Anthropologie

Affen wie wir

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 6/2018

Alexandra Tischel: Affen wie wir. Was die Literatur über uns und unsere nächsten Verwandten erzählt. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart, Springer Nature, 2018, 218 Seiten, 21 Abb., ISBN 978-347604598 (eBook inside). € 19,90

Was zeichnet den Menschen im Unterschied zu den Tieren aus, speziell zu den uns so ähnlichen Affen? Welche physischen, kognitiven, sozialen, moralischen oder religiösen Merkmale begründen unsere Sonderstellung im Kosmos? Von der Antike bis heute gehört die Mensch-Tier-Differenz zu den anthropologischen Grundfragen der Philosophie. Auch nach dem evolutionsbiologischen Paradigmenwechsel hält die Suche nach unserem spezifischen Alleinstellungsmerkmal weiter an. Mit ausgefeilten Hypothesen und elaboriertem Methodeninventar suchen Anthropologen, Primatologen, Genetiker und Neurowissenschaftler nach fundierten Antworten auf unsere Identität.

Daneben haben sich Literaten „mit all ihrer imagitativen Kraft“ (S. 2) auf vielfältigste erzählerische Weise um Verständigung bzgl. dieses Grundproblems bemüht. „Beinahe beliebig kann man ein philosophisches oder literarisches Werk aufschlagen, unweigerlich trifft man auf die Anthropologische Differenz“, behauptet der Baseler Philosoph Markus Wild [in Borgards, R. (2016, Hrsg.) Tiere. Kulturwissenschaftliches Handbuch. Metzler, S. 47; vgl. FBJ 5/2017, S. 67-68, Rezension wh].

In zwölf dichten Kapiteln stellt die Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Alexandra Tischel den wissenschaftlichen und philosophischen Antworten auf die Grundfrage des Menschseins spannende, kreative, kuriose, befremdende und empörende Fiktionen der Literatur gegenüber, „Erzählungen, die unser Verhältnis zu unseren nächsten Verwandten behandeln“ (1).

Das Einstiegskapitel greift die evolutionsbiologische Rolle der Ernährung für die Hominisation auf. Bereits im 18. Jhdt. beschrieb der schottische Schriftsteller James Boswell den Menschen als „ein kochendes Tier“ (5) und formulierte eine Ernährungshypothese, die der britische Paläoanthropologe Richard Wrangham 2009 in seinem Buch Catching Fire weithin publik machte. Dieser wissenschaftlichen Koch-Hypothese stellt Alexandra Tischel Yann Martells Roman Life of Pi (dt.: Schiffbruch mit Tiger) gegenüber, in dem es um ein fiktives Experiment zu menschlichem und tierischem Nahrungsverhalten geht. Der Roman schildert den Wandel von einer „realistisch erzählte(n) Tiergeschichte “ in „eine bloße Fabel […], eine ‚Deckerzählung‘ für menschliche Grenzüberschreitungen“ (17), ist ein faszinierender ethischer Exkurs über Nahrungstabus und Kannibalismus.

Aggressive Tierliebe wird nur allzu gern ins Reich der Fabel verbannt, aber Biruté Galdikas‘ Gruselgeschichte von der Vergewaltigung einer Köchin ihres Auswilderungscamps durch einen halbwüchsigen Orang-Utan war offenbar ein artgemäßes Verhalten, „auch wenn sich die Attacke auf ein artfremdes ‚Weibchen‘ richtete“ (23). Obwohl man annehmen darf, dass es sich bei dieser zügellosen tierischen Sexualität um ein extrem seltenes Ereignis handelt, greift die Literatur das sexuelle Motiv in zahlreichen phantastischen Varianten auf, z.B. in Johann Peter Schnabels Roman Die Insel Felsenburg (1731-34), in Voltaires Candide (1759) und jüngst auf verstörende Weise in Peter Høegs Roman Die Frau und der Affe (1996). Kreuzungen von Tieren und Menschen sind ein immer wiederkehrendes literarisches Thema. So abartig es auch klingt, die Hybridisierung von Menschenaffen und Menschen wurde auch als wissenschaftliches Experiment erwogen, wie die Versuche des russischen Biologen Ilja Iwanow zeigen. Wissenschaftshistorisch ist die Sektion eines „Ourang-Outangs“ erstmals durch den holländischen Arzt Jacob de Bondt (1658) belegt und die eines Waldmenschen durch Edward Tyson (1699). Der britische Mediziner klassifizierte den – wie man heute weiß – Schimpansen aufgrund seiner Anatomie als Affen und nicht als Mensch, eine Einschätzung, die durch JeanJacques Rousseaus Diskurs über die Ungleichheit (1755) und seine Theorie vom homme sauvage in Frage gestellt wurde. In seiner Erzählung Quidquid volueris (1837) greift Gustave Flaubert dieses Thema auf und imaginiert mit seiner Affenfigur Djalioh eine „traurige und monströse Kreatur, für deren romantische Liebe kein Platz in der bourgeoisen Realität ist“ (53). Nach literaturwissenschaftlicher Interpretation belegt Flaubert damit „die Unmöglichkeit der Romantik“ (53). In einem Buch, in dem es um die Ähnlichkeit und Verwandtschaft zwischen Mensch und Menschenaffe geht, darf die Kontroverse um die Darwin-Rezeption nicht fehlen. Tischel rekapituliert kurz die öffentliche Auseinandersetzung um die Affentheorie und die antidarwinistische Polemik, um dann auf äußerst unterhaltsame Weise an Wilhelm Raabes Roman Der Lar „die Kernfrage nach der sozialen Natur des Menschen“ (66) aufzugreifen. Durch die vergleichende Einbeziehung der philosophischen Position von Thomas Hobbes und Michael Tomasellos soziobiologischer Theorie gelingt ein konzises Kapitel aus natur- und literaturwissenschaftlicher Sicht. Seit Jane Goodalls Feldforschung belegt die Primatologie „Infantizid, Kannibalismus, Folter und vorsätzliche Tötung“ (80) und zerstörte damit die Lieblingsfigur der Milieutheoretiker von einem friedlichen Schimpansen. An William Boyds Roman Brazzaville Beach (1990) schildert Alexandra Tischel den „Erkenntniskonflikt“, den die Feldstudien verursachten, beschreibt den „frappierende(n) Überschuss an Grausamkeit“ (80), nicht ohne vor dem naturalistischen Fehlschluss einer Reduzierung unserer biologischen Disposition auf einen ‚Killeraffen‘ (92) zu warnen.

Da es in äffischen Gesellschaften um Ranghierarchien geht, überrascht es nicht, dass der englische Schriftsteller Will Self das Thema in Die schöne Welt der Affen (engl. Great Apes, 1997) aufgreift, interessanterweise in Umkehrung der Rangordnung. Die „Erzählung, die nach dem Modell der verkehrten Welt funktioniert“ (S. 96), eröffnet einen humorvollen und auch irritierenden lasziven Perspektivwechsel, der nachdenklich macht, denn „[a]lles könnte auch ganz anders sein“ (103). Im Weiteren geht es um den Topos des Nüsse fressenden Affen und die Frage, wer ahmt eigentlich wen nach? Auch wenn man die Erzählungen des Nachäffens kennt, bietet Tischels Literaturanalyse neue Einsichten. Das gilt insbesondere für die Interpretation von Edgar Allan Poes Roman Die Morde in der Rue Morgue (1841). Ihre Schilderung von „Dupins Meisterschaft des Verstehens“ (121) animiert einen, die älteste Detektivgeschichte der Weltliteratur erneut zu lesen. Gibt es einen künstlerischen Affen? Selbst für Künstler galt in der Antike lange Zeit die abschätzige Formel „ars simia naturae“ (127), eine Bewertung der künstlerischen Nachahmung, die Aristoteles ins Positive änderte, und E.T.A. Hoffmann erschaffte mit dem Affen Milo gar die Phantasiefigur eines gebildeten Affen. Tischel interpretiert Milo vor dem Hintergrund des ethologischen Prinzips „imitation of the fittest“ (133). In den letzten Kapiteln geht es um die Klassiker Todesbewusstsein und Verzeitlichung als anthropologische Differenz, die beispielhaft an Gottfried Schnabels Roman Insel Felsenburg erörtert werden. Ferner darf der evolutionäre Blick auf die Sprache nicht fehlen, beginnend mit Georg Schwidetzkys origineller Studie Sprechen Sie Schimpansisch?, die das Forschungsthema Tier- und Ursprache provokant angeht. Natürlich werden – mit hinreichender kritischer Distanz – die (sprachlich?) kommunizierenden Menschenaffen Kanzi, Koko, Lucy und Washoe vorgestellt und auf literarischer Ebene die grandiosen Erzählungen von E.T.A. Hoffmann und Franz Kafka sowie Colin McAdams vielschichtiger Roman Eine schöne Wahrheit (2013) interpretiert.

Narbenschrift lautet das vorletzte Kapitel, in dem es um Kafkas Erzählung Ein Bericht für eine Akademie (1917) geht, in der an dem Affen Rotpeter „eine Art Analogon der Menschwerdung und damit der Gedächtnisentwicklung imaginiert [wird]“ (171). Schon allein Tichels Literaturanalyse von Kafkas parodistischem Menschenbild macht die Lektüre dieses Buchs lohnenswert, lässt einen Rotpeters Autobiographie mit neuen Augen sehen (178).

Im letzten Kapitel geht es um die Frage, ob wir das subjektive Erleben anderer Lebewesen jemals nachvollziehen können.

Charles Fosters Versuch, wie ein Dachs zu leben (vgl. Being a Beast, 2016), oder der philosophische Aufsatz von Thomas Nagel (What It Is Like to Be a Bat?, 1974) zeigen das methodische Dilemma, uns fehlt die kognitive Fähigkeit, uns in eine andere Spezies hineinzuversetzen. Das, was die Wissenschaft nicht kann, da Empathie und Imagination unangemessene Erkenntnisformen sind, vermag John Maxwell Coetzees Roman Elisabeth Costello (2003). Seine Erzählung gibt „auf den Geist der Tiere eine spezifisch literarische Antwort“ (192), bündelt die Diskurse von Philosophie, Naturwissenschaft und Literatur und verhilft dem „Anthropomorphismus der Literatur zu einer Erkenntnisform eigenen Rechts“ (188). Nagels Sachbuch ist ein grandioses Plädoyer für die Rolle der Literatur und die Funktion der Literaturwissenschaft. Die kompetent an den Befunden der Evolutionsbiologie und der Philosophie gespiegelten Analysen der narrativen Grenzüberschreitungen zwischen Menschen und Primaten ziehen einen unweigerlich in den Bann. Fachleser und interessierte Laien finden kreative, originelle, unterhaltsame und nachdenkliche Antworten auf zentrale Fragen des Menschseins, − die immanente Anregung eingeschlossen, Romane von G. Flaubert, W. Raabe, E.A. Poe, F. Kafka, H. M. Coetzee erneut zu lesen oder erstmals in die Hand zu nehmen. Kann ein Sachbuch mehr leisten? (wh)

Prof. Dr. Dr. h.c. Winfried Henke (wh) war bis 2010 Akadem. Direktor am Institut für Anthropologie, Fachbereich 10 (Biologie), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

henkew@uni-mainz.de

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