Paläoanthropologie

ARCHÄOLOGIE | PALÄOANTHROPOLOGIE

Jürgen Richter: Altsteinzeit. Der Weg der frühen Menschen von Afrika bis in die Mitte Europas. Stuttgart, W. Kohlhammer, 2018, 232, S., 86 Abbildungen, 9 Tabellen, ISBN 978-3-17-033676-6. € 30,00

Migrationen sind kein Phänomen der Gegenwart. Seit seiner Entstehung in Afrika war das Genus Homo ein Wanderer. Der frühe Mensch war ein obligater, partieller Karnivore, der in enger Abhängigkeit zur Großfauna stand und nur als Kleptoparasit der Beute von Großkarnivoren und/oder als Jäger die gemäßigten Zonen besiedeln konnte. Entgegen der früheren paläoanthropologischen Vorstellung, die eine eurozentrische Entstehung des frühen Menschen annahm, wissen wir aufgrund zahlreicher Fossilfunde und deren vergleichend-morphologischer und paläogenetischer Auswertung sowie aufgrund paläoökologischer, faunistischer und archäologischer Quellen, dass der Mensch nach seiner Entstehung und Entwicklung aus australopithecinen Vorfahrenformen sehr bald den Weg über den Nahen Osten nach Eurasien (z.B. Dmanisi, Georgien; 1,85 MJ) und nach SO-Asien und später auch nach Mitteleuropa einschlug.

Die Rekonstruktion des Ausbreitungsprozesses des frühen Menschen über die Alte Welt bis hin zur Sesshaftwerdung des modernen Menschen in Zentraleuropa ist der Gegenstand des vorliegenden Bandes. Verfasser ist Jürgen Richter, der als Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln forscht und lehrt. Als prähistorischer Archäologe, der von 2009–2013 den DFG-Sonderforschungsbereich 806 – Unser Weg nach Europa: Kultur-Umwelt-Interaktion und menschliche Mobiltät im Späten Quartär – federführend leitete, ist der Autor bestens mit den anthropo-archäologischen, paläoklimatologischen, umweltbedingten, soziostrukturellen und chronologischen Gesichtspunkten der Fragestellung vertraut. Darüber hinaus kooperierte die Universität Köln mit dem Neanderthal-Museum in Mettmann und weiteren Partnern aus dem Bereich der Anthropologie und Paläogenetik bei der Konzeption der kürzlich gezeigten Sonderausstellung „2 Millionen Jahre Migration“, so dass sich der vorliegende Band als ein themenbezogenes „Begleitbuch“ bzw. „eine Art Führung durch ein imaginäres Museum“ (S. 6) versteht. Jürgen Richter konzediert, dass der Band keine „irgendwie vollständige“ wissenschaftliche Information liefert. Vielmehr wurden die Inhalte „sehr subjektiv ausgewählt“ (S. 1) und müssten nicht zwingend von vorne bis hinten durchgelesen werden, sondern sind eher eine Einladung zum Schmökern, eine „Erzählung“ über „die frühen Wege der Menschheit“ (S. 6). Entstanden ist ein anschaulich illustrierter, vorwiegend archäologisch ausgerichteter Abriss der Menschheitsgeschichte und der Migrationen des frühen Menschen, der im Altpaläolithikum mit seinen „huftierverzehrenden Steppenläufern, die gelegentlich Werkzeuge gebrauchten“ (S. 8) beginnt und über das Mittelpaläolithikum bis hin zum Jungpaläolithikum und Spätpaläolithikum reicht.

Der sorgfältig recherchierte Band liefert zunächst einen gelungenen wissenschaftshistorischen Einstieg in die Anfänge der Archäologie des Paläolithikums (Kap. 2, S. 11f.). Es folgt ein kursorischer Abriss Von den ersten Menschen bis zum Homo sapiens (Kap. 3, S. 26f.). Da es zu letzterer Thematik ausführliche Abhandlungen gibt, ist diese kurze anthropologische Abhandlung angemessen, zumal die Literaturhinweise vertiefende Studien anführen.

Es folgen ein intensiv illustriertes Kapitel über Die frühesten Kulturen in Afrika (Kap. 4, S. 41f.) und Ausführungen über älteste Steinartefakt-Industrien sowie Lager- und Aktionsplätze. Weitere Themen befassen sich mit methodologischen Erläuterungen zur Processual Archaeology, den frühen Outof-Africa-Migrationen nach Eurasien und dem paläoökologischen Wandel vom Oldowan zum Acheuléen. Das sehr faktenreiche Kapitel über Faustkeile bzw. Cleaver des Acheuléen sowie über ausgewählte Fundstätten wie Kärlich, Bilzingsleben und Schöningen verdeutlicht, dass trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte noch viele Fragen offen sind. Die speziellen Kapitel Wie wurden Faustkeile gemacht? und Das Jahrhundert-Objekt: Der Faustkeil von Salzuflen führen in detaillierte Fragen der Methodologie ein, während das 8. Kapitel sich den Fragen zuwendet, wie das Mittelpaläolithikum verlief, wie geschäftete Steinwerkzeuge entstanden und wie Löss-Abfolgen vom Oberrhein bis Transkarpatien und die Vulkan-Chronologie zu deuten sind.

Im 9. Kapitel wirft Richter die Frage auf, ob es mittelpaläolithische Migrationen gab, und erläutert, wie das LevalloisKonzept, eine besondere Herstellung von Silexabschlägen, Afrika mit Europa verbindet.

In den darauffolgenden Beiträgen geht es um Kulturen des Neandertalers:

Moustérien und Micoquien und Neandertaler in ihrer Landschaft. Diese Inhalte dürften jeden, der sich mit anthropologisch-archäologischen Fragestellungen dieser Menschenart befasst, besonders interessieren. Für Multiplikatoren dieser Fachrichtung bietet dieses Kapitel hervorragende Schaubilder und vielfältige Anregungen zur Unterrichtsgestaltung.

Es folgt ein Kapitel über die ästhetisch beeindruckenden Blattspitzen des Spätmittelpaläolithikums mit einer Reflexion über deren Alter, bevor im 13. Kapitel der lange Weg des modernen Menschen von der afrikanischen Savanne in die Mammutsteppe kurz – vielleicht aufgrund der jüngsten paläogenetischen Befunde zu kurz – thematisiert wird. Aber auch hier hilft die angeführte Literatur weiter. Das 14. Kapitel befasst sich mit dem Jungpaläolithikum und der vor ca. 42.000 J. erfolgenden Immigration der anatomisch-modernen Wildbeuter nach Zentraleuropa. Es geht vorwiegend um die materielle Vielfalt und die neuen Ideen, die sich deutlich von denen der Neandertaler absetzten. Jürgen Richter zeichnet die Einwanderungsschneisen im Aurignacien nach, beschreibt die Revolution der „Knochentechnik“, spekuliert über „[D]ie geschlossene Tür zwischen Afrika und Eurasien“ (S. 202) und die paläoökologischen Lebensverhältnisse der spätpaläolithischen Waldjäger und der Rentierjäger im jüngeren Spätpaläolithikum, um dann im 15. und letzten Kapitel einen summarischen Blick auf den Homo migrans zu werfen.

Mit dem Band Altsteinzeit ist eine individuell gefärbte, sehr lesenswerte archäologische Einführung in „Räume, Zeiten und Methoden“ unserer Menschheitsentwicklung gelungen, in der Mobilität und Migration mit Recht als intrinsische Bestandteile unserer Menschwerdung und unseres Menschseins erscheinen. Sieht man von der nicht ganz stimmigen linearen Anordnung der Kapitel und einigen unpassenden Ausdrücken wie „explosionsartige Entwicklung der Homininen“ (S. 29) sowie wenigen orthografischen resp. grammatikalischen Rechtschreibungsfehlern ab [u.a. tschadensis statt chadensis (S. 31) , Altpaläolithikum statt Altpaläololithikum (S. 100), Umwelt statt Unwelt (S. 135), erkennen statt erkennnen (S. 148), intellektuellen statt intelektuellen (S. 207 ) sowie u.a. den Namen statt des Namen (S. 21), Verbindungen statt Verbindung (S. 85)], so liegt hier ein inhaltlich und didaktisch gelungenes und anschaulich illustriertes Lehrbuch vor, das nicht nur allen Lehrenden und Studierenden der Archäologie und Anthropologie, sondern auch jedem an der Menschheitsentwicklung interessierten Laien nachdrücklich als hochinformative Lektüre empfohlen werden kann. (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der LeibnizSozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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