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150 Jahre Verlag Eugen Ulmer

Aus: fachbuchjournal-Ausgabe 4/2019

Ulmer, Matthias: Medienbauer. Die Geschichte des Verlag Eugen Ulmer 1868–2018. 2018. 792 S., ca. 500 Abbildungen, geb. ISBN 978-3-8186-0542-1. € 50,00

„Die Kenntnis der Berufsgeschichte ist eine der Hauptgrundlagen der Berufsethik.“Dieses Zitat von Robert Zander (1892–1969), Verfasser von Standardwerken der Botanik und Autor im Verlag Eugen Ulmer, stellt ­Matthias Ulmer seiner Verlagsgeschichte voran. Der Satz kann programmatisch für das vorliegende Werk stehen: Ulmers Werk besticht nicht nur durch eine detailreiche Darstellung der Geschichte seines Verlags, sondern auch durch eine kritische Würdigung der Vergangenheit des vor hundertfünfzig Jahren gegründeten Verlags. Außergewöhnlich ist bereits, dass der Verleger selbst sich in jahrelanger Arbeit der Historie seines Verlags widmet, Archivmaterial sichtet und sich auf die Spuren der eigenen Vergangenheit begibt. Das Ergebnis kann sich optisch wie inhaltlich sehen lassen: Auf über fünfhundert Seiten stellt Ulmer nicht nur die Geschichte des Verlags in den verschiedenen Epochen dar, sondern auch die Entwicklung der für den Verlag programmatisch wichtigen Themenfelder Naturschutz, Landwirtschaft und Gartenbau.

Das Werk gliedert sich in drei Teile: Nach der eigentlichen Verlagshistorie – eingebettet in die Geschichte der Fachverlage und Entwicklungen im Buchhandel allgemein – stellt Ulmer als „Hidden Track“ die bisher insgesamt wenig erforschte Geschichte der Fachzeitschriften dar. Die Entwicklungsgeschichte der wichtigsten Programmschwerpunkte wird mit Blick auf die eigenen Publikationen, aber immer auch integriert in die größeren Zusammenhänge der Wissenschaftsdisziplin beschrieben. Hier scheut das Werk ebenfalls nicht die kritische Auseinandersetzung mit Themen wie „Naturschutz und Nationalsozialismus“. Die Geschichte des Gartenbaus hat sich seit dem 19. Jahrhundert mit Zierpflanzen-, Stauden- und Obstanbau differenziert entwickelt, diesem Umstand trägt Ulmer in einzelnen kleineren Kapiteln Rechnung. Dabei behandelt Ulmer in Exkursen das für den Verlag wichtige „Wochenblatt“, aber auch die „Gründung der Königlich landwirtschaftlichen Anstalt Hohenheim“ oder wie der Verlag „zu den Schafen kam“. Im Rahmen von Exkursen reflektiert Ulmer so unterschiedliche Themen wie den „Eskapismus als Zeitgeist“ anhand der Zeitschriften „Die Gartenlaube“ und „Landlust“, Frauen im Buchhandel, die Schriftarten zur Zeit des Nationalsozialismus, die Gründung der „Uni-Taschenbücher“ (UTB) sowie „Ratgeber im Buchhandel“.

Der Vater des Firmengründers, Karl Ulmer, betrieb eine Apotheke in Nürtingen, siedelte dann nach Ravensburg um, wo die Tochter in die Dorn’sche Buchhandlung einheiratete. Wohl auch durch die Kontakte verbrachte Eugen Ulmer die Lehrjahre bei seinem Schwager, arbeitete bei Christian Belser und heiratete später dessen Tochter Pauline. Nach dem Tod des Schwagers kam Eugen Ulmer der Bitte seiner Schwester nach, die Dorn’sche Buchhandlung fortzuführen bis der Sohn, Otto Maier, volljährig war. Bei der Aufteilung des Unternehmens 1873 behielt Eugen Ulmer den Verlag und siedelte mit dem Unternehmen und seiner Familie 1874 von Ravensburg nach Stuttgart um. Das Gründungsjahr des Verlags rekurriert auf das 1868 von Eugen Ulmer versendete Zirkular zur Übernahme der Dorn’schen Buchhandlung und der Fortführung unter eigener Firma. Tragende Säule des jungen Verlags waren die aus dem Stuttgarter Verlag Ebner & Seubert übernommenen Publikationen von Eduard Lucas wie das Handbuch der Obstkunde, die Zeitschrift Illustrierte Monatshefte für Obst- und Weinbau oder das Praktische Gartenbuch, das schon seit 1814 im Markt eingeführt war. Durch seine umfangreichen Kenntnisse des Buchhandels konnte Eugen Ulmer bereits in den ersten Jahren ein breites Verlagsprogramm anbieten: Von der Anleitung zum Zuckerrübenbau über eine Beschreibung der nützlichsten Getreidearten bis hin zum Bereich der Exkursionsflora.

Ulmer stellt anschaulich dar, wie der Verlag auch im Kaiserreich seiner programmatischen Ausrichtung treu bleibt. Der Verlag liegt damit im Trend der damaligen Zeit, in der sich Universalverlage zu spezialisierten Fachverlagen ausdifferenzierten und zu expandieren begannen. 1898 trat Eugen Ulmer jun. in den Verlag ein, 1900 wurde Richard Ulmer Teilhaber, der fortan das Programm des Verlags prägte. Im 20. Jahrhundert hatte der Verlag die Herausforderungen zu meistern, mit denen die meisten Verlage konfrontiert waren: Der erste Weltkrieg war eine von Entbehrungen geprägt Zeit, es erschienen Werke wie Der Krieg und die deutsche Landwirtschaft oder Flugschriften mit appellativen Titeln wie Pflanzen! Gemüse!Eine Aufforderung zum Gemüseanbau. Im Dritten Reich musste der Verlag – mit Inhabern, die keine ausgewiesen Anhänger des Nationalsozialismus waren – den Balanceakt schaffen zwischen Anpassung an die Erwartungen des Regimes und der Treue zu den eigenen Überzeugungen und Prinzipien. Die „Haltung des Weitermachens“ spielte bei dem Verleger Richard Ulmer nach 1933 eine große Rolle.2 Im Gegensatz zu früheren Verlagsgeschichten von 1968 und 1993 beschäftigt sich Ulmer dabei eingehender auch mit schwierigen Fragen der eigenen Geschichte. Statt das bisherige Narrativ über die Zeit des Nationalsozialismus zu übernehmen, wertet er Archivmaterial erneut aus und korrigiert an einigen Stellen eine zu unkritische Selbstdarstellung. Der Verlag verschrieb sich zwar nicht der nationalsozialistischen Ideologie, muss sich aber doch auch einige belastete Werke und die Zusammenarbeit mit verschiedenen ideologischen Autoren vorhalten. Ebenso litt er zwar unter der staatlichen Begünstigung des konkurrierenden Reichsnährstand Verlags, konnte seine Tätigkeit aber doch weitgehend fortsetzen. Ulmer sieht, dass der Verlag in einer „singulären, glücklichen Situation“ gewesen sei und „sich vielen Anfechtungen und Problemen nicht stellen musste, die für andere existenzbedrohend waren.“3 Die Nachkriegszeit war von den üblichen Herausforderungen gekennzeichnet, zusätzlich gestaltete sich der Generationenwechsel im Verlag schwierig. In dieser Situation übernahm die langjährige Mitarbeiterin von Richard Ulmer, Lisel Voigt, die Verlagsgeschäfte. Von Vorteil für den Ulmer Verlag erwies sich der Umstand, dass Militärregierung und deutsche Verwaltung ein hohes Interesse an der Förderung der Landwirtschaft hatten, ferner dass Richard Ulmer bereits im September 1945 wieder eine Verlagslizenz erhielt. 1955 konnte der Verlag aus seinem Zwischenquartier Ludwigsburg zurück nach Stuttgart ziehen, zum 100jährigen wurde ein Neubau fertiggestellt. Richard Ulmer, der den Verlag bis in sein 92. Lebensjahr geführt hat, übergab an seinen Enkel, Roland Ulmer, der wiederum von Matthias Ulmer – dem Verfasser des vorliegenden Werkes – abgelöst wurde. Das Werk bewältigt die Themenfülle durch eine stringente Gliederung entsprechend der historischen Epochen und verlagsgeschichtlichen Zäsuren. Es erzählt fundiert und nicht selten unterhaltsam die prototypische Geschichte eines Fachverlags von seiner Gründung im 19. Jahrhundert bis zu den Veränderungen im 21. Jahrhundert. Wenn buchwissenschaftlich gelegentlich kritisch angemerkt wird, dass Verlagsfestschriften sich bewusst sein sollten, dass „ihr Haus nur Teil des Buchhandels ist und daß das geplante Werk dementsprechend als Teilbild des Buchhandels gewertet wird.“4, so hat dies Ulmer uneingeschränkt berücksichtigt. Sein Anspruch geht immer über die Darstellung der eigenen Geschichte hinaus: Nicht nur in der Breite der behandelten Themen, sondern auch in Details wie den Einblicken in epochentypische Schriftarten mit kurzen Erläuterungen der typografischen Hintergründe. Insgesamt reiht sich Ulmers Werk ein in die Reihe der besonders informativen und werthaltigen Jubiläumsschriften und steht würdig neben Veröffentlichungen wie von Brockhaus (2005), Oldenbourg (2008) oder C.H. Beck (2013). ˜

Dr. Ulrike Henschel ist Juristin, Geschäftsführerin des Kommunal- und Schul-Verlags in der Verlagsgruppe C.H.Beck und korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Über die Entwicklung des juristischen Verlagswesens hat sie am Buchwissenschaftlichen Institut in Mainz promoviert. Ulrike.Henschel@kommunalpraxis.de

1 Ulmer, S. 2.

2 Ulmer, S. 127.

3 Ulmer, S. 127. 

4 Schulz: Grundsätzliches zum Thema Firmenfestschriften, In: Buchhandelsgeschichte (1979), S. 44.

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