Kolumne

Alleine!

Aus: fachbuchjournal Ausgabe 3/2017

Vereinte Kräfte des Universums, schenkt mir Barmherzigkeit, Liebe und viel Geduld! Mein Sohn ist drei und befindet sich in der „Pubertät“.

Alles begann damit, dass ich den kleinen Mann vom Waldkindergarten abholte. Ein blauer Himmel spannte sich über einen nach Harz duftenden Kiefernwald, Wurzeln knackten unter meinen Füßen und Emil düste mit seinem neuen Laufrad zum Parkplatz. Ich öffnete den Kofferraum und griff nach dem Sattel des kleinen Rades. Wütend stieß er meine Hand zur Seite. „Das kann ich alleine!“

Hätte ich gewusst, dass die nächsten Wochen von vier Wörtern beherrscht werden, wäre ich sicherlich nicht so ruhig geblieben. So jedoch verstaute ich seinen Helm und Rucksack, aß die letzten Apfelstücke der Frühstücksbox, umrundete unseren Wagen und beobachtete, wie er nach einigen gescheiterten Versuchen das geliebtes Laufrad ins Auto wuchtete. Ich war stolz auf ihn. Wer so viel Durchhaltevermögen besitzt, wird es im Leben leichter haben.

„So, jetzt klettere bitte in deinen Sitz! Wir müssen uns ein wenig beeilen, weil wir ja diesen Termin beim Arzt haben. – Ich schnall dich schnell an!“

Der darauffolgende Wutanfall war ohrenbetäubend. Zuletzt versuchte er, aus seinem Sitz nach mir zu treten. Ich glaubte, mit einem wilden Tier unterwegs zu sein. Sein Durchhaltevermögen war erneut beeindruckend. Ich erreichte die Praxis wie nach einem Nahkampfeinsatz: nassgeschwitzt und total erledigt. Der kleine Mann – ich musste ihn mit aller Kraft ins Treppenhaus tragen – war längst wieder mit sich im Reinen, weil er die Knöpfe des Aufzugs drücken durfte („Alleine!!“). Während ich die Versichertenkarte zückte, begann er, äußerst entspannt, vom Bi-Ba-Butzemann zu erzählen. Auf dem Weg zum Wartezimmer hörte ich die mir bekannten Worte. „Das kann ich alleine!“ Eine Mutter schimpfte mit ihrem Kind, das mit aller Wucht auf dem Boden stampfte. Gummibärchen lagen verstreut herum.

„Er hat die Packung nicht aufbekommen“, schüttelte sie den Kopf, nachdem ich mich geoutet hatte. „Ich wollte ihm einfach helfen.“

Ein Vater, zwei Stühle entfernt, schaltete sich in unser Gespräch mit ein. „Gestern wurde ich gebissen“, erklärte er. „Meine Tochter“ – er deutete auf ein Mädchen, das allerliebst ihren kleinen Bruder streichelte –, „wollte meiner Frau zeigen, wie sie auf einem Bein um einen Fußball hüpft. Ich habe das nicht gewusst und ganz kurz den Ball gekickt …“ Für einen Augenblick dachte ich darüber nach, ob ich die Sprechstundenhilfe nach Kaffee fragen sollte. Wann stößt man schon einmal zu einer spontanen Selbsthilfegruppe! Stattdessen erinnerte ich mich an eine Erkenntnis, die wir schon bei mehreren Wachstumsphasen gehabt hatten. „Wenn der Wahnsinn am Kochen ist“, sagte ich, „wenn man sich beinahe daran gewöhnt hat, hört es auch wieder auf.“ Wie auf Kommando sahen wir alle auf unsere Kinder, die in der Spielecke verschwunden waren. Sie waren versunken in sich, bauten Türme, blickten in Bilderbücher. – Grenzen, dachte ich, sie wollen alle unsere Grenzen kennen. Erst dann können sie uns sehen und sich selbst begreifen. Die Sprechstundenhilfe erschien im Wartezimmer. „Herr Kröner und Emil, bitte!“

Matthias Kröner, 1977 in Nürnberg geboren, lebt und arbeitet seit 2007 als Autor, Journalist, Redakteur und Kolumnist in der Nähe von Lübeck. Seine subjektiv verfassten Reiseführer „Lübeck MMCity“ und „Hamburg MM-City“ (Michael Müller Verlag) sind Sparten-Bestseller. 2014 erschien sein Erzählband „Junger Hund. Ausbrüche und Revolten“ (Stories & Friends Verlag). 2016 kam sein erster Mundart-Gedichtband „Dahamm und Anderswo“ bei ars vivendi heraus.

matthias.kroener@gmx.de

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