Evan Kuhlman: Der letzte unsichtbare Junge.

Printer-friendly version
Rezensent: 
Unsere Rezensentin Katrin Raetzel, Jahrgang 1978, studierte Musikwissenschaften und Romanistik an den Universitäten in Marburg an der Lahn, Ferrara (Italien) und Frankfurt am Main. Nach ihrem Magisterabschluss arbeitete sie vier Jahre in Festanstellung am Mainfrankentheater Würzburg. Zurzeit promoviert sie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main im Bereich Kinder-und Jugendliteratur.
Buchangaben: 

Deutscher Taschenbuch Verlag München 2010. 285 S., geb. ISBN 978-3-423-76001-0 € 14,95

Bild1_S.77_.jpg

Finn Garrett ist zwölf Jahre alt und hat seinen Vater überraschend verloren. „Der letzte unsichtbare Junge” bezeichnet er als seine offizielle Autobiografie, in ihr verarbeitet Finn den schweren Verlust. Rein äußerlich scheint die Geschichte davon zu handeln, wie Finn nach dem Tod seines Vaters langsam unsichtbar zu werden droht, das heißt er büßt jeden Tag ein bisschen mehr von seiner Farbe ein. Doch das Aufschreiben der eigenen Geschichte rund um „den Tag, der alles veränderte” wirkt auf Finn als Selbsttherapie und Verarbeitung des Schmerzes. Im ersten Drittel des Buches wechseln Kapitel, die die äußeren Familienverhältnisse beschreiben, mit solchen, in denen er sich als Superheld im Weltall oder als Meerjunge mit Flossen und Kiemen träumt. Das ist großteils recht amüsant, aber dahinter steckt eine Flucht in die Kindheit, die ihm aber zum einen wegen des schweren Schicksalsschlags und zum anderen wegen seines Alters nur kurzfristig gelingen kann. Irgendwann kommt Finn nicht mehr darum herum, den Tod seines Vaters und die nachfolgenden Tage zu beschreiben und durch das Aufschreiben zu reflektieren. Erst durch diese Reflexion endet Finns Flucht vor seinen Problemen und es beginnt seine ureigene Art der Trauerbewältigung, beispielsweise indem er einen Erinnerungsbaum für seinen Vater pflanzt. Auch gegen Ende des Buches gibt es noch Kapitel, die als Logbucheinträge eines Raumschiffes überschrieben sind, doch die Funktion dieser Kapitel hat sich geändert, nun bedeuten sie keine Flucht mehr, sondern sie stehen wieder für die überbordende Fantasie eines Jugendlichen, der eben doch noch zu einem Gutteil Kind geblieben ist. Ein durchaus amüsantes Buch, dem es aber nicht an nachdenklichen Seiten fehlt. Sicher insbesondere für ältere Kinder geeignet, die kein allzu schwermütiges und tristes Buch über das Thema Tod, Trauer und Verlust lesen wollen.