Bauer, Reinhard: Die digitale Bibliothek von Babel. Über den Umgang mit Wissensressourcen im Web 2.0.

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Rezensent: 
Unser Rezensent Dr. Wilfried Sühl-Strohmenger, geb. 1950, studierte Erziehungswissenschaft, Politikwissenschaft, Germanistik und Geschichte an der Universität Freiburg und ist seit 1986 an der Universitätsbibliothek Freiburg tätig. Er leitet dort das Dezernat Bibliothekssystem, betreut mehrere Fachreferate und engagiert sich als Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten auf dem Gebiet der „Teaching Library“. Er interessiert sich für ein der hybriden Wissenswelt angemessenes Verständnis von Informationskompetenz und für deren bestmögliche Förderung im Bibliotheks- und Bildungswesen.
Buchangaben: 

Boizenburg: Verlag Werner Hülsbusch 2010. 169 S. Euro 26.90 ISBN 978-3- 940317-71-1

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Der Autor arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien an der Donau-Universität Krems (Österreich). Dort hat Bauer 2008/09 seine Master Thesis eingereicht, die er für das vorliegende Buch überarbeitet und aktualisiert hat. Eingeflossen sind zudem seine Berufserfahrungen als Lehrer an einer kaufmännischen Schule, als Bibliothekar und als Universitätslektor für Fachdidaktik. Bauer beginnt mit einigen erkenntnisleitenden Reflexionen zu Borges Erzählung „Die Bibliothek von Babel“, die die Fiktion einer unendlichen und universalen Bibliothek umschreibe und zu der das Web 2.0 in gewisser Weise das digitale Gegenstück sei. Jedes Buch bei Borges entstehe aus einem vorausgegangenen, alle Wörter und Buchstaben seien schon einmal verwendet worden. Insofern werde der Text von Borges vielfach als Vorläufer der Hypertextualität und Intermedialität gesehen, insofern mit der Struktur des World Wide Web vergleichbar. Hier wie dort stünden allerdings die Leser und Nutzer vor dem Problem, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu müssen, zumal es keinen alphabetischen oder systematischen Katalog gebe. Man brauche wieder so etwas wie Bildung, die dazu befähige, Webressourcen zu bewerten. Dazu bedürfe es des persönlichen Wissensmanagements und einer medienpädagogisch fundierten Didaktik für webbasiertes, vernetztes Lernen. Bauer möchte nun näheren Aufschluss darüber geben, ob der durch Web 2.0 eingeleitete Paradigmenwechsel beim Umgang mit Wissen zu einem Niedergang der Bildung geführt hat, wie man aus der Informationsfülle im Web 2.0 möglichst rasch und effektiv die relevanten und qualitativ hochwertigen Informationen herausfiltert, wie gut gestaltete Webseiten aussehen, wenn sie als vertrauenswürdig gelten wollen, ob die Nutzer des Web 2.0 über eine Art Informationskompetenz 2.0 verfügen müssen und, wenn ja, was diese ausmache. Seine Leitfragen sind also: Welche Auswahlkriterien gibt es, welcher Form der Informationskompetenz bedarf es für einen adäquaten Umgang mit Webressourcen? Wesentliches Charakteristikum des Web 2.0 sei, dass die Nutzer das Wissen selbst generierten und sich darüber mit anderen austauschten, durch Online-Communities oder durch soziale Informationsplattformen wie Facebook oder durch Weblogs. Es handele sich um prinzipiell offene Systeme, vergleichbar Digitalisierungsprojekten, etwa „Open Library“, in der alle Bücher mit digitalisierten Bildseiten weltweit in einer Datenbank nach dem Muster der Wikipedia erfasst werden sollten. Auch Bibliotheken könnten durch die Digitalisierung ihrer Bestände einen wichtigen Beitrag zur Öffnung des Wissens leisten, bei Verwendung von Social Software, darüber hinaus in einen engeren Kontakt mit ihren Nutzern treten. Die Grenzen zwischen Nutzer und Informationssystem würden im Zeitalter des Web 2.0 ohnehin immer stärker aufbrechen. Das Web 2.0 sieht Bauer als Herausforderung für das E-Learning. Bei der Wikipedia könne jeder die Einträge in der Online-Enzyklopädie ändern. Um aber zum Administrator aufzusteigen, bedürfe es einer größeren Erfahrung und eines hohen Vertrauens der Community. Man müsse also aktiv in Communities of Practice beteiligt sein, so auch beim E-Learning 2.0. Der Zugang zu Kursmaterialien und Unterrichtswerkzeugen, die Fähigkeit zur selbstständigen Informationsbeschaffung und Wissensaneignung und Peer Reviews zur Qualitätssicherung spielten dabei eine entscheide Rolle. Bauer bezieht sich nachdrücklich auf die Open Educational Resources (OER)-Bewegung, denn dabei seien alle Lehr- und Lernmaterialien, die online frei zugänglich sind, veränderbar und nutzbar. Dies sowie E-Science bzw. Enhanced Science (erweiterte Wissenschaft, die sich mit Wissensvernetzung, E-Learning, Open Access und Grid Computing befasse), E-Humanities (virtuelle Forschungsumgebung für Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften) sowie die Ressourcen des Web 2.0 seien Bedingungen für das „open Participatory-Lear-ning-Ökosystem E-Learning 2.0“ (S. 60). Es gehe nicht mehr um das Was, sondern um das Wie des Lernens, wie es eine Opening-up-Education ermögliche. Ausführlich befasst sich Bauer auch mit der Informationsbewertung. Er spricht von webliographischer Evaluierung, ausgehend von gedruckten Bücher und Zeitschriften, sodann im Hinblick auf eigentliche Webressourcen. Für die Evaluierung von Websites spielten die Aspekte der Urheberschaft, zum Beispiel anhand der Webadresse (URL), der Intention und der Zielgruppe eine Rolle. Das Web 2.0 stellt also erhebliche Anforderungen an „neue“ Kompetenzen, eben Informationskompetenz, neben der IKT-Kompetenz und der Medienkompetenz Es gehe nicht nur um den technischen Zugang zu einem neuen Medium, sondern vor allem um das Erkennen eines Informationsbedarfs, um das Sammeln und Auffinden von Information, die Interpretation der Quellen, das Ordnen und das Bewerten, das Adaptieren, Anwenden und Erfinden und den kommunikativen Austausch von Information. Die Standards der Information Literacy, wie sie die Association of College & Research Libraries (ACRL) veröffentlicht hat, umschrieben diese Merkmale recht präzise. In Anlehnung an Hapke (2007) greift Bauer schließlich auf den Vorschlag einer Informationskompetenz 2.0 zurück, weil es beim Lernen, Studieren und Forschen heute wie in Zukunft wesentlich um die Auseinandersetzung mit Web 2.0-Inhal-ten gehe. Diese erlerne man nicht primär in Extra-Kursen zur Vermittlung von Informationskompetenz, sondern „Die lernenden User müssen eigenverantwortlich aus einer Aufgabe heraus den Umgang mit Web 2.0-Inhalten selbst gesteuert erlernen“ (S. 141). Man merkt dem Buch von Bauer streckenweise an, dass es auf eine Qualifizierungsarbeit zurückgeht. Die theoretischen Ausführungen wirken bisweilen etwas bemüht, dennoch ist die Lektüre all denjenigen nachdrücklich zu empfehlen, die sich mit den Möglichkeiten des Web 2.0 auf dem Feld der Informations- und Wissensverarbeitung vertieft beschäftigen.