Joachim Baur: Die Musealisierung der Migration. Einwanderungsmuseen und die Inszenierung der multikulturellen Nation.

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Rezensent: 
Unsere Rezensentin Dr. Bärbel Maul ist Leiterin des Stadt- und Industriemuseums in Rüsselsheim. baerbel.maul@ruesselsheim.de
Buchangaben: 

Bielefeld: transcript Verlag 2009.
ISBN 978-3-8376-1264-6
€ 34,80

Die Musealisierung der Migration

Zum absoluten „must“ für den durchschnittlichen New York-Touristen gehört die „Lady in the Harbor“ auf Liberty Island. Das Programm für den fortgeschrittenen Besucher von „Big Apple“ sieht inzwischen fast ebenso zwingend das „Museum of Immigration“ auf dem benachbarten Ellis Island vor. Hier – auf der „Insel der Tränen und der Hoffnung“ –errichteten die Vereinigten Staaten im Jahr 1892 eine Einwanderer-Kontrollstation für Immigranten, während zugleich die Einwanderungsbestimmungen verschärft wurden. Seit dem Jahr 1990 wird in diesem historischen Gebäudekomplex die Geschichte der Einwanderung in die USA erzählt. Zu den Kuriositäten dieser Pilgerstätte zählt die wall of honor, auf der 200.000 Namen verzeichnet sind. Den herkömmlichen Reiseführern ist zu entnehmen, dass es sich hierbei um die Namen von Einwanderern handele. Dass die Namensliste vielmehr Ergebnis einer geschickten Fundraising-Kampagne ist und eher wenig mit den Migranten zu tun hat, die ihren Fuß nach Ellis Island setzten, ist nur eines der vielen interessanten Details, die Joachim Baur zu diesem Komplex zusammen getragen hat.
Neben dem New Yorker Museum für Migration untersucht Baur in seiner im Jahr 2008 an der Universität Tübingen eingereichten Dissertation zwei weitere Häuser, die in der Nachfolge und zum Teil in direkter Nachahmung des amerikanischen Modells in Kanada und Australien den Besuchern ihr Pforten öffneten: Pier 21 in Halifax, ein kanadisches Einwanderermuseum sowie – als Abteilung des Museum Victoria – das Immigration Museum Melbourne in Australien. Den größten Raum in der Untersuchung nimmt allerdings schon aufgrund der komplexen Entstehungsbedingungen und des umfangreichen Quellenmaterials das US-amerikanische Museum ein.
Die Konstruktion von nationaler Geschichte als gemeinsam geteilte Kultur, Geschichte und Erinnerung ist angesichts von Globalisierung und innergesellschaftlicher Differenzierung an ihre Grenzen geraten. Die zentrale These Baurs ist nun, dass über die Geschichtserzählungen der nationalen Migrationsmuseen die Nation nicht dekonstruiert wird, sondern vielmehr neu und mit abgewandeltem Vokabular wiedererzählt wird. An die Stelle von Einheit durch Homogenität ist in dieser Inszenierung von nationaler Geschichte nun die Einheit in der Vielfalt, der Lobgesang auf die multikulturelle Nation getreten. Anhand von Archivmaterialien aus dem Entstehungszusammenhang der Ausstellungshäuser und Interviews sowie einer sorgfältigen Analyse der jeweiligen musealen Präsentationen spürt Baur den nationalen Meistererzählungen in einer globalisierten Welt nach – und ihren Meistern: Wer verfügt jeweils über die kulturelle Hegemonie über das, was erzählenswert erscheint und welche Geschichte(n) unerzählt bleiben?
Bei allen nationalen Unterschieden, bei der Verschiedenheit der Entstehungsbedingungen, der Zuständigkeiten, des unterschiedlichen Umfangs des Budgets bis hin zu den Besucherzahlen, die die Häuser jährlich generieren (Ellis Island: 2.000.000; Immigration Museum Melbourne: 100.000), verblüffen die Gemeinsamkeiten in der Ausrichtung: In allen drei Fällen wird das Einwanderermuseum zur Bühne, auf der die multikulturelle Gesellschaft vermittels des Topos „Einheit in der Vielfalt“ inszeniert wird. Der Blick richtet sich in Abkehr von überkommenen Konzepten der Darstellung von Immigrationsgeschichte weg von der Präsentation der Migration als Erfolgstory einzelner in der Gesellschaft angekommener Eingewanderter. Doch gerade beim Versuch, die Geschichte der Einwanderung als „Geschichte von unten“ zu erzählen, werden die Stimmen der einzelnen Protagonisten, die in den Ausstellungshäusern gehört werden, zum Chor der erfolgreichen Namenlosen. Differenzierungen bleiben auf der Strecke, Erfahrungen von Rückwanderungen und Scheitern bleiben unsichtbar oder werden marginalisiert – so die Kritik Baurs an den Präsentationen.
Auch in Deutschland ist die Frage, wie Migration musealisiert werden kann, in den letzten Jahren virulent geworden. In verschiedenen Ausstellungsprojekten tasteten sich Kuratorinnen und Kuratoren an das Thema heran und erprobten den musealen Umgang mit Einwanderung und kultureller Vielfalt. Der erst jüngst zur Selbsterkenntnis, ein Einwanderungsland zu sein, gelangte Staat ist vom abgeklärten Umgang mit dem Thema allerdings noch weit entfernt, wenn – wie dies kürzlich im Deutschen Historischen Museum in Berlin geschehen ist – der Staatsminister für Kultur zensierend in eine Ausstellung zum Thema Migration eingreift. Mit welchen Objekten erzählt man die Geschichte der Einwanderung nach Deutschland? Welche Perspektive wird eingenommen? Ist die Arbeit mit Biographien ein Königsweg zur Darstellung von Migrationsgeschichte, wie es Baur in seiner Studie nahe legt? Bei der Schilderung der differenziert entwickelten Lebensgeschichten im Melbourner Museum vermerkt Baur jedoch irritiert, dass diese sich jeweils trotz aller Komplexität zum Ende hin immer wieder als Erfolgsgeschichten von „Mustermigranten“ entfalten. Das sollte nicht verwundern, ist doch das biographische Narrativ ähnlich wie das der Nation von seinem Ende her, nämlich der Gegenwart, strukturiert. Eine Biographie wird als schlüssige Abfolge von einzelnen Stationen zu einem Ende hin erzählt und zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Erzählende als handelndes Subjekt konstruiert, das Grenzen überwindet, Gefahren übersteht, Krisen bewältigt, Ziele erreicht.
Das Buch bietet neben einer detailreichen und theoriegesättigten Darstellung der drei Fallstudien eine Fülle von Anregungen zum Nachdenken über eine noch immer ungeklärte Frage: die Rolle und Aufgabe des Museums in der Einwanderungsgesellschaft.