Migration

Assimilation oder Multikulturalismus?

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 5/2019

Ruud Koopmans, Assimilation oder Multikulturalismus? Bedingungen gelungener Integration (Migra­ tion Bd. 4), Berlin: LIT 2017. Broschiert, 270 S., ISBN 978-3-643-13768-5. € 24,90 (auch als E-Book)

Der Niederländer Koopmans (geb. 1961) ist seit vielen Jahren in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Mi­gration engagiert. Er promovierte in Amsterdam mit einer Studie über neue soziale Bewegungen in Westdeutsch­land, unterrichtete von 2003 bis 2010 Soziologie an der Freien Universität Amsterdam und leitet seit 2007 die Ab­teilung „Migration, Integration, Transnationalisierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin. Daneben ist er Professor für Migrationsforschung an der HU Berlin. Aufgrund seiner kritischen Analyse der Integrationschancen insbesondere muslimischer Migranten wurde ihm öfters vorgeworfen, dass die Ergebnisse seiner Forschungen „Wasser auf die Mühlen von Rassisten und Populisten sei“ (so in einem In­terview mit der FAZ v. 29. April 2016). Koopmans kontert den Vorwurf, mit seinen Forderungen nach „Assimilation“ die Migranten zu diskriminieren, mit dem Hinweis auf die Ergebnisse seiner empirischen Studien.

In der Einführung seines Buches beschreibt er seinen eige­nen Weg vom „grünen“ Befürworter einer multikulturellen Gesellschaft zum Kritiker einer liberalen Migrationspolitik, wie sie früher in den Niederlanden und Schweden verfolgt wurde. Den Migranten sollte dort das Ankommen und Ein­leben möglichst erleichtert werden – durch Anerkennung ihrer Herkunftskultur, Sprache und Bräuche, durch groß­zügige Sozialleistungen, durch vereinfachte Einbürgerung, doppelte Staatsangehörigkeit usw. „Integrationsbarrieren“ wie Sprachtests und Erschwernisse beim Familiennachzug sollten gesenkt werden. Demgegenüber fand Koopmans bei seinen international vergleichenden Untersuchungen heraus, dass beispielsweise die Arbeitsmarktintegration tür­kischstämmiger Migranten in Deutschland besser zu gelin­gen schien als in den früher eher permissiven Niederlanden. Assimilation, verstanden als Annäherung der Migranten an die Mehrheitsgesellschaft, scheint erhebliche Vorteile zu bieten. Jeder, der auch nur ein wenig Erfahrungen mit Zuwanderern hat, weiß, dass die wichtigste Voraussetzung für eine gelingende Integration darin besteht, die Sprache der Mehrheitsgesellschaft nicht nur ansatzweise zu verste­hen, sondern hinreichend zu beherrschen. Ohne sprach­liche Kompetenz gibt es keinen, allenfalls einen schlecht bezahlten Job als Hilfsarbeiter. Aber kann und darf man von Migranten erwarten, dass sie sich der Kultur ihres Zu­wanderungslandes „anpassen“, oder ist die Erwartung von Assimilation nichts weniger als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, wie Koopmans (leider ohne Beleg) den türkischen Präsidenten Erdogan zitiert (S. 14)? Im vorliegenden Buch hat Koopmans einige seiner Un­tersuchungen zu „Assimilation und Integration“ zusam­mengestellt, die teilweise erstmalig ins Deutsche übersetzt worden sind. Sein erklärtes Ziel ist, zu einer „gerechten und vernünftigen Migrationspolitik“ beizutragen. Dazu gehört für ihn, nicht nur die Integration der Zuwandern­ den in Gesellschaft und Staat zu fördern, sondern auch die Hindernisse, die dem in manchen Strukturen der Mi­granten-Gruppen und der Zuwanderungsgesellschaft ent­gegenstehen, zu analysieren und auch nach den Rechten der nationalen Mehrheiten im Blick auf deren kulturellen Traditionen zu fragen. Kein Wunder, dass hier die Kritiker Koopmans ansetzen.

Das Buch umfasst zwei Teile. Im ersten Teil werden in sechs Kapiteln „die wichtigsten Schlussfolgerungen mei­ner Arbeit“ vorgestellt (S. 9), während der zweite Teil vier schon früher publizierte Aufsätze umfasst. Drei da­von (Kap. 7-9) bieten die empirischen Grundlagen für die wertenden Interpretationen des Verfassers in Teil 1. Da­bei stehen die eigenen Forschungen des Verfassers und seine Auseinandersetzungen mit anderen Untersuchun­gen im Vordergrund. (Der „Quellennachweis“ auf S. 256 ist ganz unzureichend; hingegen sind der ausführliche tabellarische Anhang mitsamt dem Nachweis der –selek­tiv – herangezogenen Literatur hilfreich.) Die Teile sind derart miteinander verschränkt, dass die interpretierenden Schlussfolgerungen von Teil 1 sich auf die Analysen in Teil 2 beziehen. Allerdings hat das abschließende Kap. 10 wiederum primär wertenden Charakter. Ich erwähne diese Eigenheiten der Organisation des Buches, weil damit ein wichtiger Grundzug – oder methodischer Mangel – in den Blick kommt: Das ungeklärte Verhältnis von empirischen und normativen Perspektiven.

Diese Problematik führt unmittelbar in das Zentrum man­cher sozialwissenschaftlicher Debatten über Migration und Integration. Die empirisch-statistischen Datenmengen, die heute der Forschung zur Verfügung stehen, sind immens. Es muss also für bestimmte Fragestellungen und For­schungsinteressen eine Auswahl getroffen werden. Diese Selektion wiederum wirkt sich unvermeidlich auf das Ver­ständnis und die Verknüpfung der Daten und folgeweise auf die Interpretationen der Forschenden aus. Exemplarisch dafür ist im vorliegenden Buch, dass und wie der Verfas­ser in dem Schlüsselaufsatz „Funktioniert Assimilation?“ (Kap. 7, zuerst 2016 veröffentlicht) aufgrund seiner empi­rischen Befunde die These von der ethnischen Benachtei­ligung arbeitsuchender Immigranten revidiert. Er kommt zu dem Schluss, dass im Falle der Arbeitsmarktbeteiligung der Muslime keineswegs „Diskriminierung“ (im Sinne einer Ungleichbehandlung aufgrund von Religion, „Rasse“ oder Hautfarbe) die Hauptursache für ihre unzureichende Ar­beitsmarktbeteiligung ist, sondern soziokulturelle Einflüsse wie Sprachkenntnisse, soziale Kontakte, Geschlechterrollen usw. Unstrittig ist, dass die Arbeitslosenquote bei muslimi­schen Zuwanderern höher ist als bei den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, aber die Frage ist, welches die rele­vanten Ursachen dafür sind. Zur Revision der verbreiteten ethnischen Diskriminierungsthese unterzieht Koopmans die in der Fachliteratur verwendeten Daten und ihre Opera­tionalisierungen einer eingehenden kritischen Diskussion. Methodisch verwendet er die sog. „logistische Regressions­analyse“ (S. 89), um die Frage nach wirksamen sozialen Ur­sachen zu präzisieren.¹ Im Ergebnis stellt er der verbreiteten These von der „ethnischen Benachteiligung“ seine Behaup­tung entgegen, dass die „soziokulturelle Assimilation die Chancen auf Beschäftigung“ erhöht (S. 99 ff). Es ist nicht verwunderlich, dass diese These scharfen Wi­derspruch ausgelöst hat. Aber an einem einfachen Beispiel lässt sich Koopmans’ Kritik plausibel machen: Unstrittig ist, dass der Bildungsstand von Eltern die Chancen ihrer Kinder mitprägt. Das gilt für natives wie für migrants. Welche Sprache vorwiegend in den Familien und in der Umgebung der Zuwandernden gesprochen wird, ist für die Kinder und ihr Fortkommen ganz entscheidend. Wer sich sprachlich abschottet, verliert die Chancen der Kommuni­kation, der sozialen Anerkennung und der Beschäftigung. Darum ist wichtig, dass Kinder Radio und Fernsehen in der Sprache der Zuwanderungsgesellschaft verstehen, den Kindergarten besuchen und soziale Kontakte über ihre sprachliche Herkunft hinaus als selbstverständlich wahr­ nehmen. Wer die Sprache der Zuwanderungsgesellschaft nicht beherrscht, kann als KfZ-Mechaniker die Kunden nicht gut beraten.

¹ Die Regressionsanalyse ist eine anspruchsvolle sozialwissenschaftli­che, mathematisch unterstützte Technik, mittels derer das Verhältnis von (sehr zahlreichen) unabhängigen und abhängigen Variablen ge­testet wird. Vgl. dazu die Hinweise auf der Homepage der Uni Zü­ rich: https://www.methodenberatung.uzh.ch/de/datenanalyse_spss/zusammenhaenge/lreg.html (20.07.2019).

Die meisten Aufsätze des Buches bewegen sich im Span­nungsfeld von entgegenkommender Sozialpolitik und kla­ren Forderungen der Integration, welche eine „kulturelle Anpassung“ (S. 24) einschließt. Zu fragen ist: Wieweit können oder dürfen solche Erwartungen an „Assimilati­on“ aber gehen? Erfordert Integration die Anpassung an vorherrschende Muster einer „Leitkultur“, sofern sich eine solche identifizieren lässt? Sollen Migranten ihre religiö­sen Bräuche, ihre Auffassungen von Familie und Ehe, ih­re sozialen Praktiken von Hilfe und Gehorsam über Bord werfen? (Etliche dieser Dimensionen von Integration be­rücksichtigt Koopmans freilich in diesem Buch nicht oder nur am Rande.) Oder geht es vor allem um die Aufgabe „fundamentalistischer“, intoleranter, möglicherweise ge­ waltbereiter Glaubensüberzeugungen, also um die be­wusste Übernahme der unverzichtbaren, für alle Menschen geltenden Grundordnungen in einem Rechtsstaat und die Achtung der Einstellungen und Verhaltensweisen einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft? Koopmans Studie über „Religiöser Fundamentalismus und Fremdenfeind­lichkeit: Muslime und Christen im europäischen Vergleich“ (Kap. 9: S. 151-193)diskutiert sehr viele Facetten dieses Problemfeldes und ist erfreulich skeptisch gegenüber allen Generalisierungen. Er stellt aber auch fest, dass in etlichen Ländern religiös motivierte Gewaltbereitschaft unter be­stimmten muslimischen Gruppen deutlich höher ist als bei den christlichen Fundamentalisten der Zuwanderungsge­sellschaft. Er skizziert weitere dringende Forschungsauf­gaben und kommt zu dem Ergebnis, „dass religiöser Fun­damentalismus nicht ein inhärentes Merkmal islamischer Religiosität ist, sondern, genau wie bei Christen, eine Vari­able, die in ihren Ursachen und Konsequenzen untersucht werden sollte.“ (192)

Drei Aspekte des Buches hebe ich abschließend hervor: (1) Koopmans ist ein überzeugender Vertreter der Einsicht, dass ohne solide empirische Forschung die Bedingungen gelingender Integration nicht geklärt werden können. (2) Die Zuordnung der Buchkapitel und die eigene Position des Autors lassen nicht immer eine hinreichende Unter­scheidung von empirischer Analyse und normativen Stel­lungnahmen erkennen. (3) Über die teilweise hoch-aggre­gierten globalen Vergleiche hinaus sind regionale und so­gar lokale Untersuchungen zu Migration und Integration der verschiedenen Generationen unabdingbar.(wl)

2 Grundlagen sind eigene empirische Forschungen unter türkischen und marokkanischen Einwanderern und einheimischen Vergleichs­gruppen in sechs westeuropäischen Ländern (Umfrage im Jahr 2008), dazu kommt die Auswertung einer großen Anzahl global und regio­nal vergleichender Studien. Manche der verwendeten Datensätze sind älteren Datums und müssten darum aktualisiert werden. Koopmans hat seine Datenauswahl und Operationalisierung eingehend darge­stellt (S. 164-185). Die kritische Prüfung ist Sache der Fachsoziolo­gen.

3 Vgl. dazu Veröffentlichungen wie Wolf-Dietrich Bukow u.a. (Hg.), Partizipation in der Einwanderungsgesellschaft, Wiesbaden: Springer VS 2013.

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