Nominiert für das Wissensbuch des Jahres

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ISBN: 
978-3-527-41211-2
Untertitel: 
„Die Machiavellis der Wissenschaft“ Das Netzwerk des Leugnens - Übersetzt von Leipner, Hartmut S.
978-3-527-41211-2
Autor(en): 
Naomi Oreskes / Erik M. Conway
Verlag: 

Wiley-VCH, Berlin

Buchangaben: 

1. Auflage September 2014
24,90 Euro
2014. XX, 280 Seiten, Hardcover
- Sachbuch -
ISBN 978-3-527-41211-2 - Wiley-VCH, Berlin
Preis inkl. Mehrwertsteuer zzgl. Versandkosten.

Lesen Sie hie unsere Rezension:

Die Machiavellis der Wissenschaft
Das Netzwerk des Leugnens [aus dem Englischen von Hartmut S. Leipner).

Naomi Oreskes / Erik M. Conway: Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens [aus dem Englischen von Hartmut S. Leipner). ERLEBNIS wissenschaft.
Weinheim: Wiley-VCH, 2014, ISBN 978-3-527-41211-2, 363 Seiten, Geb. € 24,90

Obwohl das vorliegende Sachbuch bereits 2010 unter dem Titel „Merchants of Doubt“ erschien, hat diese wissenschaftshistorische Recherche über gezielte Manipulation wissenschaftlicher Fakten und lancierte mediale Verunsicherung nach wie vor aufrüttelnde Brisanz. Es geht um das Fehlverhalten einer Gruppe amerikanischer Wissenschaftler, die jegliche Verantwortung und Ethik in der Wissenschaft negierte und angetrieben durch ideologische und politische Motive „,… gegen wissenschaftliche Wahrheit kampfte und Verwirrung in einigen der wichtigsten Themen unserer Zeit stiftete.“ (s. S. xxix)
Oreskes und Conway legen anhand akribisch gesammelter, glaubwürdiger Quellen dar, dass es den Protagonisten Fredrick Seitz, Fred Singer, Bill Nierenberg und Robert Jastrow, allesamt hoch reputierte Physiker, von denen einige an der Entwicklung der Atombombe beteiligt und vom Kalten Krieg geprägt waren, gar nicht um den fairen wissenschaftlichen Diskurs ging. Wie hätte das auch sein können, denn sie besaßen keine Expertise in Umwelt- und Gesundheitsfragen; aber sie hatten aufgrund ihrer Funktionen in wissenschaftlichen und politikberatenden Institutionen viel Macht und Einfluss in der scientific community und Politik. Als überzeugte Antikommunisten und Industrielobbyisten nutzten sie ihre Prominenz nachweislich zur Verteidigung der „Ideologie des Laissez-Faire-Kapitalismus“.

Dass Rauchen und auch Passivrauchen die Gesundheit gefährdet, gilt heute als unbestritten; aber aufgrund der von der Tabakindustrie unterstützten destruktiven Lobbyarbeit der oben genannten Forscher brauchte es Jahrzehnte, bis sich diese wissenschaftliche Erkenntnis in einem Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und am Arbeitsplatz niederschlug. Weitere Themen, die die Autoren mit Akribie recherchierten, betreffen die systematische Leugnung des Risikos eines nuklearen Winters im Zusammenhang mit der von US-Präsident Ronald Reagan 1983 angeordneten Strategic Defense Initiative (SDI), besser bekannt als „Krieg der Sterne“, ferner die Umweltschädigung durch sauren Regen, die Ausdünnung der Ozonschicht durch Chloratome aus FCKW (sog. Ozonloch), die Klimaerwärmung durch Treibhausgase sowie die Gesundheitsgefährdung durch das Pflanzenschutzmittel DDT. In all diesen Fällen führte das Netzwerk der Leugner zur jahrelangen Behinderung der notwendigen Schritte zur Risikominderung
und damit zu Etappensiegen der skrupellosen Lobbyisten, d.h. der Verhinderung staatlicher Regulierung einer perfiden profitorientierten Industrie.

Dass sich der wissenschaftliche Konsens – sieht man mal von der anhaltenden Kontroverse um die Ursachen des Klimawandels vorerst noch ab – letztlich durchsetzte, ist zwar als positives Zeugnis für das Procedere komplexer wissenschaftlicher Entscheidungs-findung zu werten, aber es bleibt die Frage, wie es einigen Machiavellisten der Wissenschaft überhaupt gelingen konnte, das Einvernehmen so gravierend in Frage zu stellen. Das war, so die Autoren, nur deshalb möglich, weil Wissenschaft ein langwieriger, komplexer Prozess der Wahrheitsfindung ist und der Zweifel als essentieller Bestandteil stets immanent. Die gezielte Streuung von Fehlinformationen und notfalls sogar massive persönliche Diffamierungen gegnerischer Experten verfehlen in einer medial überfluteten Gesellschaft ihre Wirkung nicht.

Das wissenschaftshistorische Lehrstück über die abgefeimten Strategien der Industrielobby und ihrer willfährigen Handlanger ist informativ und spannend, weist jedoch erhebliche Redundanzen in der stereotypen Kapitalismuskritik und gehäufte Druckfehler auf; und bitte, warum sollten Publikationen zum Risiko der Babypille „zunächst nur in speziellen Ophthalmologiezeitschriften erschienen“ sein? (s. S. 80) Diese Schwächen wären verzeihlich, sofern mehr Skepsis gegenüber der aktuellen Umwelt- und Gesundheitspolitik das Lernziel wären, d.h. sich Leser z.B. Folgendes fragen: Was machen eigentlich die rund 5000 Lobbyisten im Deutschen Bundestag und warum sind die meisten anonym? Wie unabhängig sind die rund tausend Stiftungsprofessuren an deutschen Hochschulen? Wieso gelingt es der Fraport AG eigentlich immer wieder, wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zur Gesundheits-gefährdung von Fluglärm und Feinstaub zu bagatellisieren? – Und wie wäre es mit einem verbindlichen Imperativ für Wissenschaftler, den der Philosoph Hans Jonas vorschlug: „Handle so, dass die Wirkungen deines Handelns nicht zerstörerisch sind für die Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ (siehe Max-Planck-Gesellschaft (Hrsg., 1984) Verantwortung und Ethik in der Wissenschaft. S. 258). (wh)

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