Neue Testament zeigt auf den Sachverhalt – res –, dass das Wort Fleisch wurde (Johannes 1,14). Die Stimme des einen Menschen aus Haupt und Leib (275) – totus Christus – ge­ ben schon die Psalmen zu hören.

Der Bischof predigte vor meist nur spärlich Gebildeten; in Carthago standen allerdings vorne vor seinem Katheder Angehörige der gebildeteren Oberschicht (35). Im Folgenden durchleuchtet Bouman Aussagen Augustins in den einzelnen Predigten mit einem systematischen Raster: Gotteslehre (ab 39), Anthropologie (ab 69), Christologie (ab 118), Ekklesiologie (ab 188), Eschatologie (292). Er schließt mit einer Doxologie (321-323).

Was als Theologie ersichtlich wird, vergleicht Boumann mit einem Kaleidoskop (87, 99, 309): Augustinus zieht zu Stichworten aus den Psalmen Evangeliumsworte hinzu und fügt sie wie durchsichtige Farbplättchen harmonisch gespiegelt zueinander. Anders als in seinen theologischen Werken argumentiert er nicht, sondern lässt schauen. Bouman übersetzt die einschlägigen Aussagen; auf Lateinisch stehen sie in den Fußnoten. Zweispaltiger Druck, wie im „Augustinus-Zitatenschatz“ von Cornelius Mayer (7. Auflage 2018), wäre lesefreundlich gewesen. Informiert wird der Leser, wann die Predigten gehalten wurden und in welcher Situation: unter Druck durch um sich greifende religiöse Irrlehren sowie durch politische Verunsicherung. Die Westgoten unter Alarich eroberten am 24. August 410 Rom und plünderten drei Tage lang das Zentrum des Imperiums. Schuld an dieser Demütigung wurde den Christen angelastet. Die römischen Götter hätten das nie zugelassen; der Christengott aber hilft nicht gegen Gewalt. Mit dem Christenglauben kann kein Staatswesen sich behaupten (278). In Boumans Text sind die lateinischen Stichworte hervor­ gehoben, zum Beispiel in der Gotteslehre: Vater Sohn Geist bleibt ein Gott – idipsum –, nicht drei. Das Stichwortre­ gister (353-358) verzeichnet deutsche Begriffe, manchmal mit lateinischen Begriffen dahinter. Trinität ist angegeben. Der Kirchenlehrer Augustinus argumentiert im Werk De Trinitate: In Liebe – caritas –, dem Eigennamen des Geis­ tes, ist Gott eins – unus. Der Prediger Augustinus zeigt, dass Liebe die Gläubigen eint. „Caritas amatur“, die Liebe wird geliebt. Gott liebt so, dass wir lieben. Dieses „Verhältnis Gott und Mensch“ bildet den Schwerpunkt der Predigten (66f). Anthropologie: Adam irrte, als er „wie Gott“ – sicut deus (Ge­ nesis 3,5) – sein wollte in superbia, Hochmut, Selbstgenuss. So geriet er, gelockt von zu Naschendem, in die Mausefalle, in die Schlinge des Fallenstellers, dem Vogelfänger auf den Leim. Gottes Bild ist in uns eingeprägt wie in eine Münze. Ist die Prägung abgenutzt, dann muss sie erneuert wer­ den. Caesar sucht sein Bild auf einem Geldstück (Matthä­ us 22,20f); Gott sucht sein Bild im Menschen. Jesu Christi Weisung lädt ein, wie unser Vater im Himmel vollkommen zu sein, unsere Feinde und Verfolger zu lieben (Matthäus 5,44f). Hochmut schlug Wunden, Demut, die Christus Jesus uns zeigt (Philipper 2,8), heilt – et quia nos superbia vulneraverat, humilitas facit sanos (90).

Christologie: Augustinus schildert Gott den Mittler. Er ist un­ ser Haupt als Wort, durch das alles geschaffen worden ist, und Mensch, auf dass er neu mache – Deus ut crearet, homo ut recrearet; Deus ut faceret, homo ut reficeret (142). Sogar den Paulus, seinen Verfolger (Apostelgeschichte 9,4), hat er wiederhergestellt.

Ekklesiologie: Die menschliche Seele – psyché, anima – wur­ de griechisch-römisch als Schmetterling dargestellt. Augus­ tinus lässt die beiden Flügel als die alles zusammenfassen­ den Gebote der Liebe zu Gott und zum Nächsten (Matthäus 22,40) schauen. Die Geflügelten erfüllen Gebotenes mit Leichtigkeit, durch aufsteigende Wärme getragen, in erha­ benem Lebenswandel – nihil excelsius via caritatis, et non in illa ambulant nisi humiles (260).

Das Gemeinwesen Gottes – civitas Dei – ist Schau des Frie­ dens – visio pacis. Geboren ist jeder Mensch aus Adam, jeder gehört zum irdischen Gemeinwesen dazu. Kinder Gottes, wirkt und betet für Frieden auf Erden, solange eure Pilgerfahrt ins Vaterland zum letztendlichen Frieden – novissima pax – währt. (280f, 314)

Eschatologie: Am Kreuz erduldete der Mensch; im Gericht wird der gerichtete Mensch richten – in cruce patientia erat, in iudicio potentia erit (161, 294). Die endgültige Verurteilung wird sein, wenn Erdenlebenszeit zu Ende ist. Alles wird verzehrt, um vollendet zu werden, ganz durchs Feuer – totum ex mortali vita consumetur, ut in aeterna vita consummetur: erunt ergo illa holocausta (314f, zu Psalm 66,13 „Brandopfer“).

Doxologie: „In dem Lob Gottes vollendet sich die Heilsgeschichte, und Augustinus ruft die Kirche auf, sich mit allen Musikinstrumenten, die Psalm 150 auflistet, schon jetzt auf diese Hymne vorzubereiten.“ (323)

Über die lange Zeit, die es für einen Nicht-Lateiner wie mich dauert, Augustins wahre gute schöne poetische Verkündi­ gung nachzubuchstabieren, wird man zusätzlich aufgehal­ ten und unterhalten durch kuriose Entzifferungstaten des Scanners wie multiplieiter (22 A20 […citer]), plura litatem (47 A42 im Gegenüber zu aequalitatem), „Alles ist auch das Wort geworden“ (50, „auch“ statt „durch das Wort“, Johan­ nes 1,3), ab alterno (58 A20 [aeterno]). Mit „Weine aber nicht“ (246) beginnt kein Trost, sondern eine Ermahnung zum Stichwort Berge im Psalm 121,1: „Meine aber nicht, dass die Berge selbst dir Hilfe geben.“ (it)

Ilse Tödt (it), Dr. phil., Dr. theol. h.c., seit 1961 ­nebenamtlich Kolle­giums­mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg. itoedt@t-online.de 

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