Kunst, Psychologie

Angst in der Kunst

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2019

Katharina Domschke: Angst in der Kunst. Ikonographie einer Grundemotion. Kohlhammer, 1. Aufl. 2019, 200 S., geb., ISBN 978-3-17-035150-9. € 49,00

Univ.-Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke, M.A. (USA), ist Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg. Die internationale führende Expertin auf dem Gebiet der Diagnostik, Therapie und Prävention von Angsterkrankungen sowie deren neurobiologischen Grundlagen hat in ihrem Buch „Angst in der Kunst“ Gemälde und Skulpturen, Fotografien und Installationen zusammengetragen, die von den Künstlern ausdrücklich in den Kontext von Angst, Furcht oder Schrecken gestellt wurden. (ab)

Frau Professorin Domschke, wie haben Sie Ihr Buch konzipiert?

Anhand von 70 Kunstwerken, die sich explizit mit dem Thema Angst, Furcht oder Schrecken auseinandersetzen, werden die verschiedenen Facetten der Angst beleuchtet – von kindlicher Angst bis zur Todesangst, von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ängsten, von ganz realen Ängsten bis hin zu Angsterkrankungen, von der Entstehung der Angst bis zu ihrer Überwindung, vom Stigma bis zur Prävention. Zu Beginn führt ein übergreifendes Konzept zu Angst und Angsterkrankungen systematisch in die Thematik ein, die einzelnen Abbildungen werden dann jeweils von einem Essay begleitet, der psychiatrisch-psychologische, aber auch kunsthistorische, philosophische, literarische, musikalische, gesellschaftliche oder theologische Bezüge herzustellen versucht. Es handelt sich also, wenn Sie so wollen, um ein ganz anderes Lehrbuch der Angst – eben aus dem primären Blickwinkel der Kunst.

Warum sind Sie so fasziniert von den Spuren der Angst in der Kunst?

Die Angst ist zunächst einmal eine notwendige und sogar überlebenssichernde Grundemotion, ein Gefühl, das unsere Gesellschaft beschäftigt und das jeder einzelne von uns kennt. Als Psychiaterin und Psychotherapeutin spreche ich mit meinen Patientinnen und Patienten darüber hinaus aber auch über quälende, lebensverändernde Ängste. Das sind dann Ängste, die bei etwa 15 Prozent

unserer Bevölkerung zumindest zeitweilig zur Erkrankung geworden sind. Im Gespräch über die Angst – sei es in unserer Gesellschaft oder in der Therapie – fällt mir auf, dass Worte oft unzureichend sind, diese Gefühle zu artikulieren. Das mag daran liegen, dass sich eine Emotion wie die Angst ohnehin der exakten verbalen Beschreibung entzieht, aber auch daran, dass die Angst manchmal einfach unaussprechlich schrecklich ist. Die bildende Kunst findet andere Wege des Ausdrucks, eine nonverbale Bild- und Formensprache, die einen alternativen Zugang zu diesem Gefühl erlaubt.

Und dieser Zugang kann bei der Bewältigung der Angst hilfreich sein?

Ja, die in der Malerei, in Skulpturen, Fotografien oder Installationen visualisierte, materialisierte Angst wird dann plötzlich im wahrsten Sinn des Wortes anschaulich und begreifbar – und damit eben über das Wort hinaus unmittelbarer erfahrbar, verständlicher, erträglicher und vielleicht auch besser zu bewältigen.

Das ist also ganz und gar kein gewöhnlicher Bildband.

Ja, denn dieser kommentierte Bildband ist nicht einem bestimmten Künstler, einer bestimmten Stilrichtung, einer Epoche oder einer besonderen Ausstellung gewidmet, sondern stellt tatsächlich erstmalig die Angst als ein Gefühl ins Zentrum. Das hat über die Jahrhunderte hinweg verschiedenste Künstler inspiriert und beschäftigt.

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